Da ist nicht Raum für ein anderes Gefühl, da ist nicht Zeit für andere Gedanken, da ist nur Augenblick, weit, dumpf und gefährlich, und in seiner Mitte die eine Gestalt: schwer, gereckt, einsam, tausende Blicke tragend, Turm über der Wüste, Mensch über dem Volk.

Ein Schweigen griff um sich, das Blut und Atem stocken ließ. In diesem Kauern, Liegen, Warten der Tausende geschah noch einmal Heiligkeit, Demut und Leid.

Ist das unser Ziel?

Wir Wanderer, Armen, Gott-Träger am Tore des Paradieses. Wir braunen Wüstentiere, hager, von Jahve getrieben und geführt, auserkoren unter allen Völkern der Erde. Früchte warten unser, Weide, Milch, Honig, ein gesegnetes Land. Aber der Führer schreitet nicht mehr voran, ebnet nicht Wege, läßt Jahves Wort nicht steigen durch Gebirg, Täler und Feinde. Wir sind die Verlassenen, die rissigen Tafeln der Verkündung, blökende Herde, beschwert und zerdrückt von der blutigen Last unseres Gottes.

Roter schwerer Abend an der Grenze Afrikas und Asiens. Dumpf fegte ein westlicher Wind Steine und Geräusche in das Lager, knatterte über die Zeltbahnen und lagerte sich dann, kosend und gesänftigt, Mose zu Füßen.

Da geschah aus dem Gebirge Pisga dumpfes, schweres Dröhnen. Staubwolken stoben empor, Sterne verdunkelnd und die Atmosphäre zusammenpressend. Unter Blitz und Donner senkte eine helle Lichtsäule sich zwischen die Berge. Ein großer, glänzender Arm griff, eine mächtige Schaufel, in den Boden, hob eine Scholle nach der andern empor und türmte in unendlichen Pyramiden sie zu neuen Gebirgen auf.

So schaufelte Jahve dem Mose das Grab.

Alle sahen empor, von blassem Grausen erfüllt. Als ob jeden Tod, Krankheit oder Fluch treffen sollten, so zitterten sie und wurden klein und still vor der Furchtbarkeit Gottes. In ihren Blicken leuchtete Schrecken und Nichtbegreifenkönnen.

Als die ersten Schollen stiegen und sanken, ging ein Zittern über den Leib Moses. Ein grelles Heulen der ihm am nächsten Liegenden antwortete drauf und setzte als dumpfes, geschütteltes Weinen bis zu den äußersten Rändern des Lagers sich fort. Dann kamen wieder Sicherheit und Glaube in Mose, richteten den Körper empor, machten sein Gesicht lächeln und froh, einen hellen Schein weißer Locken um es gespannt.

Plötzlich stürzte eine Schar von Jungen auf ihn zu, umfaßte sein Knie, küßte sein Gewand und lagerte sich um ihn als leuchtender Glanz. Suchend und verharrend, waren sie Kreis zu dieser gewaltigen Mitte. Ein Schweigen, wartend auf Zeichen oder Wort, das die Unerträglichkeit des Augenblicks aufheben würde, umspannte das Lager. Vom Gebirge dröhnte immer noch Gottes Hand.