»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur, meinen Bruder.«

»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,« entgegnete Modgud besänftigt. »Fünf Haufen Toter ritten gestern über die Brücke, aber die Hufe aller ihrer Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die deines einzigen.«

»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.

»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der Hel, wo sie selber thront.« Und sie wies ihm den Weg.

Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis und gelangte an ein haushohes Eisengitter, das die Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach verriegelt war die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.

»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste ins Ohr und nahm ihn zum Sprunge zurück. Und Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im Steilsprung über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle. Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat er ein.

Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das Bild, das dort sich ihm bot, erblickte.

Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die grausige Hel mit hängendem Kopf und klaffenden Kiefern auf ihrem Thron. Unerbittlich war ihr Gesicht. Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen Augen Könige und Helden, die den Strohtod gestorben waren an Krankheit oder Altersschwäche, und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in dem die Walküren zu Walhall entbieten.

So still und traurig war es, daß man die Tropfen von den Steinwänden fallen hörte in grauenhaft eintöniger Wiederkehr.

Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen, den Boden mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren Baldur, von Nanna umschlungen. Vor ihm stand der Metkrug, wie vor den Königen und Helden, aber unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes Geist träumte in die Zukunft.