Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei Maultieren, Pumas und Kondors.
Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn interessierten.
Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer fürchterlich lang waren ...
Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.
Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber waren sie noch nie gefahren.
Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt.
Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.
Das war eine neue Freude für die Knaben.
Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde, starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte. Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet, und gab keinen Laut von sich.
Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.