Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen mit Baldur die fröhlichen Kampfspiele. Immer noch ging Loki neidverzehrt umher. Eine neue Arglist sann er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten Dienerin zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte mit ihr.
»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling. Nichts und nichts auf der Welt vermag ihm zu schaden.«
»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte freundlich Frigg und zählte sie alle her, bei denen sie gewesen war.
»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«
»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus, die in den Bäumen wuchert. Kaum hat sie das eigene Leben.«
Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand die unscheinbare Mistel, die nur im Winter blüht, und schnitt sie ab und fertigte aus der Ranke einen dünnen, scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis der Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des Frühlings und der Sommerhöhe, ihre Speere schossen, und traf auf den blinden Hödur, den Gott der Nächte und des sonnenlosen Winters.
»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der Arglistige. »Auf, versuch deine Kunst.«
»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht und führe keine Waffe.«
Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die Hand und lenkte seinen Arm. Mächtig warf der blinde Hödur, pfeifend durchschnitt der dünne scharfe Ger die Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.
Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut entrang sich ihrem Munde. Tot war Baldur, und ein Mord war geschehen im Himmel. Und plötzlich war ein wildes Weinen in ganz Asgard.