Mose machte eine Gebärde, aber er sprach noch nicht. Auf seinem Gesicht stand tiefe Klarheit und Feierlichkeit. Er wandte sich Menschen, Bergen und Wüste zu, und jeder sah, daß ein Erlebnis seine Seele schwellte, groß und erschütternd wie einst am Sinai. Da erinnerte sich mancher an Moses Blicke und Worte, als er die Tafeln zerbrach, da das Volk von Gott abgefallen war. Furcht und Beschämung griffen um sich. Viele empfanden Reue, viele Furcht vor kommenden Vorwürfen, denn Mose kannte jede Sünde.
Sie lagerten sich in einem großen Kreis. Die giftige Besitzgier war schnell verschwunden. Auf den Gesichtern stand Demut und Feierlichkeit. Alle empfanden ihr Auserwähltsein durch Gott, ihre Gemeinschaft und Einsamkeit unter den Völkern.
Mose trat in die Mitte des Kreises. Langsam und träumerisch erklangen die ersten Worte, um dann in mächtiger Steigerung emporzubrausen. Doch kein Wort des Vorwurfs erklang.
„Gesegnet seist du, Volk Israel, da das Ende deiner Wanderung erreicht ist. Zweimal wird die Sonne noch auf- und untergehen, dann schreitet dein Fuß über üppiges Land, das Jahve, dein Gott, dir verheißen hat. Deine Herden weiden auf heimatlichem Boden, Brunnen rauschen in deinen Dörfern, jeder wird seinem Tagewerk nachgehen. So werdet ihr Ruhe und Freuden finden. Auch Gott wird zur Ruhe kommen, und seine Lade hinter Tempelmauern stehen. Vierzig Jahre habe ich dich durch Wüste und Entbehrung geführt, wie Gott es befahl. Nun sind wir am Ende. Der Segen Jahves wird dich weiter geleiten.
Ich habe das Land eurer Kinder gesehen. Sonne strahlt über Weiden und Seen. Wälder stehen tief und dunkel. Im Westen erglänzt das Meer. Jahreszeiten bescheren Blüte, Frucht und Ernte. Ewiges Werden und Vergehen randet um Israel, und du wirst bleiben, mein seßhaftes Volk.
Doch meine Zeit ist erfüllt. Gottes Hände graben mein Grab in den Bergen. Ihr zieht in das Land der Weiden und grünen Wiesen. Doch Gottes Wort lastet eisern auf euch. Ihr wart auserwählt unter allen Völkern der Erde, den Geist zu erkennen und zu verkünden. Verrat wird dennoch unter euch herrschen, und der Zorn Gottes, entflammt über eure Untreue, euch strafen und in alle Länder vertreiben.
Dich, Josua, Sohn Nuns, hat Gott erwählt, von nun an dieses Volkes Führer zu sein. Einsicht beleuchte deinen Weg. Kummer und Verzweiflung bleiben dir fern, bis auch an dich das Wort Gottes ergeht, das dich von den schwellenden Jordanufern fortruft in sein ewiges Reich.“
Bei diesen Worten zitterte ein Volk. Abschied, Mahnung und Schicksal sprachen, fesselten Mensch an Mensch, gaben ihrem Leben Weite, Ungewißheit und Not.
Bruder, Schwester, Stunde, Land und Gott!
Alle Geheimnisse schwanden, Wünsche starben, Bilder lösten sich ab. Erinnerungen standen auf, Ängste zuckten, Stimmen jammerten, und alles schlug zusammen in dieser einen Erkenntnis, unwahrscheinlicher als Weltuntergänge und Wundertaten: der Führer stirbt!