Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und gesagt: „Tu’ das ja nie wieder, mein Liebling!“ Nicolás erschrak. Auch freute es den Chinesen nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten, wie es am Samstagabend geschah, damit die Pferde gewellte Mähnen hätten, wenn man am Sonntag zu den Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig, dachte Nicolás; er fand manches an dem guten Bichuante merkwürdig ...
Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist. Die Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen Franzosen, der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte sich äußerst gewissenhaft um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der Bichuante hatte mehrmals in der Küche mithelfen müssen und da war sein Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. Der Franzose hielt auf gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob den Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock, eine weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine Respektsperson unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für Carlos und Nicolás, und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter kannte keine Grenzen.
Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen Tage, der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die Nachtischpasteten. Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze geradezu unerträglich war und der Chinese, seit er seine neue Stelle bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß er, um sich Luft zu machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen ihm dabei unter Freudengeschrei.
„Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast“, sagte Carlos und klopfte ihm auf den Leib.
Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein Späßlein zu erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach hinten beugend, ihn auf seinem nackten Leib zu kneten begann. „Bravo!“ riefen die Knaben, umtanzten ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, grinste und knetete weiter. Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt und die Pasteten geformt und gefüllt.
„Das ist meine Pastete“, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch mit dem Zeigefinger. „Und die ist meine“, sagte Nicolás und machte ein Loch in die zweitgrößte. Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben.
Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei Tisch. Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden gebracht; zum Schluß kamen die Pasteten ...
„Ach,“ sagte der Verwalter, „die Pasteten sind heute wirklich ganz ausgezeichnet!“
Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. „Warum sind sie so gut?“ sagte er, mit vollen Backen kauend; „weil der Bichuante den Teig auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man’s in seiner Heimat und dann werden die Pasteten sehr gut.“
„Was hat er getan?“ fragte der Verwalter betroffen.