Ein dritter vielbeliebter Romanschriftsteller war Friedrich Schulze, in der Bücherwelt Laun genannt. Schon im Jahre 1801 hatte Tieck seine Bekanntschaft gemacht, und ein Sonett von ihm im Schlegel’schen Tone hatte, ohne daß man den Verfasser kannte, durch die dritte Hand Eingang in den Musenalmanach für 1802 gefunden. Es war ein stiller, anspruchsloser Charakter, und ein gewandtes, leichtes Talent. In zurückgezogener Aemsigkeit sorgte er schon seit den neunziger Jahren durch eine lange Reihe von Romanen und Erzählungen, in denen er bald in das gewöhnliche Kleinleben, bald in die Ritterzeit oder in die Gespensterwelt hineingriff, für die Unterhaltung des Publicums. Eine wahre Fabrikthätigkeit auf diesen Gebieten entwickelte Gustav Schilling, der es bis auf hundert Bände brachte, und Richard Roos gab ihm darin wenig nach.

Die Inhaber der Tagespresse waren Friedrich Kind und Theodor Hell. Der erste war als Erzähler aufgetreten und hatte das Publicum nach und nach mit seinen „Malven“, „Tulpen“ und „Lindenblüten“ beschenkt, zu denen noch das „Vergißmeinnicht“ von Hell kam. Kind versuchte sich auch im Schauspiele und gewann bald darauf durch seinen „Freischütz“ eine rasch vorübergehende Berühmtheit. Hell arbeitete im Lustspiel; er hielt sich an die Vaudevilles der Franzosen. Zu diesen gesellte sich später als tragischer Schriftsteller Eduard Gehe. Einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt besaßen sie in dem früher von Laun, Hell und Kuhn gestifteten literarisch-geselligen Verein, der Liederkreis, und ihr Tagesblatt war die „Abendzeitung“, welche Kind und Hell seit 1817 gemeinschaftlich herausgaben, an der auch Böttiger Antheil nahm.

Alle diese Schriftsteller gingen in Ansichten und Begabung über die behagliche Mittelmäßigkeit nicht hinaus. Die meisten von ihnen waren in Dresden geboren, sie waren untereinander mannichfach verbunden, und bildeten eine geschlossene Reihe. Die Uebersiedelung eines Mannes wie Tieck nach Dresden war für sie ein wichtiges Ereigniß, ihre Stellung mußte eine andere werden, sobald sie eine große dichterische Autorität neben sich hatten. Reibungen konnten nicht ausbleiben. Ohnehin war es eine Zeit, wo man in politischer Abspannung literarischen Parteikämpfen, Personalien und Localinteressen eine übermäßige Wichtigkeit beizulegen anfing.

Fühlte sich Tieck schon im Gegensatze gegen diejenigen, welche sich seine Freunde und Anhänger nannten, wie hätte er sich mit denen verständigen können, die weder das eine noch das andere waren, und gelegentlich den modernen Spuk mit dem alten Rationalismus zu verbinden wußten. Wie in frühern Jahren, fand er daher auch jetzt Veranlassung genug, immer wieder von Goethe und Shakspeare als den großen Mustern der Dichtkunst zu sprechen. Es erregte auf jener Seite ein unbehagliches Gefühl, wenn er Meisterwerke vorlas, über sie schrieb und sprach, und das Alltägliche, Flache und Mittelmäßige beim rechten Namen nannte oder ganz übersah. Dagegen vernahm man den literarischen Stoßseufzer, man dürfe nicht mehr lachen, wenn Kotzebue kitzele, nicht mehr weinen, wenn Iffland’s Ernst rühre, beide würden gemein gescholten, und deutsche Originale weggewitzelt, um Holberg’s Nuditäten und unverstandene Briten und Spanier zu bewundern.

Dennoch wurden beide Theile erträglich miteinander fertig. Böttiger war ein höflicher und auch gutmüthiger Mann, mit dem sich leben ließ. Auch mit den Uebrigen kam ein Einvernehmen insoweit zu Stande, daß Tieck seit dem Jahre 1820 dramatische Kritiken für die „Abendzeitung“ schrieb.

Dagegen schlossen sich einige jüngere Dichter, die mit wärmstem Eifer der Romantik huldigten, in persönlicher Freundschaft an, und machten ihn zum Mittelpunkte eines eigenen Kreises. Zuerst Ernst Otto von der Malsburg, ein junger Mann, der, ganz erfüllt von dem Gedanken der modernsten Poesie, durch Schlegel zum Studium der spanischen Dichtung und zur Uebersetzung Calderon’s angeregt worden war. Mit Glück lieferte er eine Fortsetzung des spanischen Theaters; sie erschien seit dem Jahre 1817. Die Atmosphäre spanischer Ritterlichkeit und Gläubigkeit entsprach seinem Charakter und Talente, und in seinen lyrischen Dichtungen reproducirte er mit Empfindung, was er dort aufgenommen hatte. Er war nicht original oder schöpferisch, doch warm, innig, überschwänglich. Persönlich war er liebenswürdig, treu und hingebend als Freund, gewandt, heiter und voll gutmüthigen Humors als Gesellschafter. Auf seine Kenntniß des Spanischen legte Tieck hohen Werth, und seiner Uebersetzung des Calderon gab er vor der Gries’schen den Vorzug. Für beide war das Studium der spanischen Literatur ein Einigungspunkt. Beide waren Liebhaber und Sammler alter Drucke, und scherzweise verabredeten sie, daß der zuerst Sterbende seine spanische Bibliothek dem Ueberlebenden als Erbe hinterlassen solle. Durch Malsburg’s frühen Tod ward dieser Scherz nur zu bald zum Ernst. Im Jahre 1817 war er als kurhessischer Geschäftsträger nach Dresden gekommen, wo er mit einigen Unterbrechungen die letzten Jahre seines Lebens zubrachte.

Gleich an Jahren, aber als Schriftsteller älter und bekannter, war der Graf Heinrich Loeben, der unter dem Namen Isidorus Orientalis Mancherlei in Vers und Prosa geschrieben hatte. Neben Fouqué war er der allseitigste Vertreter der neuesten Romantik. Durch seinen ersten Roman „Guido“ zog sich ein wunderlicher und verworrener Nachhall von Novalis’ „Ofterdingen“. Zu der mittelalterlichen Ritterlichkeit kam ein unklarer und mit sich selbst ringender Sinn, der oft mit Gleichnissen nur spielte, und katholisirende Neigungen. Bald war er der andächtige Pilgersmann, bald ein irrender Ritter oder ein klagender Schäfer. Der Karfunkel, die Hyacinthe und Narcisse, alle Blumen und Edelsteine der spanischen Dichter gingen durch seine Hand. Mit ungemeiner Leichtigkeit producirte er. Sein beweglicher Vers war der Ausdruck einer unruhigen und überreizten Phantasie. In schweren Krankheiten und anhaltenden Leiden schienen sich diese Seelenkräfte auf Kosten der Gesundheit zu steigern.

Befreundet mit beiden war Karl Förster, Lehrer an der dresdener Cadettenanstalt, eine offene, einfache und weiche Natur. Mit vielseitiger Gelehrsamkeit ausgerüstet, war er besonders Kenner der italienischen Literatur und Kunst. Seine Uebersetzungen des Petrarca und Tasso zeigten, wie seine eigenen Gedichte, ein nicht unbedeutendes Formtalent.

Zu ihnen kam der Graf F. Kalkreuth, Sohn des Feldmarschalls; auch er hatte Manches im romantischen Ton geschrieben; und endlich Tieck’s älterer Freund, Wilhelm von Schütz, welcher als ein eifriger Anhänger F. Schlegel’s, die Ueberschwänglichkeit der jüngern Romantiker noch überbot.

Diese bildeten den engeren Kreis, der sich ohne Tieck’s Zuthun um ihn sammelte. Alle waren jüngere Männer, begabt, begeistert für eine eigenthümliche Auffassung der Poesie, als deren Meister sie Tieck anerkannten. Reine Hingebung und aufrichtige Bewunderung seiner Dichtungen brachten sie ihm entgegen. Durch die Einfachheit und vollendete Durchbildung, die es ihm unmöglich machte, irgendeinen geistigen Druck auf Andere ausüben zu wollen, durch die feine Sitte und gesellige Form, die seine Natur war, wurden sie gefesselt. Sie selbst bedurften eines Mittelpunktes, eines Namens, an den sie sich anschlossen; so erhoben sie Tieck auf den Schild und nannten ihn ihren Meister. In seiner mittelalterlichen Sprache bezeichnete Loeben ihn als seinen Ritter und sich als getreuen Knappen. Gewann es für die Gegner den Anschein, als wenn sich Tieck wirklich zu einem Sektenhaupte erheben wolle, so konnte doch nur der so urtheilen, der ihn nicht kannte. Unbekümmert um die Deutungen, welche dies Verhältniß erfuhr, ließ er geschehen, was sich von selbst machte. Weder stimmte er mit seinen Freunden in allen oder den wichtigsten Punkten überein, noch verkannte er ihre Einseitigkeiten und Schwächen, aber nicht minder schätzte er ihre Treue und liebenswürdige Hingebung. Ungesucht bildete sich eine literarische Gesellschaft, die sich regelmäßig versammelte, in der man eigene oder fremde Dichtungen vorlas und mit freundschaftlicher Kritik beurtheilte.