Noch einmal suchte der Riese den Asen zu überlisten. Er reichte ihm seinen Trinkbecher dar zu einem Wettspiel. Könne der Ase den Kelch zerschmettern, so sei der Kessel frei. Sonst aber bliebe der Kessel, wo und wie er sich befände.
Der Donnerer ging lachend auf den Handel ein. Aber die Felsen zerbarsten, gegen die er das Trinkgefäß schmetterte, der Kelch blieb heil. Da raunte ihm die gütige Göttin der Mitternachtssonne zu. »Härter als alles ist Hymirs Schädel«, und der Donnerer verstand und schlug den Kelch gegen des Eisriesen Haupt, und der Kelch sprang in tausend Stücke.
»Der Kessel ist mein,« sprach der Ase, und während sich Hymir die zerbeulte Stirn an einem der Eispfeiler kühlte, griff Ziu, den die Nordmänner den Tyr nannten, den Kessel an, ohne ihn aufrichten zu können. Der Donnerer aber packte ihn und stülpte ihn sich wie eine Mütze über den Kopf.
Gen Asgard richtete sich der Lauf des Bockgespannes. Doch Hymir war zu sich gekommen, brüllte über sein Gebiet hin, daß aus allen Löchern und Ritzen Riesen und Trolle kletterten, und umzingelte mit seiner Unholdschar den vorwärtsstürmenden Wagen.
Thor gab Tyr die Zügel. Er selber faßte den Hammer. »Achtung, er beißt!« donnerte er in den Haufen hinein, und der Hammer Mjolnir zermalmte Hymir und nach ihm seiner ganzen Schar die Schädel.
So brachten der Donnerer und sein Schwertgenosse den Kessel heim, und als sie ihn in Ägirs Halle schafften, war er so groß, daß das freie Meer sich weitete zugunsten aller Schiffahrt, und dem starren und vernichtenden Eismeer sein tiefstes Becken genommen war.
Und wieder und wieder zog der Donnerer aus, die drohenden Gefahren von Göttern und Menschen zu scheuchen. Selbst für Loki, den Arglistigen, stand er ein, weil er dennoch ein Ase war. Wohl hatte Loki aufs neue Tücke geübt und der schlummernden Freya das lichtspendende Halsband Brisingamen entwendet. Eben noch vermochte Heimdall, der treue Wächter, dem Flüchtigen nachzusetzen und ihn mit seinem guten Schwerte zu stellen. Loki aber entschlüpfte dem Schwertstreich als geschmeidige Robbe und tauchte in See. Doch schon war auch Heimdall in Robbengestalt in See getaucht, und die Robbe ergriff die andere beim Genick und biß sie dermaßen zu schanden, daß Loki, als er sich schleunigst wieder zurückverwandelte, im Gesicht und an den Gliedern zerschunden war, als hätte er in einem Brennesselfeld genächtigt, und reumütig das Halsband der Freya herausgab.
Der Donnerer wußte um diese Streiche und um manche andere. Aber im Stich ließ er auch den Heimtücker und Schadenfrohen nicht, der zu den Asen zählte. So ehrlich dachte Asathor.
Loki gedachte zur Abwechslung zu dem Glutriesen Geirröd zu fahren, wie der Donnerer zu dem Eisriesen Hymir gefahren war. Er entnahm Freya das Falkengewand und flog hinaus, bis er Geirröds Dachstuhl fand und neugierig durch die Esse schaute. »Fangt mir den seltenen Vogel«, befahl Geirröd seinen Riesen, und die ungeschlachten Kerle kletterten so täppisch an den Hauswänden hinauf, daß Loki seine helle Freude hatte und, um sie zu ärgern, in Ruhe sitzen blieb. Als endlich einer der riesigen Gesellen die Hand nach ihm strecken konnte, hob er voll Spott die Flügel, um sich nachlässig zu verabschieden – aber o Schreck, die Beine klebten fest. Er war dem Riesen auf den Vogelleim gegangen. Vom Dachstuhl heruntergeholt, weigerte sich der sonderbare Vogel, Namen und Herkunft zu nennen, und Geirröd sperrte ihn drei Monate lang in einen engen Käfig, bis er sich vor Hunger krümmte. Da wurde er mitteilsamer und gab Auskunft.