Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch die dunkle Nacht ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer Hrani Wodan selbst gewesen war, der ihm mit geweihten Waffen ein langes Leben verleihen wollte, und er wandte sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte, Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte Wodan sein Leben früher als bisher.

In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne Krieg. Da gedachte seiner Schwester Mann, es sei an der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam mit einem unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich zu Gast. In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in der Burg niedermetzeln, und nur den zwölf Eidgesellen gelang es, sich zur Schlafkammer ihres Königs durchzuschlagen. Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen aus demselben Horn sich zu und erneuerten den alten Schwur. Dann warfen sie sich singend auf den Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu Tode, als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.

Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis Thron. »Ist noch ein Mann übrig von meines Schwähers Gesindel?« Und die Tür öffnete sich, und ein alter einäugiger Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals. –

Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. –


Da saß auch ein Schwedenheld, König Beowulf. Abenteuerlustig und furchtlos war er gewesen, wie kaum ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde gehörte er an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten. Und eine Tat, der Götter würdig, hatte er getan.

Von dem scheußlichen Meerriesen Grendel ging zu jener Zeit erneut Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig Hrodgar hatte nahe dem Meere eine herrliche Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser. Da tappte bei Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern der Meerriese Grendel hervor, und das Ungeheuer würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht schlich er auf Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl ritzte seine Haut, kein Männerherz konnte ihm widerstehen. Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer sie betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen. Laut jammerte das dänische Volk und rief nach dem Retter.

Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts von Gruseln kannte und nur das Zupacken, wie es der Donnerer liebte. Als halber Knabe noch hatte er fünf Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend im Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem Meeresgrunde Wasserungetüme erlegt und von den nadelspitzen Klippen neun Wassermänner heruntergestochen, bis ihn eine Woge glücklich wieder ans Land geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten Manneskraft aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu bekämpfen, und er nahm vierzehn unerschrockene Männer mit sich.

Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so beschloß der kühne Schwede, ihm waffenlos und nur mit den bloßen Fäusten zu begegnen. Seine Gefährten schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen hatte. Beowulf lag zwischen den Seinen mit wachen Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor und Sumpf und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war Grendels Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach den Türriegel, schlürfte in den Saal, ergriff den ersten der Schlafenden, riß ihn in Stücke und sog das Blut aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte Beowulf zu und packte so furchtbar stark, daß er dem Ungetüm alle Finger der Hand zerbrach. Brüllend wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt fest. Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte den Fuß gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk in seinen Fäusten wie in einem Schraubstock. Da rissen des Riesen Achselsehnen von der übergewaltigen Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus und blieb mit der Riesenfaust in Beowulfs Händen. Der nagelte die Faust unter dem Jubel der erwachten Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte und schwand.