An der heiligen Freistätte durften die Götter die Übeltäter nicht greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur stand wie versteinert. Frigg aber, die Schmerzensmutter, wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.

»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster Sohn. Wer reitet den Weg und bittet ihn los von der Hel gegen alles Lösegeld, das sie verlangt? Wer fürchtet sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«

Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und das schnellste Roß wurde gebracht, Sleipnir, Wodans achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich in den Sattel und trat den Helritt an.

Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit, der auch die Götter unterworfen waren, daß die Seele dessen, der in Asgard verschied, zur Hel mußte. Wie wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner gewesen, wenn sie in derselben Stunde des Todes in Walhall auferstanden wären und wiederum unter Göttern und Helden gesessen hätten! Wer von den Göttern fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es die ausgleichende Gerechtigkeit.

»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie zur Besinnung kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit es Männer waren, gab es kein heiliger Wort. Und sie blickten einander in die Augen, wer sie üben solle.

»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem Blute wird Baldur gerächt werden. Euch aber brauch ich zu anderen Taten.« Und er ging hin und fand die riesische Jungfrau Ried, die sich zu den Asen hielt, und sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den Wodanssohn Wali. In selbiger Nacht wuchs Wali zu seiner ganzen Manneskraft auf, und er kämmte nicht sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder ziemte. Hödur, Baldurs Mörder, suchte er auf und traf den Unglücklichen am Rande der Morgendämmerung und erwürgte ihn. –

Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres Wetterleuchten.

Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und betteten sie hoch oben auf dem Holzstoß, den sie auf des toten Gottes Luftschiff Hringhorn geschichtet hatten. Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem Bockgespann brauste der Donnerer herbei, Freyer fuhr mit seinem goldborstigen Eber, dem Geschenk der Zwerge, Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr Katzengespann. Zu Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen die Götter und Göttinnen alle, und viel trauerndes Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im ständigen Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur ausnahm aus aller Feindschaft. Die Himmel weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und ein wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.

Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des Gottes leuchtender und wärmender Liebe wie eine Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht, vermochte ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie sie auf, daß der Schrei des Namens wie aller Klagen Klage durch die Welten lief, und in diesem einen Schrei brach ihr das Herz.

Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den Holzstoß, und sie lag zur Seite des Geliebten, dem Frühling und Sommer das Leben waren.