Zum Wanderer war Wodan geworden, und er ging zu den Lebenden und prüfte sie auf ihr Heldentum und merkte sich die Unerschrockenen und Schwertkundigen. Den herabfallenden Hut tief in die Stirn gedrückt, den verwitterten blauen Mantel um sich geschlagen, wanderte der Einäugige durch die Welt und sah mit tausend Augen. Über Meere und Ströme fuhr er mit dem Wunderboot Skidbladnir, einst dem Freyer geschenkt von den Zwergen, das ohne Wind und gegen jeden Wind fuhr und sich zusammenfalten und in der Manteltasche bergen ließ. Zu allen Stämmen kam er, die den Göttern in Asgard opferten, und er nannte sie, die kriegerischen Blutes und heldischen Mutes den Ger schwangen, den Jagd- und Schlachtenspeer, die Ger-Mannen, die Germanen. Oft blieb er in ihren Gehöften zur Nacht, veredelte ihr Blut und ihren Sinn und zeugte neue Heldengeschlechter, würdig, einzureiten in Walhall. Für den letzten Kampf.

»Kampf« hieß die letzte Schicksalslosung der Götter und der Menschen. Wenn am letzten Tage aller Dinge Surt losbrach, der König der Feuergeister in Muspelheim, wenn die Riesen aus Jotunheim anstürmten mit den Trollen aus Utgard, wenn der wütende Fenriswolf seine Bande zerriß, die giftgeifernde Midgardschlange sich heranwälzte und die dunkle Hel mit aufgerissenem Schlund Leichen schlang, hieß die Losung: Kampf dem Verhängnis! Daher liebte Wodan schon heute die Kämpfe auf Erden und begünstigte sie als Vorbereitung für den letzten schwersten Kampf.

Die Heerkönige der Germanen wünschte er in Walhall und ihre Heldenscharen, ungezählte Tapfere, Tausende und Hunderttausende. Zuvor sollten sie Bankgenossen sein beim Met, einst aber seine Schwertgenossen. Alle die Ger-Mannen, die auf Erden rühmlichen Waffentod erlitten hatten.

Hoch und herrlich war Walhall gebaut, seine Wände aus Speeren, seine Dächer aus Schilden, und statt der weichlichen Polsterung schmückten die Bänke im Saal schimmernde Brünnen. Wodans Zeichen, Wolf und Adler, hingen über dem Eingang. Doch hatte der Saal noch fünfhundertundvierzig Türen, eine jede für den Auszug von achthundert gewappneten Streitern berechnet. Und am Abend blitzte das Licht spiegelblanker Schwerter durch die Halle, als wäre sie von Fackeln erleuchtet.

Hierher kamen die Tapfern, die auf Erden ihren Kampfwunden erlegen waren, hierher und in den Saal Wingolf, die Halle der Göttinnen. Und sie wurden von den Göttern, die sie mit offenen Armen empfingen, die »Einherier« genannt, die »göttlichen Streiter«.

Allvater selber wählte sie aus, die auf der Walstatt fielen. Walvater hieß er darum, und Walsöhne, Wunschsöhne, die er nach Walhall berief. Oft rief er sie selber, wenn er auf seinem Hengste Sleipnir, den goldblitzenden Flügelhelm auf dem Haupt und den Todesspeer Gungnir in der Faust, über die ringenden Heere brauste. Kein herrlicheres Männerlos, als Wodans Ruf nach Walhall teilhaftig zu werden! Oft auch, wenn andere und dringendere Verrichtungen ihn hinderten, sandte Wodan seine Saaltöchter aus, seine Schildmädchen und Wunschmädchen, die Walküren, Sieg und Tod zu verleihen und die Auserwählten nach Walhall zu rufen.

Auf stürmenden Wolkenrossen jagen sie dahin, den jungfräulichen Leib von schimmernder Brünne umpanzert, den leuchtenden Helm in das goldrot flatternde Haar gedrückt, den Schild am Armgelenk, den flammenden Speer wurfgerecht in der Faust. Überirdisch schön und die Sehnsucht der Helden, die nach ihnen verlangen, das Wunschziel der irdischen Frauen, die in Helm und Harnisch den Männern folgen in die Schlacht oder auf wilde Wikingsfahrt.

In der heiligen Dreizahl stürmen die Walküren dahin, zu dritt oder zu zweimal Drei, dreimal Drei oder zu Zwölf. Sie entscheiden die Schlachten, ihr Speer bringt den Tod, aber neue Wonnen bringt er mit dem Tod – den Ruf nach Walhall. Wunschlos und nach des Schicksals Vorschrift müssen die Walküren entscheiden. Jungfräulich müssen sie sein und dürfen niemanden angehören als den Helden in Walhall, den Einheriern. Wer sich von den Schildmädchen gegen Wodans Gebot vergeht, wird in Schlaf versenkt oder verbannt. –

Mehr als bisher sah man in diesen Zeiten, da Wodan als Wanderer die Welt durchzog und bei Königen und Kriegern nach Helden forschte, die Walküren reiten. Denn mehr als bisher herrschte auf Erden der Krieg, verlangten die Männer, die die höchsten Mannesehren ersehnten, nach Walhall, horchten sie auf den Schrei der Walküren, auf den sausenden Speer, der sie entbot. Dann machten sich die Geister der Gefallenen auf den Weg, durchwateten einen reißenden Strom und pochten an die heilige Totenpforte Walgrind, die Eingangspforte zu Walhall. Von Walküren geleitet, traten sie in den Saal, vom jubelnden Zuruf der versammelten Einherier umbraust, von den Göttern gerühmt und bewillkommnet. Selig saßen sie nieder auf den Bänken und nahmen aus den Händen der Schildmädchen den schäumenden Humpen Met, der aus dem Euter der Ziege Heidrun auf Walhalls gewölbtem Dache floß, ohne je zu versiegen, oder den saftigen Braten vom Eber Sanhrimnir, der sich täglich erneuerte. War Wodan in Asgard, so thronte er unter ihnen, doch aß er nicht und gab das Fleisch seinen Jagdwölfen. Nur dem Wein sprach er zu, der göttlichsten aller Gaben.