Die Wirkung dieser neuen Erscheinungen war überraschend. Man war geblendet, befremdet; man zweifelte, wie man diese Novellen zu verstehen habe, mochte man dabei den Dichter oder die Literatur im Auge haben, in welche sie eingriffen. Und diese stand in einem wunderbaren Gegensatze zu denselben.
In neuerer Zeit ist die erzählende Dichtung für die mannichfaltigen Wandlungen des öffentlichen Geistes immer am empfänglichsten gewesen. Häufig geht sie allein aus dem Bedürfnisse des Tages hervor, und hat kaum einen andern Zweck, als der Unterhaltung zu dienen. Keine dichterische Form sinkt leichter zum Mittelmäßigen, Gewöhnlichen, ja Gemeinen herab. In seiner Jugend hatte es Tieck mit Spieß und Cramer, Schlenkert und Meißner zu thun. Sie waren mit dem Tage vorübergegangen. Aber das Bedürfniß einer leichten Nahrung, einer augenblicklichen Zerstreuung, das Wohlgefallen am Gewöhnlichen war geblieben. Es machte keinen Unterschied, daß die größten Geister die Literatur umgewandelt hatten; es gab Viele, die nichts gelernt und nichts vergessen hatten.
Mit dem Jahre 1820 neigte sich die Glanzzeit der neuen Ritterromane und Nordlandshelden ihrem Ende zu. Fouqué’s Stelle als Beherrscher der Modeliteratur theilte mit ihm ein anderes bizarr neckendes und irregehendes Talent, E. T. A. Hoffmann. In der Region der Erzählung, wo das Furchtbare und das Grausen heimisch war, welches vorzugsweise für romantisch galt, war er der Erste. Hier gab es alle erdenkliche Zerrgebilde krankhafter Phantasie, den bis zum Schwindel gesteigerten Wechsel brennender Farben. Alles verwandelte sich in Alles; der Wahnwitz war zuletzt der wahre Tiefsinn, und das Leben erfüllte sich mit Gespenstern, die ebenso gräßlich als scurril waren. Die Fieberhitze dieser Nachtstücke und Teufelselixire ging auf das Publicum über; durch den nervösen Schreck wollte es ergriffen und geängstigt werden. In den „Serapionsbrüdern“ gab Hoffmann eine Nachbildung des „Phantasus“, aber nur die Caricatur davon vermochte Tieck wiederzuerkennen. Andere schrieben abgeschwächt in Hoffmann’s Weise; doch auch die Erzählungen Contessa’s und Weißflog’s wurden gern und viel gelesen.
Auf die Krämpfe folgte Abspannung. Jetzt war das wässerige Gebräu der trivialen Geister sehr willkommen. Mit gleicher Gier verschlangen die Leser die seichten, unsittlichen Erzählungen von Clauren, dessen Taschenbücher Deutschland überfluteten. Seine „Mimilis“ und „Lislis“, seine „Dijonröschen“ und „Christpüppchen“, die hungerigen und lüsternen Schilderungen von Dinées und Toiletten; die breite Darstellung gemeiner Sinnlichkeit fand nicht allein in den Leihbibliotheken, sondern auch bei denen, die für gebildet galten, reichen Beifall.
Endlich stellte sich der historische Roman mit seiner ganzen Schwere in den Vordergrund. Er vorzugsweise war das Product der Poesie, welche sich der Vergangenheit zuwendet. Die Romane des großen Unbekannten, die Waverley-Novellen, hatten einen Eindruck ohne Gleichen gemacht, und drohten alles Andere zu verdrängen. Die deutschen Uebersetzer und Buchhändler waren haufenweise zur Arbeit bereit, und die Nachahmer eilten, auf dem neugebahnten Wege zu folgen. Historisches Leben und Charaktere wurden verlangt; Schlachtstücke, Burgen, Costüme bis auf die Strumpfbänder, Alles sollte historisch sein. In van der Velde und Tromlitz war mehr als ein deutscher Walter Scott gefunden, der ebenso schnell producirte wie der englische, ohne zu besitzen, was diesen groß machte, die nationale Grundlage.
Diesen Erscheinungen der Tagesliteratur fehlte, was allein einen bleibenden Werth verleihen kann, die schöpferische Idee, der tiefere geistige Gehalt, der das Leben zum Leben macht. Und eben hier lag die Stärke der Novellen Tieck’s.
Seit dem zweiten Theile des „Fortunat“ hatte er keine eigenen Dichtungen herausgegeben. Jetzt erschien in Wendt’s Taschenbuche „Zum geselligen Vergnügen“ von 1822 die erste Novelle, „Die Gemälde“; gleich darauf eine zweite, „Die Verlobung“ im „Berliner Taschenkalender für 1823“, mehrere andere kamen in rascher Folge hinzu. War der Tieck, welcher hier die Verhältnisse der Gegenwart in hellem und scharfem Lichte darstellte, derselbe, welcher einst den Heiligenschein, das mystische Dämmerlicht des Mittelalters und die mondbeglänzte Zaubernacht in trunkener Begeisterung besungen hatte? War es wirklich der Dichter der „Genoveva“, des „Octavian“ und „Phantasus“, der hier mit nüchterner Dialektik und Ironie die Verkehrtheiten der neuesten Zeit nachwies? so fragte man sich zweifelnd und bedenklich. Kaum daß man die alten, wohlbekannten Züge in diesem Bilde wiedererkennen wollte. Er schien ein Anderer geworden, von sich abgefallen. In ihm selbst mußte irgendwo ein Widerspruch, eine Inconsequenz liegen, so wenig begreiflich schien diese überraschende Wandlung. Oder sollte sie etwa ihren Ursprung in eigensinniger Laune und Willkür, in der offenbaren Caprice des Romantikers haben?
Es mußte überraschen, wenn er gewissen Modeneigungen, welche sich gerade auf ihn beriefen und in seinen ältern Dichtungen ihre Quelle zu haben behaupteten, den Krieg erklärte. In der Novelle, „Die Gemälde“, wurde die Ansicht der Malerei, welche Genie und Beruf aus der Frömmigkeit und andächtigen Verehrung der alten Kunst herleiten wollte, von der unzweideutigsten Ironie getroffen. Es war die Zeit der Deutschthümelei, der altdeutschen Röcke und breiten Spitzenkragen, der langen, wallenden Haare und Sammetbaretts. Der fromme und biderbe Sinn der Altvordern sollte mit ihrem harten Kunststile wieder lebendig werden. Eine Caricatur war entstanden, die sich vaterländisch und altdeutsch, in der Kunst fromm und heilig begeistert nannte. Noch mehr Entrüstung erregte es, als er es wagte, in der zweiten Novelle, „Die Verlobung“, das neumodische, ausschließende Christenthum in seiner Zweideutigkeit darzustellen. Es hatten sich Kreise gebildet, in denen man die Geheimnisse der christlichen Lehre besser zu verstehen und tiefer zu fühlen meinte, als die außerhalb Stehenden, wo man durch besondere Erleuchtungen und Begnadigungen zu besitzen wähnte, was die nicht Erweckten in der Irre gehend umsonst suchen. In eine allein gültige Form des christlichen Lebens sollte Alles hineingezwängt werden, und Kunst, Wissenschaft und Philosophie glaubte man nicht allein entbehren zu können, sondern auch verfolgen zu müssen, weil sich in ihnen die Weisheit und Eitelkeit der Welt bespiegele.
Wenn die Schilderung solcher Zustände die Anklage hervorrief, daß Tieck den religiösen Geist jetzt selbst verfolge, den er in der Zeit des Abfalls habe erwecken helfen, so mochte Vielen, die seine Entwickelung nicht kannten, dieser Vorwurf annehmlich scheinen. Er und sein Freund Wackenroder hatten zuerst von dem frommen Glauben, der Einfalt der alten deutschen Kunst mit jugendlicher Begeisterung gesprochen. Sein „Sternbald“ war das Abbild dieser alten Meister, und ward nun das Urbild dieser jungen altdeutschen Künstler, die alle zu sternbaldisiren anfingen. Aber weil man Kunst und Kunstsinn zuerst in den Formen des Mittelalters wiedergefunden hatte, folgte daraus, daß man sich von dem griechischen Kunstwerke, als einem heidnischen Gräuel, mit frommem Schauder abwenden mußte? War denn die altdeutsche Kunst die einzige, die Kunst überhaupt? Wenn in einer Zeit der Unbefangenheit Glauben und Kunst miteinander verschwistert waren, wenn fromme Männer treffliche Maler gewesen waren, hatten darum die Nachahmer Recht, welche Künstler zu sein behaupteten, weil sie fromm waren, und fromm zu sein wähnten, weil sie eckige und hölzerne Heiligenbilder malten? Weil Wackenroder’s künstlerischer Glaube tief und wahr gewesen war, hatten darum die Recht, welche ihm gedankenlos nachsprachen? War es eine nothwendige Folge, alle Zerrbilder gutzuheißen, weil man das Urbild anerkannte? Keinem Freierblickenden konnte es zweifelhaft sein, daß bei diesem Pochen auf Genie und Frömmigkeit, bei dieser Verehrung des Einseitigen in der altdeutschen Malerei, die Kunstbildung selbst gefährdet war.
Ebenso stand es mit Tieck’s Widerspruch gegen die ausschließliche und anmaßliche Frömmigkeit. Er hatte den Katholicismus von sich abgewiesen, sollte er sich jetzt einem puritanischen Systeme gefangen geben, welches viel inconsequenter als jener, die Freiheit im Glauben aufzuheben, und aller Wissenschaft und Kunst den Krieg zu erklären drohte? Den Quell des ewigen, unveräußerlichen religiösen Gefühls suchte er wieder aufzudecken, als er im Sande zu verrinnen schien, und jetzt wollten Manche unter dem Vorgeben, ihm ein neues Bette zu graben, ihn von neuem verschütten. Die beschränkten Aufklärer hatten das Christenthum herabgesetzt, weil sie seinen Inhalt glaubten entbehren zu können; die beschränkten Eiferer setzten es herab, weil sie allein in seiner äußern Gestalt es in Wahrheit zu besitzen wähnten. Es waren zwei entgegengesetzte Systeme, welche nur Eines miteinander gemein hatten, die Intoleranz.