Frühmorgens ritten die Einherier hinaus auf die Wiesen zum Kampfspiel. Da pfiffen die Klingen, da sausten die Speere, da wurde mancher Schild zerbeult und aus manchem Helm Funken geschlagen. Purpurne Wunden gab es und Heldentod, aber wenn der Abend nahte und das Göttermahl, sprangen Tote und Verwundete heil und gesund wieder auf die Füße, schüttelten sich strahlend die Hände und saßen Schulter an Schulter auf der Zecherbank. Die Wunschmädchen reichten ihnen den Trunk, lehnten sich an sie und horchten ihren brausenden Gesängen. Dann sang auch Bragi, der Dichtergott, und er sang den Ruhm der Einherier, daß aller Augen leuchteten und der Wunschmädchen Hände ihre Häupter liebkosten.
Eine Seligkeit war es, in Walhall zu hausen, und die Sehnsucht aller Männer. Wodan aber sorgte wohl, daß sein Heerbann wuchs. Wodan, der Walvater und Allvater. Er sorgte für den letzten Kampf.
Immer kriegerischer wurde der Sinn der Völker. Auf weiten Wikingfahrten fuhren sie über die See, sie kämpften an Land, wo ein Schlachtfeld sich bot. Schutzgeister schuf Wodan seinen Lieblingen, die ihnen vor sehenden Augen erschienen, ihnen rieten und sie schirmten. Das waren die Fylgien, die Seelenfrauen. Aber auch Wolfsgestalt und Bärengestalt verlieh er oft den Kämpfern, daß sie wie wild und besessen in die Feinde stürmten und alles niederrissen. Werwölfe nannte man die Wolfshäutigen und Berserker die Bärenhäutigen, die aus- und einfuhren in Tier- und Menschengestalt und dem Schlachtengott Scharen von Einheriern zuführten. Wie Wodan sie liebte! – – –
Wieder und wieder mußten die Walküren reiten, wenn Wodan von den Nornen oder von Mimirs Brunnen kam. Oft auch eilten sie frei und ohne Geheiß hinaus, lagerten die Nacht vor der Schlacht in einer Hütte auf der Walstatt und woben aus Schwertern und Speeren heimlich das Schicksalsgewebe für Heerkönige und Krieger. Dann rauschte ihr dunkles Lied wie suchender Sturm durch die Nacht:
»Mit Schwertern schlagen wir dies Siegesgewebe. Wir kamen zu weben mit gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild wird zerbersten, die Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres! Folgen wir dem König, dem siegreichen Helden! Blutige Schilde wird man sehen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres. Voran wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsere Freunde die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, daß ihr Leben vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür. Die Freunde sollen siegen und die Feinde unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet. Schrecklich zu sehen, ziehen blutige Wolken am Himmel. So singen dem König wir Siegeslieder und reiten auf schnaubenden Hengsten, die Schwerter gezogen, fort von hier.«
Wie Blitz und Wetterleuchten über der tobenden Männerschlacht, so jagten sie auf ihren Wolkenrossen, Flammen auf den Spitzen ihrer Speere, über die Reihen der Kämpfer hin, hemmten den Anlauf der Feinde, verwirrten seine Linien, fesselten die Gefangenen, befreiten die Freunde und warfen den, dem sie das Schicksal gewoben, durchbohrt vom Roß.
Krieg war entbrannt zwischen den Königen Hialmgunnar und Agnar. Der alte König Hialmgunnar, ein fester Degen, bat Wodan um Gunst und Sieg und versprach ihm ein blutig Schlachtfeld. Da lachte Wodan das Herz im Leibe, und er sagte ihm Sieg und Leben zu. Seine Wunschmädchen rief er herbei und hieß sie reiten für König Hialmgunnar, den Alten, und befahl Brynhild, der Walküren Führerin, den Agnar zu fällen und sein Heer in die Flucht zu jagen.
»Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte an ihm vorbei.«