Immer tiefer hatte sich F. Schlegel in seine mystische Weisheit hineingearbeitet, er war zur katholischen Kirche übergetreten und dann wie Gentz und Adam Müller, östreichischer Diplomat geworden. Sein früheres kritisch dichterisches Wirken lag in dunkler Vergangenheit hinter ihm. Nach tausendfachen Kreuzfahrten in Poesie und Philosophie war er endlich in einen Hafen eingelaufen, wo er Ruhe zu finden glaubte. Niemand machte es anschaulicher als er, welche vollständige, vorher nicht zu ahnende Umwandlung die Welt in den letzten zwanzig Jahren erfahren hatte. Auf die Umstimmung der literarischen Ansichten in Deutschland hatte er selbst wesentlich eingewirkt, indem er den Gedanken des Romantischen als einer besondern geheimnißvollen Poesie und Wissenschaft entwickelte.

Schon in den Zeiten, wo die neue Kritik mit den kühnen Lehrsätzen des „Athenäums“ sich Bahn machte, zeigte F. Schlegel bei allen Paradoxien ein bei weitem mehr mystisches und positives Element als sein Bruder, der überwiegend scharf und verneinend auftrat. Es war seine Sturm- und Drangperiode, als er nur die Originalität für moralisch gelten ließ, die wahre Tugend in die Genialität setzte, und in der Sinnlichkeit die Unschuld, ja Kunst und Religion fand, und dennoch den heiligen Müßiggang quietistisch verherrlichte und ihn zur Religion machen wollte. Schon im „Athenäum“ von 1798 suchte er die Bedeutung der romantischen Poesie systematisch darzulegen. Wenn er sagte, ihr erstes Gesetz sei, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide, sie sei die Dichtkunst selbst, und alle Poesie sei romantisch, so konnten seine Freunde ihm darin noch beistimmen. Doch bedenklich ward es, wenn er behauptete, die romantische Dichtart werde Poesie und Prosa, Philosophie und Rhetorik, Genialität und Kritik, Kunst und Natur mischen und verschmelzen, sie solle die Poesie lebendig und gesellig, das Leben und die Gesellschaft poetisch machen. Nur sie allein könne ein Spiegel der Welt sein, ihr Wesen sei ewig zu werden, nie vollendet zu sein, sie sei unerschöpflich und unendlich. Dieser neuen Poesie, die Alles in Allem sein sollte, gab er bald darauf einen andern Namen; als ihren Kern bezeichnete er die Mythologie. In dem Mangel dieser sah er die Schwäche der gegenwärtigen Dichtung, und zugleich sprach er in prophetischem Tone aus, die Zeit sei nicht mehr fern, wo man eine neue Mythologie gewinnen werde. Aus der tiefsten Tiefe des Geistes sollte sie hervorgehen, ein neues Gefäß des alten ewigen Urquells der Poesie, und ein unendliches Gedicht sein, welches die Keime aller andern in sich trage, ein hieroglyphischer Ausdruck der Natur in der Verklärung von Phantasie und Liebe. Dazu sollte die Kenntniß Indiens beitragen, und das Höchste des Romantischen nur im Orient gefunden werden.

Damals war ihm der Katholicismus noch das naive, der Protestantismus das sentimentale Christenthum, er fand in diesem noch ein revolutionäres Verdienst, er war ihm eine universelle und progressive Religion. Anders dachte er wenige Jahre später. Seit 1802 studirte er in Paris mittelalterliche, mehr noch orientalische Poesie. Dorthin drängte ihn das dunkle, mystisch-mythische Element. Im Jahre 1804, als er die „Anthologie“ aus Lessing herausgab, war ihm der Katholicismus schon die positive, der Protestantismus die negative Religion, eine Religion des Krieges, bis zur innern Feindschaft und zum Bürgerkriege. Der katholischen Religion war es gelungen, den künstlerischen Glanz, Reiz und Schönheit der alten Mythologie sich zu eigen zu machen. Eine esoterische Poesie sollte entstehen, deren Aufgabe es war, die unnatürliche Trennung von Dichtung und Wissenschaft aufzuheben, die Mythologie herzustellen, den alten Fabeln ihre Bedeutung wiederzugeben und das gemeine Leben zu poetisiren. Eine Wiedergeburt der Welt sollte vor sich gehen, in welcher die Eisenkraft des Nordens mit der Lichtglut des Orients verschmolz. In diesem Sinne versuchte er in der Restaurationsperiode nicht nur am Aufbau der alten Kirche, sondern auch an der Herstellung des alten Staates Theil zu nehmen; er gab diesem eine religiöse Weihe, und nannte das die legitime Ansicht der Geschichte. In einem Propheten- und Orakeltone, der an Dunkelheit zunahm, predigte er die neue Philosophie in verschiedenen Schriften und Vorlesungen. Er ward der Oberpriester aller philosophischen, politischen und poetischen Mystiker.

Unter diesen verschiedenartigen Einwirkungen hatte sich ein drittes Geschlecht herangebildet, dem die Gegenwart gehörte. Es waren diejenigen, welche die Poesie Goethe’s und seiner Zeitgenossen, die Dichtungen Tieck’s und die frühern kritischen Urtheile der Schlegel als ein anerkanntes und ausgesprochenes Erbe überkommen hatten. Für sie war zum ruhigen Besitz geworden, was jene erkämpft hatten. In einem ganz andern Luftkreise waren sie aufgewachsen. War man früher aufgeklärt gewesen, so war man jetzt gläubig, und an die Stelle des freigeistigen Rationalismus sollten Mystik und Tiefsinn treten. Früher glaubte man in der Moral die Religion entbehren zu können, jetzt war die Moral in Verruf gekommen; früher verlachte man das Wunder und den Glauben als eine geistige Schwäche und Trägheit, jetzt sah und fand man das Wunderbare überall. Hatte sonst die breite Altklugheit das Wort geführt, so hörte man jetzt fast nur das Stammeln und Lallen der Natur, der Unschuld und sogenannten Kindlichkeit. Einst war Alles weltbürgerlich, human, von Freiheitsgedanken erfüllt gewesen; aus abstracten Grundsätzen construirte man einen allgemeinen Kosmopolitismus, nun war Alles historisch, volksthümlich, germanisch, mittelalterlich und kirchlich geworden. Die einst verspotteten Gedanken hatten ihre frühere Verachtung gerächt.

Das Streben, eine geschmälerte Nationalität herzustellen, und die Sehnsucht nach einer einst glänzenden Vergangenheit war auch Inhalt der Poesie geworden. Volksthümliche Lieder, die in der Zeit des Kampfes entstanden waren, sangen von ritterlichem Streiten und Siegen der Ahnherren, von ihrem treuen Glauben, von Kaiser und Reich, von der Kirche und ihren Wundern. Nun aber waren die Siege errungen, das Joch zerbrochen, und um die Lösung anderer Aufgaben handelte es sich jetzt. Aber das Singen und Sagen von ritterlichen Thaten wollte nicht enden. Die Zeit der Rittergedichte brach herein. Die tölpelhaften und ungeschlachten Kämpen der Spieß’schen und Cramer’schen Romane hatten sich in tugendhafte Fouqué’sche Nordlandsrecken, in blonde, tapfere, sittige und wohlgezogene Jünglinge umgewandelt. Da war alles ritterliche Ehre, Minne, Biederkeit und Frömmigkeit, selbst die lichtbraunen Rößlein und die Rüden und Bracken waren verständig. Schien es doch als wenn die Dichtung nur im Mittelalter, im deutschen Mittelalter, im ritterlich frommen deutschen Mittelalter ihre Heimat habe, und hier allein ebenbürtige Formen finden könne.

Aber nicht allein die deutsche Dichtung älterer Zeiten, auch die der südwestlichen Völker war wieder entdeckt worden. Früher war ausschließlich von der Mustergültigkeit antiker Poesie die Rede gewesen, jetzt sollte die romantische mindestens ebenso viel, ja noch mehr gelten. Seit Schlegel’s Uebersetzung war Shakspeare’s Name in aller Munde, fast gewöhnte man sich ihn neben den eigenen großen Dichtern als einen Deutschen anzusehen. Die Voß’sche Uebersetzung folgte, und ihr manche andere. Rascher noch war man von der ersten dürftigen Kunde der spanischen Literatur, von schwachen Versuchen zu umfassenden Studien, Uebersetzungen, Nachbildungen und einer schwärmerischen Bewunderung fortgeschritten. In den spanischen Romanzen und im Drama lebte noch der echt ritterliche Geist, die alte Frömmigkeit und eine alte Kunst. Calderon sollte wie Shakspeare, ja mehr noch Inbegriff und Muster aller wahren dramatischen Dichtung sein. An allen schwierigen romanischen Versmaßen, nicht an Sonetten allein, mühte man sich ab, und Sterne, Perlen, Jasmin und narkotische Blumendüfte durfte der Dichter nicht sparen.

Gerade die reichsten Talente wurden von diesem dunkeln Zuge am stärksten ergriffen. Arnim und Brentano, mit denen Tieck in mannichfacher persönlicher Verbindung gestanden hatte, verloren sich in phantastischer Willkür, bei Werner war alles Traum und Vision, und weiter noch gingen Andere. Es war die Frage, ob die ältern Meister, welche die neue Kunst eingeführt hatten, diese allerneuesten Künste gutheißen würden.

Wenn Tieck diese Bewegung überschaute, welche in dem letzten Jahrzehnd eine allgemeine geworden war, so mußte er sich gestehen, er und seine Freunde hatten dazu einen ersten Anstoß gegeben.

Unendlich oft hörte er die Worte wiederholen, die er als Jüngling ausgesprochen hatte, aber hatte man sie damals nicht verstanden, so schien man sie heute zu misverstehen. Es war dasselbe, was er gewollt hatte, und doch etwas ganz Anderes; es waren die Farben, welche er gebraucht hatte, und doch ein fremdartiges Bild. Oft wollte es ihm als eine Caricatur seiner Jugend erscheinen; und er war über die Jugend hinaus. Diesen neuen Genies gegenüber kam er sich nicht selten wie ein Philister aus der Vergangenheit vor, und fast lächerlicher noch als die Aufklärung waren ihm jetzt diejenigen, welche auf sie schalten, nachdem sie dieselbe von ihm verachten gelernt hatten. Die allgemeine Ansicht des Publicums war jetzt ungefähr auf dem Punkte angekommen, wo er vor zwanzig Jahren gestanden hatte. Wenn man ihm von vielen Seiten zurief, nun stimme man mit ihm überein, man wolle nur was er gewollt habe, so war ihm diese Anerkennung mitunter bedenklicher, als alle frühern Angriffe. Jetzt konnte er mit größerm Rechte seinen Nachahmern entgegenrufen, was er schon 1800 im „Neuen Hercules“ den Autor zum Bewunderer sagen ließ: „So streut man nur Worte in den Wind, die nachher zum Misbrauch gut genug sind.“ Die Standpunkte hatten sich geändert, die Entfernung, welche sie voneinander trennte, war dieselbe geblieben.

Nachdem er Jahre lang die mystische Philosophie studirt, und mit ihr gerungen hatte, waren seine Kräfte in ein mehr harmonisches Gleichgewicht getreten. Die Idee der Ironie als der höchsten und klarsten Beherrschung des Stoffes war ihm aufgegangen. Ein freier und leidenschaftsloser Ueberblick des Lebens und ein reineres künstlerisches Gestalten war damit verbunden. Es lag darin der Gedanke, sich sittlich über den Erscheinungen zu halten, sich nicht von ihnen unterwerfen oder fortreißen zu lassen.