1820–1841.

1. Restauration und romantische Schule.

Das sechsundvierzigste Lebensjahr hatte Tieck zurückgelegt, als er sich nach Dresden übersiedelte. Er stand auf der Höhe des Lebens, die Mittagssonne über seinem Haupte. Durch den mannichfaltigsten Wechsel der Menschen, ihrer Kämpfe, Leiden und Hoffnungen war er gegangen.

Deutschland hatte sich in dem letzten Vierteljahrhundert umgestaltet. Throne und Staaten waren gestürzt und wieder aufgerichtet worden, auf Schmach und Unterdrückung waren Sieg und Erhebung gefolgt, und neue Stimmungen und Bedürfnisse, Wünsche und Neigungen rasch emporgewachsen. Wer hätte in diesem Deutschland von 1820, jenes von 1807, oder gar das von 1792 wiedererkennen mögen? Selten hatte sich im Völkerleben ein größerer und gewaltigerer Umschwung in kürzerer Zeit vollzogen. Die deutsche Dichtung seit Goethe und die Wissenschaft durften einen Theil dieser Siege für sich in Anspruch nehmen; auch mit ihren Waffen waren Schlachten geschlagen worden.

In diesen Kämpfen hatte Tieck in erster Reihe gestanden. Wo aber war jenes Geschlecht geblieben, gegen das er in den letzten Jahren des verflossenen Jahrhunderts die schärfste Spitze des Witzes und humoristischer Dichtung wenden mußte? Die Aufklärung war vorübergegangen und vergessen. Nur noch dunkel erinnerte man sich ihrer als eines alten Hausgeräthes, das man einst nicht entbehren zu können glaubte, und das nun längst bei Seite gestellt worden war. Man nannte die Namen der Kritiker, Moralphilosophen und Dichter, die früher das große Wort führten, nicht mehr; kaum daß man ihnen einen stillen Platz in der Literaturgeschichte gönnen wollte. Wer hätte sich jetzt nicht geschämt in dem einst gefürchteten Nicolai einen Kritiker zu erkennen? Wer hätte Ramler noch für einen Dichter gehalten? Wem galt Engel’s Philosoph für die Welt noch für einen Philosophen, oder Moses Mendelssohn für den modernen Sokrates? Sie alle waren in den Hintergrund getreten. Hier war seit Fichte und Schelling alles neu geworden.

Aber auch das geniale Geschlecht der Stürmer und Dränger, dessen Einbruch die Aufklärer umsonst abzuwehren suchten, war nicht mehr, der Kreis der großen Dichter hatte sich aufgelöst. Schon war manches Jahr über Schiller’s Grab hingegangen, der durch sein gewaltiges Wort die Nation zuletzt erschüttert hatte. In Weimar war es still geworden. Nur einer noch war übrig, der Erste, der Größeste, Goethe. Es war der alte Goethe, der unmittelbar einzuwirken aufgegeben hatte, der der stillen Poesie des Orients, seinen eigenen Lebenserinnerungen und den Naturstudien zugewendet, in einsamer Hoheit thronte und in mystischer Beschaulichkeit die wechselnden Gestalten der Zeit an sich vorüberziehen ließ. Er war der Erhabene, der in aller Welt Anerkannte. Daß es Zeiten gegeben hatte, wo auch er sich durchkämpfen mußte, und die jüngeren Kritiker jene Anerkennung zuerst aussprachen, war vergessen, wie fast alle literarischen Kämpfe, welche die deutsche Welt beschäftigten, als Tieck zuerst auftrat.

Selbst von jenen Gefährten, mit denen Tieck im engen Bunde gestanden hatte, nannte er kaum Einen mehr den Seinen. Sie waren gestorben oder das Leben hatte sie von seiner Seite gerissen. Rambach, der ihn in die Literatur eingeführt hatte, war im fremden Lande verschollen; Reichardt, dem er die erste Kunsterziehung verdankte, war todt, und in seiner Kunst überflügelt. Bernhardi hatte sich der praktischen und gelehrten Thätigkeit hingegeben; jetzt war auch er gestorben. Wackenroder und Novalis waren ihm längst vorangegangen. Nur zwei Männer aus jenem Kreise lebten noch, eben die, welche im Vereine mit Tieck jene Bewegung geleitet hatten, die beiden Schlegel. Aber das alte Einverständniß hatte aufgehört. Alle drei hatten verschiedene und weit auseinander führende Wege eingeschlagen.

A. W. Schlegel war zum weltmännischen Gelehrten und Kunstkritiker geworden; statt des deutschen hatte er einen universellen Charakter angenommen. Mit der Staël hatte er in Genf und Coppet gelebt und den Dolmetscher deutscher Dichtung und Wissenschaft gemacht. Dann verkehrte er an den Höfen der Fürsten und in den Heerlagern der kämpfenden Parteien, wo er sich in der Theilnahme an politischen Verhandlungen zum Diplomaten zu machen versuchte. Er war in Wien und Stockholm zu finden gewesen, er schrieb vortrefflich französisch wie er vortrefflich deutsch geschrieben hatte, und politische Pamphlets wie früher Kritiken. Er bespiegelte sich in der Eleganz dieser Formen. Er ward Ritter mehrerer Orden und in den Adelstand erhoben. Dann begleitete er die Staël nach Italien, und lebte in Pisa und Florenz künstlerischen und antiquarischen Studien. Er hielt sich in Paris auf, und nach dem Tode der Staël nahm er einen Ruf als Professor an die neu begründete rheinische Universität an. Der deutsche Gelehrte kam wieder zum Vorschein. Mit kalter und diplomatischer Haltung, doch nicht ohne eine gewisse Bitterkeit sah er auf die meisten Genossen seines ersten jugendlichen Strebens in Dichtung und Wissenschaft zurück. Er war innerlich überzeugt, ihr Bestes hätten sie mehr oder minder ihm und seinen Anregungen zu verdanken.