Zu den Freunden, welche in Dresden lebten, kamen vorübergehend auch auswärtige, welche Abwechselung und manche neue Anregung brachten. Nach langer Trennung sah Tieck im Jahre 1820 seine Schwester, jetzt Frau von Knorring, wieder, welche einen ihrer Söhne aus Livland nach Heidelberg begleitete. Noch beschäftigte sie sich eifrig mit Poesie und Literatur. Ihre Gedichte und Dramen trugen den Charakter der modernen bunten Romantik, welche märchenhafte Stoffe in klingende romanische Versmaße einkleidete. Auch sein Bruder Friedrich kam, der nach einem unruhigen Wanderleben in der Schweiz, lange in Carrara gelebt hatte, und jetzt bei der Kunstakademie in Berlin angestellt war. Im Sommer 1822 erschien Jean Paul, mit dem Tieck heitere Tage verlebte. Im Anfange hatte sich eine gewisse kühle Rückhaltung und Befangenheit zwischen beide gelagert; sie mochten sich erinnern, daß sie bei aller Anerkennung nicht immer glimpflich über einander geurtheilt hatten. Doch endlich wurde das Eis gebrochen; offen und unbefangen besprachen sie ihre Dichtungen und ihre gegenseitige Stellung, und zu Jean Paul’s großem Ergötzen las Tieck den „Attila Schmelzle“ vor.
Dem engern Freundeskreise schloß sich auch Wilhelm Müller an, der mit Loeben befreundet war. Seine „Müller- und Waldhornistenlieder“ fanden allgemeinen Anklang; einen tiefen Eindruck machten bald darauf die „Griechenlieder“. Die Verständigung mit ihm war leicht. Er war gesund, frisch, wahr, von allem Grillenwesen entfernt, und für die einfache Liederpoesie in hohem Grade begabt. Als er einst Tieck einen dramatischen Versuch mittheilte, und dieser ihm auseinandersetzte, daß das Drama nicht sein Beruf sei, verwarf er ohne Empfindlichkeit und mit voller Anerkennung der dargelegten Gründe seine Dichtung, und hielt sich seitdem von dieser Gattung fern. Auch Ludwig Robert und Holtei kamen zeitweise nach Dresden.
Eine der seltsamsten Erscheinungen tauchte von anderer Seite auf, die auf Tieck einen überraschenden Eindruck machte. Unter vielen dichterischen Erstlingswerken, welche ihm zugesendet wurden, empfing er im Herbst 1822 ein Manuscript, das schon äußerlich durch Umfang und Gewicht gegen die übrigen nicht wenig abstach. Es war eine Tragödie, betitelt „Theodor von Gothland“. Der Verfasser hieß Grabbe, und bat um Tieck’s richterliches Urtheil. Auf den ersten Blick erkannte er die große, aber rohe und verwilderte Kraft. Da war nichts von Schwächlichkeit, nichts von dichterischer Koketterie, es war das Arbeiten eines ungebändigten, dunkel bewußten Talents. Der Verfasser hatte Shakspeare studirt und in sich aufgenommen, aber die dichterische Wuth führte ihn weit hinaus über Alles, was die ältern Genies sich erlaubt hatten. Die Weichlichkeit des herrschenden Geschmacks bestärkte ihn in seiner natürlichen Richtung. Es fehlte nicht an tragischen Momenten und Gedanken, aber Vieles war hart, bizarr, ja blutig und entsetzlich. Mit der Raserei der Leidenschaft, die sich selbst zerfleischte, paarte sich bisweilen ein widerlicher Cynismus; die Kraft schlug in ein krampfhaftes Wüthen, in einen unpoetischen Materialismus über. So konnte nur ein großes Talent und ein unglücklicher Mensch sich darstellen. Voll Theilnahme sprach sich Tieck in einem Briefe in diesem Sinne aus, und sogleich antwortete der Dichter mit der Uebersendung eines zweiten Stücks. Dieses Mal war es ein Lustspiel.
Tieck hatte Recht. Ein unglücklicher Mensch hatte dies geschrieben; es war ein Talent, das schon im Augenblicke des Auslaufens zu scheitern drohte. Grabbe studirte damals in Berlin. In Detmold, wo sein Vater Zuchthausbeamter war, empfing er unter drückenden Verhältnissen die erste Ausbildung. Doch seine Anlagen zeichneten ihn aus; man erwartete von ihm Bedeutendes, und nahm sich seiner an. Auf verschiedene Weise suchte man auf ihn zu wirken und ihn nutzbar zu machen. Eine Zeit lang sollte er Prediger, dann Archivar und Diplomatiker werden. Er häufte Massen entgegengesetzter und verworrener Kenntnisse auf, die ihn zuletzt anwiderten und ihm die gelehrten Studien verleideten. Aber er spürte etwas vom Dichter in sich, und bald schien das Gefühl in ihm Oberhand zu gewinnen, daß man die Kraft in ihm am wenigsten würdige, auf die er stolz war. Er zeigte sich abspringend und reizbar, wunderlich, hochmüthig und voll Leidenschaft. Endlich ging er nach Leipzig und Berlin, um die Rechte zu studiren; hier vollendete er seine früher begonnenen Dichtungen.
Jetzt suchte er nach irgendeinem Mittel des Unterhalts. Bei seiner Vorliebe für das Drama glaubte er auch Beruf für dessen Darstellung zu haben; er beschloß Schauspieler zu werden. Er glaubte mit den größten Naturmitteln ausgestattet zu sein; seine Einbildung spiegelte ihm vor, auf der Bühne müsse er ungeheuern Eindruck machen. Inzwischen war er nach Leipzig zurückgegangen, von wo er Tieck seine Wünsche und Absichten im März 1823 mittheilte. Er schilderte seine unwiderstehliche Neigung für das Theater; er besitze eine Stimme, die aller Modulationen fähig sei; sein Talent sei das vielseitigste, Hamlet, Lear und Falstaff vermöge er darzustellen. Er beschwor ihn, seine Anstellung bei der dresdener Bühne zu vermitteln, und ihn dadurch zugleich einer drückenden Lage zu entreißen. Durch diese Ankündigungen ward Tieck auf das höchste gespannt.
Es war im Frühling 1823, als ein Fremder zu ihm ins Zimmer trat; eine schwächliche Figur, ein bleiches Gesicht, von Sorge und Leidenschaft zerstört. Verlegen und unbehülflich, kündigte er mit polternder Stimme an, er sei Grabbe. Kaum konnte es eine größere Selbsttäuschung auf der einen, und Enttäuschung auf der andern Seite geben. Von allen Talenten, die Grabbe von sich gerühmt hatte, besaß er keines, weder Stimme, noch Haltung, noch Wandlungsfähigkeit. Alles beruhte auf einer Einbildung, die sein Unglück vermehrte. Für nichts paßte er weniger, als für ein öffentliches Auftreten auf den Bretern. Der Druck enger Verhältnisse, und das trotzige Gefühl seiner Kraft hatten ihm etwas Störrisches gegeben. Einige Leseproben, auf denen er bestand, fielen ungünstig aus, und bestätigten, daß er für das Theater keinen Beruf habe. Auch ergab sich, daß durch häufigen Genuß geistiger Getränke seine Gesundheit zerrüttet sei.
Bei seiner Zügellosigkeit paßte er in kein bürgerlich geordnetes Verhältniß. Er war schwer unterzubringen; seine Dramen, auf die er hoffte, ließen sich nicht darstellen. Auf Tieck’s Verwenden suchte indeß die Intendanz des dresdener Theaters ihn anderweitig zu unterstützen. Aber dies konnte ihm nicht genügen. Er vermochte von seinen Einbildungen nicht zu lassen, und glaubte sich verkannt und zurückgesetzt. Er hatte sich Tieck in die Arme geworfen, von ihm erwartete er Hülfe, Erleichterung seines Zustandes und Erfüllung phantastischer Wünsche, in der er eine Anerkennung seines Werthes sah.
Tieck that, was in seinen Kräften stand; er behielt ihn in seiner Nähe, und zog ihn zu seinen Gesellschaften. Aber es war schwer mit ihm zu verkehren. Die Gegenwart Anderer war ihm lästig; er war bald scheu, bald hochfahrend. An keinem Gespräche nahm er Theil; oft stand oder saß er stumm auf einer Stelle, oder sah, unbekümmert um die Gegenwärtigen, zum Fenster hinaus. Es war ein seltsames Gemisch von Stolz und Unbehülflichkeit. Am beredtesten war er in der Mitte ungebildeter Leute. Als Tieck einst zufällig an einer gewöhnlichen Schenkwirthschaft vorüberging, sah er Grabbe in der Mitte mehrerer Spießbürger beim Biere sitzen, denen er erhitzt und großsprecherisch von sich und seinen Dramen erzählte, obgleich sie schwerlich je etwas von Poesie, und von seinem Namen gewiß nichts gehört hatten.
Endlich zeigte sich, daß er auch in Dresden nicht finde, was er suchte. Mit erhöhter Bitterkeit schied er, um sein Glück anderweitig zu versuchen. Tieck gab ihm Empfehlungen an einige Freunde mit. Zuerst bot Grabbe seine Dienste dem braunschweiger Theater an. Aber Klingemann, der Vorsteher desselben, wußte ihn nicht zu beschäftigen. Er schrieb an Tieck, es sei eine heraustobende Natur, die bei allem Drange für die Bühne gar nicht passe. Ein ähnliches Schicksal hatte er in Hannover. Man bot ihm ein Gehalt, das einem Almosen gleich kam. Hoffnungslos und verzweifelt kehrte er nach Detmold zurück. In der Nacht schlich er sich in das Haus seiner Aeltern, denen er von seinem Berufe so viel erzählt, und die an ihn geglaubt hatten. Im August 1823 rief er Tieck’s Hülfe von neuem an; er sei bereit Allem zu entsagen, und mit einer Schreiberstelle zufrieden zu sein.