Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.
»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel dahin. Was schiert mich der lichte Baldur! Sein Leben hat so wenig Nutzen für mich wie sein Sterben, und mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«
Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die Boten erkannten entsetzt, daß es Loki gewesen war.
Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche der Welt, die umsonst geflossen waren, und kündeten den Göttern das Geschehnis. In tiefem Schweigen vernahmen es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den Vater. Der saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte. Endlich erhob er sich.
»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter zu sterben wissen. Sprecht es weiter.«
Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs stillen Quell aufzusuchen. –
Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere, den Asen an, um sie seiner Freundschaft zu versichern. Und sie gingen alle hin, die Götter und Göttinnen, auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden. Denn Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und Frevel war, sie durch Streit zu entweihen.
So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten sich des Mahles und des Metes, und nur der Donnerer war abwesend. Plötzlich aber vernahmen sie heftigen Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als ihm der Türhüter den Zutritt um des Friedens willen Diener wehrte, schlug ihn der erboste Loki so hart, daß der treue entseelt zu Boden sank.
In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf und griffen zu den Waffen, den Bösewicht unschädlich zu machen. Der aber berief sich höhnend auf die Heiligkeit der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an der Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug leerte wie ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter und Göttinnen mit Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, dem anderen Feigheit, Gier, Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden von tausenden von Jahren. Seine Lästerzunge lief wie ein Rad. Er wußte, daß er verfemt war, und wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen, bevor er auf immer verschwinden mußte. Er schonte selbst die Himmelsmutter nicht und nicht die goldhaarige Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und der Lästerzunge Einhalt gebot.