Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen. Als der Holzstoß lohte, der des Helden Leiche trug, warf sie sich zu Sigurd in die Flammen, barg sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren furchtlosen Erwecker in den Armen. –
Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom Rhein, saßen Wolsung und König Sigmund, saßen Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und Sigurd Drachentöter unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.
Da saß der Dänenkönig Harald Hildetand, das ist »Eberzahn«. Blutjung war er mit seinen Drachenschiffen ausgefahren, um sich in Dänemark, seines Vaters Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten. Harald Hildetand verlor den Mut nicht einen Pulsschlag lang. Laut rief er Wodan an und weihte sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst sein irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte – siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut und Wettermantel am Steuer, und das Schiff flog wie ein Falke über das Meer und in den dänischen Hafen.
Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen Dänen. Hildetand, Eberzahn, nannten sie ihn, weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne wie Eberzähne wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht leichten Kaufes aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges Heer zusammen, daß der Dänenschar graute. Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger trat der Einäugige im blauen Mantel und trat heimlich belehrend zu Harald Hildetand und stellte das Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels. Den Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede Hand ein Schwert, sprang an die Spitze des Keiles und ließ die Hörner blasen. Und der Keil drang in das Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in Fetzen auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald Hildetand und schnitt mit seinen Schwertern wie mit Sensen nach links und rechts die Garben und weihte die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater willkommene Beute.
Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm Harald Hildetand Wodan zu Ehren, und fünfzig Jahre der Regierung schenkte ihm Allvater. Dann aber wünschte er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von Harald Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber Brugi, der mit einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen Sigurd Ring gefahren und auf der Reise ertrunken war. Harald Hildetand selbst hatte den tapferen Neffen zum König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan nach Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen Harald Hildetand und Sigurd Ring, die nur das Schwert lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten Schweden und Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß geworden und der glühende Wille, den anderen für immer zu vernichten. Und nach sieben Jahren trafen sich die Heere aus dem Brawallafeld in schwedischen Südlanden.
Blind war König Harald Hildetand geworden von der Zahl der Jahre und ein Greis. Kein Roß vermochte er mehr zu besteigen. Aber auf einen Schlachtwagen ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts, ihr Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine Dänen an.
»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der blinde Greis nach einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«
Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend: »Er kämpft in der Keilform des Eberrüssels!«
Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und Wodan war dies Geheimnis der Schlachtordnung bekannt. Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi, es war Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde Haupt und machte sich ruhig zum Sterben bereit.