Um Baldur.
»Gut ist's, bereit zu sein.«
Am Tische der Einherier war das Wort gefallen. Wodan wußte es lange. Und er wußte die Vorzeichen, die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn der sonnenlose Winter die Lichtzeiten Frühling und Sommer vernichtet haben wird.
Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und der Sommerhöhe, noch lebte Baldur, der fleckenlose. Auf seiner himmlischen Burg Breidablick, dem Breitglanz des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe Nanna, die da war wie eine Blume zwischen Blüte und Frucht, und das Glück der Wärme ging von ihm aus. Alle liebten sie ihn, die Götter wie die Menschen, und selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften. Lebensfröhlichkeit war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung, Liebe zur Arbeit, Glaube an eine höhere Welt. Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu höheren Dingen. Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag und aus dem Feiertag wuchsen die Künste, die wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es, der allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur höheren Weihe verhalf.
Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der Welt die Gesittung.
Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage schwermütig dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden Träumen zerquält wurde. Schnell merkten es die Götter, denn das glückliche Lachen tönte nicht mehr von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten es auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und der Sommer ohne Freude, und selbst die Riesen spähten unruhig nach dem bißchen Licht und Wärme ihres Himmels aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle seine Träume und Gedanken offenbarte.
Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter Baldurs, faßte sich zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr. Also galt es, nicht zu beratschlagen, wie die Männer taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf und ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte, zu Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer und Wasser und Erde, zu Erzen und Steinen, Pflanzen und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles nahm sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs nimmermehr zu schaden. Da war große Freude, als die stillsorgende Himmelsmutter wiederkehrte und in Asgard Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte. Wie die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit, und sie trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um den Zauber zu erproben. Nur Loki stand mißgünstig zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen auf Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm zielten, ohne dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid antun zu können. Denn Loki empfand, daß seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.
Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise der Fröhlichen und sattelte seinen Hengst Sleipnir. Denn er vermochte nicht freier zu atmen trotz der Eide, die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil er die Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht betrügen ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen Wissen wollte er machen und in die finstere Hel, das Reich der Todesgöttin, reiten.
»Wir reiten zur Wolwa, der Weissagerin, die jenseit der Hel im Grabe ruht,« sprach er zu seinem Rosse, und Sleipnir schoß wie ein Vogel hinab gen Niflheim. Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch Wodan achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse, bis er am Rande des Totenreichs das Grab der Wolwa fand. Hier saß er ab und sang der Hexe den Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.