Der Ase sprang vom Stuhl und forschte nach. Da hatten die beiden Riesentöchter Geirröds unter dem Stuhle gehockt und den Gast zu zerquetschen versucht. Nun aber lagen sie beide tot und mit gebrochenem Rückgrat.
Ein Bote stand unter der Tür und forderte den Donnergott zu einem Wettkampf mit Geirröd, dem ungezähmten Glutriesen, in die Halle. In einer mächtigen Esse lag ein weißglühendes Eisenstück. Das griff Geirröd mit einer Zange heraus und schleuderte es dem Donnerer gegen den Kopf. Der Ase aber haschte es mit den feuerfesten Handschuhen der Freundin Grid, wog es in der Hand und holte aus. Wohl flüchtete sich Geirröd hinter die dickste Steinsäule der Halle – dem Donnerer war, als führte er seinen Hammer, und mit solcher Wucht warf er den weißglühenden Eisenklotz, daß die zerschmetterte Säule mitsamt dem Eisenklotz dem Riesen in den Leib fuhr und seinen Leichnam gleich einen Klafter tief in der Erde begrub.
Ohne weiteres kehrte der Donnerer zu der Erdriesin Grid zurück, und der befreite Loki trabte hinter ihm drein. Und als Thor der Asenfreundin Stab, Gürtel und Handschuhe zurückerstattet und ihr eine Nacht lang zärtlich wie ein Bär die Backen gestreichelt hatte, fuhr er mit Loki gen Asgard, und Loki vergaß ihm den Dank zu sagen.
Was kümmerte das Asathor! Er holte sich nur seinen Hammer Mjolnir und fuhr wieder hinaus zu neuen Kämpfen, um Göttern und Menschen Luft zu schaffen vor dem drohenden Schicksal.
Wodans Wunschmädchen.
Mehr als alle die anderen Götter kämpfte Wodan um das Schicksal Asgards und seiner Bewohner. Nicht allein mit dem todbringenden Speer Gungnir, den er über die Heereswogen schleuderte, um seinen Anhängern auf Erden den Sieg zu verleihen oder sich die Besten und Tapfersten für Walhall zu erkiesen. Seine Gedanken holten weiter aus, suchten die Wurzel der Dinge auf und begannen die Fäden der Schicksalsgöttinnen zu dehnen und zu längen. Der König der Götter nahm sein Amt als Pflicht, Verantwortung und Fürsorge.
Wodan wußte von keiner Erholung. Er wußte nur, daß an einem Schicksalstag das Ende hereinbrechen würde und der Götter letzter Kampf. Und gerade weil er es wußte, wurde ihm königlich zumut. Die letzte Schlacht sollte ihn und die Götter gewappnet finden. Waren sie dem Untergang geweiht, so sollte bis zum letzten Atemzug gekämpft, mit den letzten furchtbaren Schwerthieben noch die Welt von den Unholden der Dunkelmächte gereinigt werden. Das waren Wodans königliche Heldengedanken.
Alles Wissen mußte er besitzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Keine Mühe war ihm zu groß, es zu erwerben, um danach die Fäden seiner Gedanken spinnen zu können. Am Fuße der Weltesche saß er bei den Nornen, den Schicksalsmädchen Urd, Werdandi und Skuld, und forschte, was sie über Leben und Sterben seiner Menschen beschlossen hatten. Am Brunnen Mimirs raunte er mit dem Haupte des Urzeitweisen, um aller Geschehnisse Ursprung zu erkunden und ihre verwundbaren Stellen. Ja selbst die Toten rief er ins Leben zurück, damit sie ihm das Zukünftige, das sie früher erschaut hatten als die Lebenden, aussagten, und oft lagerte er sich auf den Richtplätzen, unter den Galgen der Gehenkten, und beschwor sie so zauberkräftig, daß die armen Seelen ihm anhingen und in allen Dingen zu willen waren. Wenn dann die Herbststürme erbrausten, setzte er sich an ihre Spitze und raste mit ihnen in wilden Jagdzügen durch die Luft, um sie bei kriegerischer Laune und Wildheit zu erhalten. Für die Stunde des Kampfes.