Später nahm Grabbe’s Schicksal für einige Zeit eine günstigere Wendung. Seinem Andenken an Tieck mischte sich aber ungerechterweise eine gewisse Gereiztheit bei. Sie war nicht zu verkennen in den halb widerlegenden Anmerkungen, mit denen er fünf Jahre später Tieck’s Brief über den „Theodor von Gothland“ begleitete, als er seine dramatischen Dichtungen herausgab. Noch minder in der Abhandlung über Shakspearomanie, in welcher er in absichtlichem Gegensatze zu Tieck Shakspeare’s nachtheiligen Einfluß auf die deutsche Poesie zu beweisen suchte. Und doch war Grabbe selbst eine Zeit lang ein so exaltirter Bewunderer Shakspeare’s gewesen, daß Tieck hatte mäßigen und zügeln müssen.
Im Herbste des folgenden Jahres 1824 kam F. Schlegel nach Dresden. Manches Jahr war verflossen, seit sie sich nicht miteinander ausgesprochen hatten. Auf der Rückkehr von England sah Tieck den Freund flüchtig in Frankfurt a. M., Briefe waren nur gelegentlich gewechselt worden. Ein Blick auf ihre gegenwärtige Stellung und ihr Verhältniß zueinander, und die Erinnerung an frühere Zeiten erweckte ernste Betrachtungen. Schon äußerlich war Schlegel bedeutend verändert. Er war corpulent geworden, sein Gesicht hatte breite, zerfließende Züge angenommen; man erkannte den Feinschmecker, dem bei aller Prophetik die Freuden der Tafel keineswegs gleichgültig waren. Er war wortkarg und bequem, nicht ohne Vornehmheit; in Gegenwart minder Bekannter schweigsam. Er schien nur Bedeutendes, Tiefsinniges sagen zu wollen.
Gleich in den ersten Gesprächen zeigte sich, daß sie das frühere persönliche Wohlwollen, das vollständig kaum je erlöschen konnte, zwar noch bewahrten, aber eine Verständigung schien nicht erreichbar. In den Zeiten des Idealismus hatte Schlegel das Wissen und die Kunst vergöttert, jetzt wollte er sie kaum noch dulden. Die Kirche und ihre Formen sollte Eines und Alles sein. Doch weder damals noch jetzt konnte Tieck diesen Ansichten beistimmen. Die Philosophie als Wissenschaft verachtete Schlegel, besonders die Dialektik. Zum Theil verwarf er hier, was er nicht kannte, und im stolzen Gefühle, zu besitzen, was noththue, hielt er es für überflüssig, die einzelnen Erscheinungen kennen zu lernen. Als Tieck Solger rühmte, sprach er von diesem als einem unfertigen jungen Manne, aus dem vielleicht mit der Zeit hätte etwas werden können. Alles Studium hielt er für zu umständlich, zu weitläufig und für unnöthig, da man dies Alles auf kürzerm Wege haben könne. In der Poesie erkannte er nur Calderon an, höher noch standen ihm die Orientalen, sie enthielten Alles in Allem.
Seine Urtheile über Tieck’s neuere Dichtungen waren daher nichts weniger als schmeichelhaft. Er bestritt die Möglichkeit, das moderne Leben dichterisch zu behandeln; überhaupt jede Gegenwart entziehe sich dem Dichter, nur die Vergangenheit könne er darstellen. Von den Novellen meinte er, sie seien schwacher Wein der Poesie mit vielem Wasser des Verstandes vermischt. Als er hörte, Tieck beschäftige sich mit dem „Aufruhr in den Cevennen“, und denke einen religiösen Stoff zu behandeln, rieth er besorgt von einem solchen Vorhaben ab; hier dürfe nichts übereilt werden, in so wichtigen Dingen könne Unreife oder Verstimmung leicht zur Sünde werden.
Tieck dachte zu billig, um Schlegel Vorwürfe zu machen, aber es war eine Geduldprobe, wenn dieser stets nur aus dem höchsten Tone sprach, wenn er überall voraussetzte, Alles um ihn her liege im Argen, oder sei im Traume befangen, er allein kenne die Zeit und wisse, wie ihr zu helfen sei. Besonders gegen Tieck liebte er, im untrüglichen Orakeltone zu reden. Stellte er ihn gleich als Dichter hoch, so sprach er ihm doch jede Einsicht in die Philosophie ab, und pflegte ihn mit der zuversichtlichen Ueberlegenheit anzuhören, mit welcher der Meister die schwachen Versuche eines eben geweihten Schülers oder eines Laien geduldig erträgt. In das eigenthümliche Wesen seiner Ansichten und Dichtungen einzugehen, hielt er nicht der Mühe werth, er glaubte sie ohne das zu erkennen. Jedes Gespräch ließ bei Tieck das tiefe Bedauern zurück, daß ein so reiches Talent der Verblendung maßloser Selbstüberschätzung gerade in dem Augenblicke verfallen mußte, wo es sich der größten Selbstverleugnung rühmte.
3. Amt und Würden.
Tieck’s Leben in Dresden hatte sich jetzt fester gestaltet. Sein dauernder Aufenthalt daselbst blieb nicht ohne Einfluß. Als mittlere Residenzstadt, im Besitze großer künstlerischer und wissenschaftlicher Hülfsmittel, gewährte es bedeutende Anregungen, aber es war nicht groß genug, um eine solche geistige Macht zu neutralisiren oder in den Hintergrund zu drängen. Viele Verhältnisse waren angeknüpft, Anerkennung und Widerspruch hatten sich eingestellt, dichterisch schaffend und studirend führte Tieck ein Leben, welches ihm ganz zusagte. Sich selbst, seiner Kraft verdankte er Alles. Durch keine Schranke beengt, wollte er sich diese Freiheit bewahren. Auch war Niemand weniger geeignet, sich äußern Dienstverhältnissen zu fügen; er kannte keine andere Ordre als die seines Genies, und keine andere Arbeit als die dichterische Muße.
Anders dachten seine Freunde. Manche wünschten ihm eine sorgenfreie Existenz, welche der Staat sicherstellte; andere wollten ihn in eine geregelte Thätigkeit des bürgerlichen, oder wenigstens des wissenschaftlichen Lebens hineinziehen. Sie dachten sein kritisches Talent, seine künstlerische Erfahrung, seine Kenntniß der neuern Literatur und ausgedehnte Buchgelehrsamkeit dem praktischen Nutzen dienstbar zu machen. Sie meinten ihm eine Wohlthat zu erweisen, selbst gegen seinen Willen. Man wollte ihn bei der Leitung des Theaters beschäftigen, oder als Lehrer auf das Katheder stellen. Schon 1804 wünschten ihm Einige an der reorganisirten Universität Heidelberg eine Stellung zu schaffen. Auch Creuzer war dafür gewonnen worden; vorbereitende Schritte geschahen, aber sie führten zu keinem Ergebniß. Im Jahre 1812 trug ihm der Minister von Wietersheim die Stelle eines Oberbibliothekars in Dresden an, und 1816 ward ihm die unvermuthete Anerkennung einer wissenschaftlichen Corperation zu Theil, indem die Universität Breslau ihm das Ehrendiplom eines Doctors der Philosophie übersandte.
Später wurde eine mögliche Anstellung Tieck’s im Dienste des Staats und der Wissenschaft von Solger eifrig betrieben. Mit der Wärme des Freundes und dem Nachdrucke des Geschäftsmannes nahm er sich der Sache an. Schon in der Zeit des Aufenthalts in Ziebingen war Tieck dem Fürsten Hardenberg bekannt geworden. Er hatte auf diesen einen günstigen Eindruck gemacht. Der Mann war für ihn, welcher Alles durchsetzen konnte. Wiederholt hatte Hardenberg ihn zu Tische eingeladen. Es war eine ebenso gewinnende als imponirende Erscheinung. Er mußte früher schön gewesen sein; in der vollendeten Bildung des vornehmen Aristokraten und mächtigen Staatsmannes trat er ihm entgegen. Die würdigste Haltung verband sich mit einnehmender Freundlichkeit, fern von beleidigender Herablassung. Auch waren in Hardenberg’s Nähe Personen, welche diese wohlwollende Stimmung für den Dichter zu nutzen suchten. Zu diesen gehörte Koreff, der selbst ein Romantiker sein wollte; auch Stägemann. Mit Solger vereinigte sich F. v. Raumer, der 1819 von Breslau als Professor nach Berlin berufen worden war. Auch wollte man wissen, daß der Kronprinz, ein Gönner und Liebhaber der Poesie, Tieck’s Dichtungen besonders günstig sei.
Der Staatskanzler forderte darauf den Cultusminister v. Altenstein auf, für Tieck’s Anstellung geeignete Vorschläge zu machen. Dieser hielt es gerathen, den Dichter selbst zu hören. Er fragte bei ihm an, ob er eine Stellung bei der Universität, der Akademie der Wissenschaften oder der Künste wünsche, wobei zugleich die Aussicht auf eine dramaturgische Thätigkeit beim Theater eröffnet wurde. Aber auch hier lagen manche Schwierigkeiten in der Sache selbst; noch schlimmer war es, daß durch Solger’s plötzlichen Tod dieser Plan im entscheidenden Augenblicke seinen eifrigsten Beförderer verlor. Nun faßte man den Gedanken, Tieck an Solger’s Stelle zum Professor der Aesthetik zu berufen. Aber dagegen sträubte sich seine Pietät; er fühlte sich durch den Antrag erschüttert und verletzt. Wie hätte er daran denken können, den Lehrstuhl eines Mannes einzunehmen, als dessen Schüler er sich bekannte, und jetzt, wo er den Verlust mit dem tiefsten Schmerze empfand? Er war Dichter und nicht Philosoph; das Katheder erforderte ein System, und er hatte keines. Niemand sprach trefflicher als er, aber die Stimmung mußte ihn leiten, und diese ließ sich durch keinen Lectionsplan gebieten. Ein solcher Lebenswechsel, eine so fremdartige, bisher nie geübte Thätigkeit noch im reifern Mannesalter zu übernehmen, war bedenklich. Erwog er dann seine Kränklichkeit, die Schmerzen, die ihn oft plötzlich und heftig überfielen, seine Schwerfälligkeit und Abhängigkeit von äußern Dingen, so ward er vollends unsicher und zaghaft. Er gestand sich, auf dem fremden Gebiete, als Professor, der dociren solle, werde er immer nur ein Stümper und halber Mensch bleiben. Nur widerstrebend hatte er sich durch seine Freunde in diese Sache verwickeln lassen. Er hatte gezögert und ihre Geduld auf die Probe gestellt; endlich ward Solger’s Tod die Veranlassung, den Plan ganz fallen zu lassen.