In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln über die Fläche.

So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.

Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber gewöhnlich nur Lolita.

Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt.

Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.

In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen.

Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.

Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte.

Eines Morgens, während der ersten Pause — Carlos und Nicolás schnitten Figuren aus einem Pappdeckel — klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer.

Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab.