Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen. Als es zur Welt kam, war es ein goldblonder Knabe von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn Sigurd. Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte, das er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen durfte. Ein alter Mann kam über die Weide, einäugig, in blauem Mantel und breitrandigem Hut. Der trieb die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die anderen schwammen das Ufer entlang. »Den nimm,« riet der Einäugige. »Er stammt von Sleipnir, dem Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte ihn nach seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert forderte er, und als sein kräftiger Arm jede Klinge am Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die Stücke des Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund, und ein kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus aufs neue eine unbesiegbare Waffe. Dann rüstete Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar auserwählter Männer ins Reich der Hundingssöhne, als echter Wolsung zuerst Blutrache zu nehmen für den erschlagenen Vater Sigmund.
Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt. Aber da war der alte Einäugige wieder, der sprang in Sigurds Schiff und steuerte es sicher durch den Wogenbraus und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd erwarten konnte, an Land zu gelangen.
König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen. Eine mörderische Schlacht hob an, bis Sigurd, alles niedermähend, zum Banner König Lyngis drang und im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram den Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile spaltete.
Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf ragendem Rheinfelsen den Drachen Fafnir, den Hüter der Schätze, die einst die drei wandernden Götter Wodan, Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den irrig erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das Drachenherz und trank das Drachenblut und verstand mit einem Male die Stimme der Vögel, die von der allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds Jünglingsherz.
Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram an der Seite, ritt er durchs Land, bis er den Feuerschein gewahrte, und sprengte furchtlos durch die Flammen, die über seinem Haupte zusammenschlugen, und gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd auf den Mund küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung! Wach auf, Brynhild, und werde mein Weib!«
Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.
»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater sei Dank für meine Erlösung!«
Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide Arme um den Hals und erzählte ihm von ihrer Herkunft und ihrem langen Harren, und sie tauschten heiße Schwüre und verlobten sich einander.
Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt, Heldenruhm heimzubringen, und er kam auf seiner Fahrt zu König Gibich, der drei Söhne besaß und eine Tochter. Die Königin aber wünschte sich den herrlichen Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm für des Hauses Schatz. Einen Vergessenheitstrunk gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er Brynhild vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als dann der alte König Gibich gestorben war, wünschte der junge König die schöne und reiche Brynhild zu freien, und Sigurd, der nichts mehr wußte von seinem einst beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte mit dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild. Das tat er zu seinem Verderben.
Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des Gibichensohns, kam hinter den Betrug. Denn ihr Gatte war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande mit seinen Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen und Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß Sigurds Tod. Da ging sie hin und warb einen Getreuen. Und der Getreue fragte nicht viel und nahm einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen hatte, in den Rücken.