Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und setzte sich zu ihm. Die ganze Nacht sprach er zu ihm über das Weh der Welt und über die Wünsche Friggs, den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller Wesen. Und Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.

Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne der Hel.

»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche der mächtigen Asen bringe, Baldur heimzusenden nach Asgard. Seit er schied, ist die Welt von Schmerzen erschüttert und will nicht mehr leben. Was aber sind die Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende Welt! Verzichte auf dein Recht auf Baldur, und die Menschen werden dich lieben, wie sie Baldur lieben.«

»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere Hel, »aber der Bittende hat tausend Gründe, wo das Recht nur einen hat. Trotzdem: ich will deine Gründe erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt um Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen, so soll er heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges Liebe und Tränen, so muß er bleiben. Geh hin und künd es den Göttern.«

Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von Baldur, und Baldur gab ihm für Wodan den Ring Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche der Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab von den reichen Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt hatten, Gewänder und Gewebe für Frigg und Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod den Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um Baldur weinte und weiter weinen würde, um Baldur, den jeder lieben mußte.

Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg entlang. Und Hermod sah die Scharen der Müden und Stillen des Weges ziehn, die sich freuten, im Reiche der Hel die Ruhe zu finden, aber er sah auch die Scharen der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter, die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie durften nicht über die Brücke des Totenstromes Gioll hinüberwandern und mußten mit nackten Füßen durch das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen lauerten in Hels Reich auf die, die um eigenen Vorteils willen das Leben der Völker vergiftet hatten.

»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem Hengst, und der Hengst verstand und stob durch die Hel und das ganze, unendliche Niflheim und gewann die Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.

Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll klingender Spruch offenbar wurde, und alsobald eilten die Boten durch Himmel und Erde und Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen und von allen leblosen Dingen. Und die Menschen weinten mit den Göttern, und die Riesen weinten mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs Sommer ihre Winternässe nicht mehr hinwegnahm.

Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für sein Neidlingswerk. Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes an und nannte sich Thock, als die Boten der Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.

Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen, das wir fanden und noch nicht baten. So bitten wir auch dich: Weine, weine um Baldurs, des Vielgeliebten, Tod und Wiederkehr.«