Von München ging die Reise nach Stuttgart, wo man abermals die Boisserée’sche Gemäldesammlung bewunderte. Dann über Konstanz, Winterthur und Zürich nach Schaffhausen und Strasburg. Hier sahen sie die französische Schauspielerin George in zwei der größten tragischen Rollen, als Mutter der Makkabäer und Lady Macbeth, an einem Abend auftreten. Endlich erreichten sie Karlsruhe und Manheim.

Winterthur hatte Tieck zu berühren gewünscht, um den schweizerischen Schriftsteller Ulrich Hegner persönlich kennen zu lernen. Alles, was dieser Mann geschrieben hatte, sprach ihn in hohem Grade an, besonders das treffliche Buch „Saly’s Revolutionstage“, welches Hegner bereits zu einem Briefe an Tieck Veranlassung gegeben hatte. Der einfache und natürliche Zug dieser Schriften hatte ihn gewonnen. Er glaubte darin etwas von seinem eigenen Wesen zu erkennen, und wünschte nun in mündlicher Unterredung manche Andeutung weiter ausgeführt zu hören. Erwartungsvoll eilte er, den unbekannten Freund aufzusuchen. Er fand ihn in seinem altväterischen Hause, dessen ganze Einrichtung die Erinnerung an altschweizerisches Leben erweckte, und eine überlieferte feststehende Sitte verkündete. Als er ins Zimmer trat, erhob sich ein starkgliederiger und corpulenter Mann, der in den Sechzigen sein mochte, schwerfällig vom Sessel. Er hatte ein breites, bleiches Gesicht und einen kalten Blick. In ruhiger phlegmatisch massiver Haltung trat er auf ihn zu. Doch als er hörte, wer der Ankömmling sei, belebte sich sein Gesicht, ein eifriges Gespräch begann, welches mit der Einladung endete, längere Zeit zu verweilen, damit man sich ganz aussprechen könne. Tieck mußte dies natürlich ablehnen, bat aber für heute mit seinem Reisegefährten wiederkehren zu dürfen. Auf dieses unbefangene Wort hin änderte sich plötzlich die Scene. Die Aussicht, einen ihm unbekannten, hochgestellten Mann ohne Vorbereitung bei sich zu sehen, machte den an altfränkische Höflichkeit gewöhnten Schweizer stutzig. Er ward verlegen, kalt und einsilbig, das Gespräch stockte, er ließ die Einladung fallen; Tieck erkannte, daß es Zeit zum Rückzuge sei. Er ging nicht ohne Verstimmung über den wunderlichen Mann, der sich um einer Aeußerlichkeit willen in demselben Augenblicke eigensinnig verschloß, wo er sich mitzutheilen wünschte.

In Karlsruhe sah Tieck den rheinischen Hausfreund Hebel, dessen großes Talent volksthümlicher Dichtung er bewunderte. Wer Hebel recht kennen lernen wollte, that am besten, ihn im Wirthshause aufzusuchen, wo er bürgerlich bei Bier und Pfeife Abends zu sitzen pflegte. Er fand den schlichten, kindlichen Mann wieder, den er aus den Gedichten kannte. In der Unterhaltung kam man auf die Anekdoten des „Rheinischen Hausfreundes“. In zutraulichem Tone fragte Tieck: „Aber, lieber Mensch, warum schreiben Sie denn nicht mehr solche hübsche Sachen?“ Mit naiv trocknem Humor antwortete Hebel: „Jo, i wees nischt mehr.“

Während eines kurzen Aufenthalts in Manheim fand Tieck auch seinen ältesten Freund Bothe wieder, der ihm die ersten Seelenschmerzen verursacht hatte. Dieser war als rühriger Philolog bekannt. Wol seit dreißig Jahren mochte ihn Tieck nicht gesehen haben. Wie jener sich auch äußerlich verändert hatte, selbst in der freundschaftlichen Aufregung erkannte er ihn innerlich wieder. Das Gespräch kam auf das Sonett, welches Tieck an ihn gerichtet hatte, und wie er ihn jetzt beurtheilte, sah er wohl, daß nur schwärmerischer Jugendenthusiasmus eine Freundschaft zwischen zwei so entgegengesetzten Naturen für möglich halten konnte.

Der nächste Besuch galt den Theatern von Darmstadt und Frankfurt a. M., wo Tieck zugleich den Rath Schlosser und manchen andern Bekannten wiedersah. Darauf folgte ein Ausflug in den Rheingau, dann wandten sie sich nach Kassel zurück, dessen Bühne ebenfalls zu berücksichtigen war. Kurze Zeit verweilten sie in Hannover und Braunschweig. Ende Juni war Tieck wiederum daheim. Ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Teplitz schloß sich zur Stärkung und Erholung sogleich an.

So endete diese inhaltvolle Reise. In den Raum weniger Wochen drängte sich das Bedeutendste zusammen. Die böhmischen Gebirge, die Tiroler- und Schweizeralpen und den Harz, die Donau und den Rhein hatte er in raschem Fluge gesehen. Die mannichfaltigsten Erscheinungen in Kunst und Natur waren an ihm vorübergegangen; er hatte einen Ueberblick des neuen deutschen Lebens gewonnen.

5. Die Novellen.

Die Rundreise durch Deutschland hatte den Beweis geliefert, daß Tieck’s dichterisches Ansehen in der allgemeinen Meinung fest stehe. Ueberall hatten sich alte und neue Freunde um ihn geschart; es sprach sich der Gedanke aus, nächst Goethe verehre man in ihm den größten der lebenden Dichter Deutschlands. Man erkannte, er sei es gewesen, der nach Goethe der Literatur noch einmal eine neue eigenthümliche Wendung zu geben vermocht habe. Aber man feierte nicht allein den Dichter einer glänzenden Vergangenheit. Denn in den letzten Jahren war er mit einigen Werken hervorgetreten, welche bewiesen, der neuen Zeit werde er sich in anderer Weise gegenüberstellen. Soeben hatte das Publicum den ersten Eindruck seiner Novellen empfangen.