»Allvater!« bat Brynhild mit zuckenden Lippen.

»Du warst mein Lieblingsmädchen unter allen meinen Wunschtöchtern,« sprach Wodan leise. »Dennoch – ich kann dich nicht schirmen gegen mein eigenes Wort. Beuge dich zu mir. Ich will in barmherzigen Schlaf dich senken.«

»Allvater,« flehte Brynhild, »laß kein anderer mich als Gemahl berühren denn ein furchtloser Held.«

Stumm nickte ihr Wodan Gewähr. Und sie beugte sich zu ihm, und er stach sie mit seinem Schlafdorn in die Schläfe, daß sie schlummernd zu seinen Füßen hinsank. Wodan aber gedachte seines Versprechens vom furchtlosen Helden und zog eine wabernde Lohe rings um den Platz, auf dem Brynhild schlummernd lag. Nur ein Held, der das Fürchten nicht kannte und das Sterben verlachte, würde die Flamme durchreiten. Und sinnend und forschend ritt Wodan heim nach Walhall. –

Wieder flogen Walküren aus, und sie kamen an eine Bucht und legten ihre Schwanengewänder ab, um zu baden. Im Laube versteckt aber saß Wölund, der kunstreiche Schmied, den sie auch Wieland nannten, mit seinen Brüdern, und sie nahmen den Jungfrauen heimlich die Gewänder weg und zwangen sie so in ihren Dienst. Neun Jahre lehrten die Himmelsmädchen die Brüder alle Geheimnisse, bis sie die verborgenen Gewänder wiederfanden und sich im Schwanenkleid auf und gen Asgard schwangen. Wieland aber wurde tiefsinnig aus Liebe nach dem entschwundenen Himmelsglück, und die Gemeinschaft der Menschen war ihm unerträglich. Als sein Feind, der König Nidung, ihn durch List gefangengenommen und ihm die Sehnen an den Füßen durchschnitten hatte, damit er nicht entfliehen könne und ihm Schwerter und Kostbarkeiten schmieden müsse, soviel er begehre, fertigte Wieland nach dem Schwanengewand seiner entschwundenen Liebe, dessen Geheimnisse er wieder und wieder durchforscht hatte, in jahrelanger Arbeit ein Flügelkleid für sich selbst, spannte es um seinen zermarterten Körper und flog mit glühendem Geist gen Himmel. So gewaltig wirkte der Walküre Zauber auf den nach dem Höchsten strebenden Mann. –

Wieder aber flogen Walküren aus und trafen auf einen jungen Königssohn, den die Stiefmutter Knechtesdienste verrichten und bei Nacht die Herden hüten ließ, damit er blöde würde und dem Thron ungefährlich. Svanhvit war die Führerin, und als sie mit ihren Gefährtinnen auf das Feld kam, sahen sie in der Ferne Unholde und Gespenster gegen den einsamen Knaben reiten. Der aber weidete ruhig seine Herden. »Verberge dich,« rief sie ihm zu, »die Nachtmare kommen über dich!«

Der Königsknabe hob lächelnd die Augen zu der eifrigen Warnerin.

»Soll ich mich etwa fürchten, wunderbare Jungfrau?«

»Ich bin's, die für dich fürchtet, du Lieber,« rief die Walküre, gerührt von so viel Knabenreinheit, »und ich leihe dir mein eigenes Schwert, damit du um dich schlagen kannst. Ich aber will dir zusehen und mich an dir freuen.«

Strahlend nahm der Schäfer das Schwert und wog es in den Händen. Die Blödigkeit des Hirten schwand aus seinen Mienen, das Königsblut schoß ihm ins Gesicht. Mitten auf dem Weg, den die Unholde kamen, stand er und schwang lachend das Schwert und schlug um sich die ganze Nacht, bis beim Morgengrauen das letzte Nachtgespenst zur Strecke gebracht war. Und er zog weiter und warf sich zum rechtmäßigen König auf, und Svanhvit stand ihm zur Seite und weckte alle seine Heldenkräfte, bis er den Thron gewann. Da legte die in Liebe entbrannte Walküre freiwillig das Flügelkleid ab und blieb bei ihm als seine Königin.