Des Donnerers Name ging wie Todesschauern durch das Riesenreich. Manche der Thursenfürsten suchten sich freundlich zu den Asen zu stellen, und Ägir, der Herrscher der offenen Meere, lud sie zu einem fröhlichen Umtrunk in sein Reich. Als aber die Götter kamen, war nichts zum Feste vorbereitet, und Ägir versuchte es mit einer Ausrede. Es sei kein Braukessel vorhanden, der das nötige Maß hielte.

Thor aber hatte keine Lust, auf den Männertrunk zu verzichten, und der Schwertgott Ziu, den die Nordmänner Tyr nannten, pflichtete ihm bei, denn er wußte einen Kessel.

»Hymir«, so kündete er, »heißt der Beherrscher des Eismeeres. Der Gedanke der Weltseele, der mich in der Urzeit gebar und mir die schneidige Schärfe des Sonnenschwertes verlieh, diese göttliche Mutter wurde von dem Eisriesen Hymir geraubt und zu seinem Weibe gemacht, damit die schneidende Schärfe des Eises auch einen Abglanz der Sonne erhalte. So schenkt die goldene Frau dem Eismeere Hymir die Mitternachtsonne. Mir blieb sie mütterlich gewogen, und wenn wir Hymir, der den gewaltigsten Braukessel besitzt und seine Verwendung der Welt vorenthält, den Kessel abzufordern vermögen, so ist es nicht nur uns, sondern der ganzen Welt zum Gewinn. Möge mich der Donnerer mit seinem Hammer auf der Fahrt ins Eis begleiten.«

Da war der Donnerer wohl zufrieden. Mehr noch, als seinen Durst zu stillen, freute es ihn, die Menschheit neuer Segnungen teilhaftig werden zu lassen, und schleunigst umgürtete er sich mit dem Stärkegürtel, steckte den Hammer handgerecht und brauste auf seinem Bockgespann mit dem Fahrtgenossen davon.

In seiner unwirtlichen kristallenen Halle, die sich auf meterdicken Eissäulen wölbte, war Hymir bei der Ankunft der Gäste nicht anwesend. Gütig nahm die stille Göttin der Mitternachtsonne den Wunsch des geliebten Sohnes aus der Urzeit entgegen, bewirtete ihn und Asathor und verbarg sie einstweilen hinter einer mächtigen Eissäule, als Hymir von der Walfischjagd zurückkehrte. Kaum jedoch hatte sie dem Riesen den Wunsch der Asen nach dem Kessel überbracht, als Hymir den Aufenthaltsort der Götter witterte und seinen schneidenden Frostblick so scharf durch die meterdicke Eissäule sandte, daß die Säule zerbarst und zersplitterte und die Asen sich dem Wüterich preisgegeben sahen. Bevor aber Hymir zugreifen konnte, hatte der Donnerer seinen Hammer wurfbereit. Da wurde der Riese zugänglicher und lud knurrend die Gäste zu Tisch. Der fröhliche Donnerer aber verspeiste zwei Ochsen auf einem Sitz, also daß dem geizigen Hymir graute und er den starken Asen aufforderte, am Morgen mit ihm zur Auffüllung der Vorräte auf den Fischfang zu fahren. Dort gedachte er sich des Widerwärtigen zu entledigen.

Als der Donnerer am nächsten Morgen mit dem Eisriesen zu Schiff ging, bat er Hymir um einen Köder für seine Angelschnur. »Such ihn dir selber!« hauchte ihn der frostige Gastgeber an. Der Donnerer wandte sich um, packte einen der Stiere Hymirs, riß ihm mit einem einzigen Ruck das Haupt ab und steckte es als Köder an die Angelschnur. Dann fuhr er mit dem fassungslos dreinschauenden Riesen ins Meer hinaus, und sie warfen ihre Angelschnüre. Frohlockend zog der Riese ein paar mächtige Wale ins Boot. Der Ase aber ruderte weiter hinaus ins Meer, und obschon der Eisriese zornig widerriet, aus Furcht vor der Midgardschlange in den offenen Gewässern, warf der Donnerer im Schwung den Stierkopf in die Flut, und schon hatte die wütende Schlange den Köder verschluckt und suchte an der Leine das Boot mitsamt seinen Insassen zu sich hinunter zu ziehen.

Der starke Ase nahm seine ganze Kraft zusammen. Er hielt die Schnur mit eisernen Fäusten und stemmte sich mit den Füßen so unwiderstehlich gegen die Planken des Fahrzeuges, daß beide Beine durch den Boden durchbrachen und er mit den Füßen auf den Meeresgrund geriet.

»Desto besser,« lachte Asathor, »hier steh ich nur umso fester.« Und er holte die Schnur in gewaltigen Zügen an sich heran, bis sich der scheusälige Kopf des Ungetüms über Wasser hob. Mit furchtbaren Augen starrten sich die beiden Feinde an. Dann hob der Ase den Hammer, um der Weltschlange den Schädel zu zerschmettern. Der Riese aber, der sein Schiff verloren wähnte, durchschnitt in Todesangst die Angelschnur, und die unheilvolle Feindin der Götter und Menschen verschwand spurlos in der Tiefe.

Unwirsch wandte sich der Donnerer dem hilfeschreienden Riesen zu. Aber als er ihn im Wasser sinken sah, gedachte er des Kessels und packte den Riesen mitsamt dem Boot und der Walfischbeute, warf alles über die Schulter und watete an Land zurück.

»Nun gib den Kessel,« gebot er in der Halle.