Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und zeigte nach unten: „Dort ist er.“

Wahrhaftig: es war ein Chinese. „Das ist schon euer verrücktester Einfall!“ sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu behalten.

Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und gründlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und wirtschaftete. Weiß gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder herunter. Er grub für das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher hatte es sich mit einem Tümpel begnügen müssen, der nach einer halben Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh lief ihm nach. Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders Nicolás.

Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie lachten über ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. Namentlich aber fürchtete er José. Als er einmal an der Küche vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner sagte, er wolle den Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein Wort darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben der Josés), verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich ein.

Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch er sogar den Schecken des Verwalters. Als José das sah, war er gleich darauf bedacht, ihm nach Kräften von seiner Arbeit aufzubürden, und seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete alles, still, ohne zu klagen.

Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang mit den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte leise etwas vor sich hin. Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn heran, um zu hören, was er sage. Dann baten sie: „Sprich jetzt mal ganz laut auf Chinesisch.“ Der Bichuante zog die dünnen Augenbrauen in die Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige Sätze, worüber die Kinder laut auflachen mußten.

„So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache“, sagte Carlos; denn er wußte von den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht christlich. Dann mußte der Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er wie kein anderer. Nicolás umarmte ihn und gab ihm lautschallende Küsse auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn den ganzen Tag hatte er sich auf diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie wieder im Gras beieinander.

Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem Schmetterling nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude. Der Schmetterling setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und zu; aber sobald der Bichuante sich genähert hatte, flog er wieder auf und setzte sich auf eine andere Blume. Der Chinese blieb in behutsamer Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen und Zeigefinger den Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem Leben einen Schmetterling auf einer Blume gesehen.

„Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!“ sagte Nicolás zu Carlos.