Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans Freund auf der Erde hieß. Aber auch vom Ruhme bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur Unsterblichkeit erhoben.
Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen Landen, der zögerte keinen Herzschlag lang und wählte Wodan für sich und seine Geschlechter. Lieber als ein königlich Volk mit seinen Göttern untergehen, denn als namenloser Sklave fronen. Und es waren die Besten Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf Wodans Bänken sammelten und nach ihrem irdischen Tode noch ihre Namen ehrfurchtgebietender und strahlender hielten, als alle die lebenden Weichlinge und Feiglinge zusammen.
Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige. Da saß Sigmund unter ihnen, der Rheinfranken König, der ein Sohn Wolsungs war und von Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um den Tisch der Einherier zu schmücken durch die Erziehung von Helden, Geschlechterreihen hindurch.
Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung die Tochter Signy dem ungeliebten König Siggeir von Gautland vermählte. In der Festhalle Wolsungs saßen die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich verstummte jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter, einäugig, in breitrandigem Hut und blauem Mantel, war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der Halle wuchs und seinen Wipfel über das Dach breitete. Ein Schwert trug er unterm Arm, und er nahm es und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten Stamm.
»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör es an! Wer es herauszuziehen vermag, der führe es!«
Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um und ging aus der Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.
»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,« raunten die Rheinfranken. Und es herrschte langes Schweigen und seltsames Grübeln im Saal. Dann aber traten die Männer an den Baum.
Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran. Umsonst. Seine stärksten Helden nach ihm. Vergeblich. Sein Schwiegersohn, der Gautenkönig Siggeir zog und riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich nicht. Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck riß er das Schwert aus dem Stamm und schwang das Aufblitzende durch die Halle.
Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres Heldenleben. Siggeir forderte den Stahl von dem jungen Schwager, der das Begehr lachend abwehrte. Da lud Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher Bitten der Wolsungentochter Signy, seines Gemahls, bis auf Sigmund, dem er das Schwert Gram – das ist »Zorn« – entwendet hatte. Ihn ließ er im finstern Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre schmählich verkommen sollte. Signy aber liebte den strahlenden Bruder Sigmund so heiß, daß sie sich nächtens heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte und pflegte und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß Sinfiötli, und Sigmund und Sinfiötli lebten im Walde wie die Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark, bis Sigmund die Stunde für gekommen erachtete, nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem Mörder seines Vaters Wolsung.