Eben das aber war bei den meisten der Fall. Man hörte nur von Geheimniß, Dunkel und Mystik, und Freund und Feind schienen darin einig zu sein, daß ein consequentes Fortschreiten auf diesem Wege zur katholischen Kirche führen müsse. Brentano war katholisch, F. Schlegel war es geworden, andere folgten dem Beispiele, und Werner hatte seine Feder der Mutter Gottes geopfert. Die Eifrigsten forderten laut die Unterwerfung aller Poesie unter das katholische System. Konnte aber Tieck geneigt sein, als Mann gutzuheißen, was er unter ganz anderen Einflüssen und Stimmungen schon als Jüngling von sich abgewiesen hatte? Er hatte die historische katholische Kirche als eine alt begründete, als frühere Bewahrerin der Legende, der Poesie und aller Künste, gegen unverständige Angriffe vertheidigt; aus dichterischem Gefühlsdrange, aus innerer Gerechtigkeit, aus freier Ueberzeugung hatte er es gethan, folgte daraus die Nothwendigkeit sich dem gegenwärtigen Katholicismus unterzuordnen? In der Poesie lag an sich schon das Wunderbare, Religiöse, aber das hatte man ihm nicht glauben wollen, darum hatte er den spießbürgerlichen Utilismus der ältern Zeit bekämpft, aber den modern überspannten, den katholisirenden konnte er ebenso wenig gutheißen.
Ganz anders sahen viele der jüngern Dichter die Sache an. Sie wollten aus der dichterischen Wahrheit eine praktische machen, und waren Dichter und Helden ihrer Romane und Epen zugleich. Die Einen wollten Mönche, die Andern kreuzfahrende Ritter sein. Dichtung und Leben verschwammen hier in Eines, die Dichter verloren sich an ihre Stoffe, dies konnte schließlich nur Zerrbilder geben. Oft genug ward Tieck an Don Quixote erinnert; diesem war es mit seinen Thaten nicht mehr Ernst als den neuen ritterlichen Dichtern, die nicht daran dachten, daß diese Minne, diese Rittertugend, dieses Vasallenthum, welches sie verherrlichten, weder jetzt noch jemals existirt habe. Er stand hier auf Goethe’s Standpunkte, das heißt auf dem aller wahren Dichter. Aus dem Leben selbst mußte die Poesie quellen; aber eine angebliche Poesie, was der Einzelne dafür hielt, in das Leben hineintragen zu wollen, konnte nur mit Verkehrtheit und Abgeschmacktheit enden. Ueberall vermißte er die unverfälschte Wahrheit der Natur, ohne welche keine Kunst bestehen kann; überall blickte das Gemachte, das Willkürliche durch.
Dieses neue System nannten Anhänger und Gegner die romantische Schule, und Tieck galt ihnen für das Haupt derselben. Aber dies war ein großes Misverständniß. Stets hatte er die Schule bekriegt, nun sollte er selbst der Stifter einer solchen sein. Niemals hatte er daran gedacht; zu einem Partei- und Sektenhaupte, zu einem literarischen Agitator fehlte ihm nicht mehr als Alles. In seiner Weise kämpfte er, aber in die Tagesliteratur hatte er sich nie gemischt. Er hatte zu viel mit sich selbst zu thun, um an eine bewegliche und sich zersplitternde Thätigkeit zu denken; er war zu tief, wenn man will zu schwerfällig, zu bequem. Alles Parteiwesen haßte er; er haßte es auch darum, weil es Unterordnung und Aufgeben des Individuellen verlangte.
Als er mit den Schlegel und Novalis verbunden war, hatte man auch von einer neuen Partei, von einer kritischen oder einer Schlegel’schen Schule gesprochen. Allerdings waren sie durch ein freundschaftliches Verhältniß miteinander verknüpft, wie überall diejenigen, welche in gewissen Grundansichten übereinstimmen. Schon damals wurden sie von den Gegnern als unterschiedslose Masse behandelt und Einer für den Andern verantwortlich gemacht. An ein planmäßiges Machen und Organisiren dachten sie selbst nicht, auch wenn man sich im „Athenäum“ vereinte und auf einander Sonette dichtete. Und was bewiesen am Ende diese Sonette? Hatten nicht Klopstock, seine Freunde und die ältern Dichter des achtzehnten Jahrhunderts genug Oden und Lieder auf einander gemacht? Niemand hatte Anstoß daran genommen. Auch ging Tieck von Anfang an so selbständig seinen Weg, daß dies mehr als ein Mal Veranlassung ernstlicher Entzweiung mit dem ältern Schlegel zu werden drohte.
Jetzt aber noch viel weniger als früher wollte er eine romantische Schule anerkennen. Er konnte nicht einstimmen, wenn man ihm von der Romantik, als einer besondern Gattung der Poesie, reden wollte. Unter wechselnden historischen Bedingungen konnte diese erscheinen, an sich aber mußte sie immer dieselbe sein und bleiben. Damit war seine Stellung in jener Zeit, als er seinen Wohnsitz in Dresden aufschlug, entschieden. In dem Augenblicke, wo man ihn als zweites dichterisches Haupt Deutschlands begrüßte, war er dennoch innerlich isolirt. Es konnte nicht anders sein. Wie alle bedeutenden Naturen war er zu eigen gebildet, zu allseitig, als daß er jemals in den allgemeinen Ruf des Tages hätte einstimmen können, auch wenn seine Worte zum Feldgeschrei gemacht wurden. Im Munde Anderer wurden es andere Worte.
2. Dresden.
Gegensätze und Meinungsverschiedenheit dieser Art waren in Dresden nicht zu befürchten. Die literarischen Kreise, welche hier herrschten, und mit denen eine Berührung nicht ausbleiben konnte, waren ganz anderer Natur; sie stammten zum Theil noch aus jenen Zeiten, die längst für abgethan galten. Es gab eine locale Tagesliteratur, welche, durch bekannte Männer geleitet, auf die öffentliche Meinung keinen geringen Einfluß ausübte, und als eine Art von Macht auftrat. Eine Anzahl mittlerer, gewandter, federfertiger Talente war hier vereinigt. Ohne Tiefe und entschiedene Richtung waren sie zufrieden, dem Bedürfnisse und Geschmacke des Tages zu dienen, und das Publicum zu unterhalten. Sie stimmten darin überein, nicht entschiedene Anhänger der romantischen Schule zu sein. Nach Bildung und Neigung gehörten sie vielmehr der alten Aufklärung an, doch je nach Umständen ließen sie sich auch in dem neuen Tone vernehmen.
Die anerkannteste und geehrteste Autorität war Böttiger, mit dem Tieck fast fünfundzwanzig Jahre nach dem „Gestiefelten Kater“ durch ein eigenes Geschick dauernd zusammengeführt wurde. Nach Herder’s Tode nach Dresden berufen, machten ihn Gelehrsamkeit, Vielseitigkeit und Vielthätigkeit bald zum Führer und Lehrer der öffentlichen Meinung in gelehrten und künstlerischen Dingen. Als eleganter Philolog und Alterthumsforscher hatte er eine entsprechende Stellung bei dem Antikencabinet; aber auch über Literatur, Schauspiel und Kunst im Allgemeinen ließ er sich nicht selten öffentlich vernehmen.
Wie Böttiger stammte der namhafteste der dortigen Dichter ebenfalls aus der ältern, ja ältesten Schule her, Tiedge, der Freund Elisa’s von der Recke, der vielgefeierte und bekränzte Sänger der „Urania“. Seine Poesie war noch vor Goethe’schen Datums, denn in Gleim’s Freundeskreisen war er gebildet. Der Kern dieser Ansichten und Dichtungen war die gute, alte, nüchterne Prosa, die bis auf den „Werther“ Vielen für mehr gegolten hatte. Tiedge war dabei nicht stehen geblieben. Nicht ohne Formtalent hatte er sich den sentimental-declamatorischen Ton späterer Zeiten angeeignet, und unter bilderreichen, wohltönenden, schäumenden Versen verbarg sich die ursprüngliche Trockenheit. Wenig wurde hier durch Vieles ausgedrückt; aber diese rednerische und nüchterne Tugend fand ungemeinen Beifall. Seine „Urania“ erlebte Auflage nach Auflage, und alte fromme Damen und junge Mädchen wallfahrteten, um den sinnigen Dichter zu verehren.
Tieck und Tiedge, aus früherer Zeit miteinander bekannt, hatten beide gleichzeitig im Jahre 1819 sich nach Dresden übersiedelt. Ohne nähere Beziehungen zu haben, setzten sie den geselligen und literarischen Verkehr in bequemer Weise miteinander fort. Als Tiedge mit seinem letzten Lehrgedichte, „Der Markt des Lebens“, beschäftigt war, bat er Tieck, ihm irgendeinen lesbaren neuern Philosophen nachzuweisen, da er in dieser Literatur unbekannt sei, in seinem Gedichte aber doch davon zu sprechen wünsche. Tieck schlug ihm Solger’s Schriften vor, ohne damit große Ehre einzulegen. Denn als Tiedge auf eine scharfe Kritik Klopstock’s stieß, warf er das Buch mit Abscheu von sich. Zu komischen Verwechselungen gab nicht selten die Aehnlichkeit der Namen Veranlassung. Tieck behauptete bisweilen im Scherze, er habe manche Huldigung übereifriger Bewunderer stillschweigend und duldend hinnehmen müssen, die eigentlich seinem Collegen gegolten habe. Einmal kam es sogar vor, daß ein bekannter, aber in der Literatur wenig heimischer Arzt, der seine Hochachtung vor Dichtern beweisen wollte, in einer Gesellschaft Tieck’s Wohl mit den Worten ausbrachte: „Vivat Oranien!“ „Das war ein großer Held“, erwiderte Tieck, heiter darauf eingehend, „den können wir schon leben lassen!“