Andere Tadler wollten die Ironie, mit welcher Tieck diese Fragen behandelte, verwerflich finden. Man vergaß, daß die schärfsten Waffen des Dichters gegen die verhaßte Aufklärung Witz und Ironie gewesen waren. Hätte er als Mann, bei soviel reiferer Entwickelung und freierm Blicke nicht wagen dürfen, was er als Jüngling unter Beifall und Anerkennung der Unbefangenen gewagt hatte? Oder waren etwa die Vorurtheile der Gegenwart soviel besser, als die der Vergangenheit?
Aus den Verhältnissen erwuchsen ihm die ergiebigsten Novellenstoffe, welche die Ironie in sich selbst trugen. Der Gemäldesammler, der auf seine Kennerschaft stolz ist, läßt sich durch einen groben Betrug täuschen; in einer musikschwelgerischen Zeit, wo Alles singt und musicirt, sind die Unmusikalischen die Lautesten; die selbstgerechten Frommen erscheinen als unfromm; oder wenn endlich der Hüter der Thoren mit ihnen selbst zum Thoren wird, so war das nicht willkürlich gesucht, sondern eine Ironie, für welche sich Hunderte von Beispielen aus dem Leben herausgreifen ließen. In diesen Novellen entwarf er eine Reihe von Zeitbildern, die man ironisch oder dialektisch, oder social nennen konnte, denn sie enthielten alle diese Bestandtheile zusammen. Die musikalische Ueberschwänglichkeit der zwanziger Jahre stellte er in den „Musikalischen Leiden und Freuden“ dar; die Vorliebe für Hoffmann’sche Spukgeschichten im „Zauberschloß“; die wiederauftauchende Wundersucht in den „Wundersüchtigen“; das Selbstbelügen, das für seine Truggebilde zuletzt mit gläubigem Eifer auftritt, in dem „Geheimnißvollen“ und der „Gesellschaft auf dem Lande“. Die Frage, auf welchem Wege das sittliche Element im Menschen sich entwickeln könne oder müsse, ob und welche Zwischenstufen durchzumachen seien, behandelte er in einer andern Novelle, deren Anfänge in seine früheste Zeit zurückgingen. Schon 1819 waren die ersten Bogen des „Jungen Tischlermeister“ gedruckt, doch erst viel später kam er zum vollständigen Abschluß. Aber diese Novelle hatte noch eine andere Seite. Sie übernahm die Darstellung und Vertheidigung des ältern deutschen Handwerkslebens, das sich in stiller Selbstbeschränkung durch ämsigen Fleiß und künstliche Arbeit zur Kunst erhebt. In ihm wie in den Zünften sah er ein altehrwürdiges und nothwendiges Element des deutschen Lebens, das er gegen die mechanische Gleichmacherei des wachsenden Fabrikwesens gewahrt wissen wollte.
Den Novellen lag überall ein bestimmter Inhalt und eine feste Ansicht zu Grunde, die fast vorsätzlich verkannt wurde, wenn man behauptete, daß die Ironie in ihrem dialektischen Spiel die Dinge und zuletzt sich selbst auflöse, um den Leser auf ödem und unfruchtbarem Boden unbefriedigt zurückzulassen. Vielmehr diente die Ironie dazu, das Positive zu entwickeln. Man that ihm Unrecht, wenn man ihm Kälte, Zurückhaltung und ein gleichgültiges Spielen mit seinen Stoffen zum Vorwurfe machte. Wenn er sich an diese nicht aufgab und verlor, so bekundete das seine volle dichterische Reife. In diesem sicheren und schöpferischen Wirken, das die Natur des Stoffes zugleich in der künstlerischen Form offenbart, lag ihm die höchste, die künstlerische Ironie selbst. Welchen Antheil er menschlich an den tiefsinnigsten Fragen unausgesetzt nahm, bewiesen schon die Stoffe selbst, welche er für die Novellen wählte. Wie ihn in der Jugend die religiösen Räthsel erfüllt hatten, so noch jetzt, nur war es natürlich, daß der Mann, der an sich und Andern so viel erfahren hatte, sie in anderer Weise zu lösen suchte, als der Jüngling. Hatte er sie damals mit größerer Glut aufgefaßt, so war er jetzt im Stande, sie mit größerer Tiefe und Milde zu beantworten. In verschiedener Beleuchtung kehrte dieser Inhalt in der „Verlobung“, „Dichterleben“, den „Wundersüchtigen“, im „Alten vom Berge“ und vor allen im „Aufruhr in den Cevennen“ wieder. Schon im Jahre 1806 war er auf diesen merkwürdigen Stoff, der alle jene dunkeln Elemente in sich schloß, aufmerksam geworden, doch erst 1820 begann er die Bearbeitung.
Das Verhältniß des Menschen zum Göttlichen war der eine Punkt, auf den alles ankam. Früher hatte er dessen Ausdruck in der Legende und Mystik gefunden. Auch jetzt war er weit entfernt Wunder und Geheimniß anzugreifen, wie man ihm Schuld gab; vielmehr faßte er es tiefer und unmittelbarer auf. Das Gesetz, von dessen scheinbaren Ausnahmen wir als von einem Wunder sprechen, ist selbst das Wunder, hier liegt das Geheimniß, es umgibt uns, in ihm leben wir, aber wir nehmen es nicht wahr. Darum kann und soll die vereinzelte Thatsache eines Wunders niemals zum ausschließlichen Mittelpunkte des religiösen Bewußtseins oder Bedürfnisses gemacht werden. Die Offenbarung bedarf dessen nicht, und die unruhige Wundersucht, welche immer nach neuen Bestätigungen des Ewigen sucht, ist am Ende Irreligiosität oder Schwärmerei. Das höchste aller Wunder aber begibt sich in dem Menschen selbst, wenn das Herz des Bereuenden oder Gleichgültigen sich unwiderstehlich zu Gott hingezogen fühlt. Denn hier geht der Schöpfungsproceß zum zweiten Male vor sich, in dieser Wiedergeburt wird aus Nichts Etwas geschaffen.
Der Mensch ist ewigen Ursprungs, aber das Böse ist in ihn eingedrungen, es ist die Unkraft, der Ungrund, das reale Nichts. Ist er dagegen absolut schlecht, so hat alles von vornherein ein Ende. Aber ohne die Offenbarung und ihre Aufnahme gibt es keinen Sinn im Tiefsinn, keinen Geist in der Geschichte, keinen Trost in der Natur, keinen Scherz, keine Kunst, keine Liebe. Er, der Quell und Keim aller Liebe ist, kann sich dem Herzen nicht entziehen, das ihn mit seinen heiligsten Kräften sucht und ihm entgegenstrebt. Doch die höchste Entzückung kann nicht gleichmäßig fortdauern; der gewonnene Besitz wird durch den Zweifel angefochten, er scheint sich uns wieder zu entziehen, das ist die Schwäche und Beschränktheit der menschlichen Natur. Aber der Zweifel ist der Diener des Glaubens; wer nie gezweifelt hat, wird auch nicht im vollen Sinne glauben können. Der Sichere wird nur um so eher zu Falle kommen. Wer vor der in Entzückung erkannten Wahrheit nicht in Ehrfurcht zurücktritt, wird in geistiger Schwelgerei untergehen, oder sich zu fanatischer Verfolgungssucht verhärten. Die abschreckendsten Verzerrungen treten aber da hervor, wo die höchsten göttlichen Erhebungen der nichtigen Leidenschaft dennoch verfallen und sich mit den dunkeln Naturkräften und dem dämonischen Nichts verbinden. Hier entsteht wilde Schwärmerei. Jede Schwärmerei aber ist die Zwillingsschwester der ihr scheinbar unähnlichsten, und die ewige Wahrheit wird herabgezogen und entweiht. Vor diesen Verirrungen bewahrt nur Demuth, Entsagung, einfacher Wandel und Gebet. Das Christenthum aber in seiner unendlichen Milde weist kein wahres Bedürfniß und keine wahre Sehnsucht ab. Wie es ein unendliches und allgemeines ist, so ist es auch für Jeden ein besonderes; darin liegt seine Freiheit. Beschränktheit ist es, seinen ganzen tiefen Inhalt auf eine Silbe stellen, und diese Silbe aller Welt aufdrängen zu wollen, und Profanation des Heiligen, es unaufhörlich im Munde zu haben. Es gibt viele Wege, die zu Gott hinführen.
Das Höchste, Unsichtbare suchte Tieck hier dichterisch faßlich und gegenständlich zu machen. Denn das war ihm die Aufgabe der Poesie, daß die wahre Begeisterung auch im Geringen das Hohe, im Irdischen das Ueberirdische wiedererkenne, und Gott auch da sehe, wo das blöde Auge verschlossen bleibt. Auf diesen Gipfel wahrhaft prophetischer Seherkraft erhob er den Dichter in den Novellen „Dichterleben“, und dieser Seher trug den Namen Shakspeare.
Wie in der Jugend war ihm die Poesie auch jetzt noch eine Offenbarung, welche das Göttliche in ihrer Weise aussprechen sollte. In den frühern Naturdichtungen und Sagen hatte er stets das altkluge bewußte Thun und Machen der Menschen im Gegensatze zu der instinctiven Macht des Geistes dargestellt. Während die Klugen und Weisen zu Schanden werden, fällt den Kindlichen und geistlich Armen das Höchste ungesucht zu. Das war die ewige Ironie der Weltordnung. Auch in den Novellen faßte er sie so auf. Nichts anderes war es, wenn im „Funfzehnten November“ der dunkle Instinct des Blödsinnigen die Todesgefahr lange vorher ahnt, und die Klugen, die ihn verspotten, daraus errettet, und wenn dieser Instinct die Macht Gottes genannt wird.
An diesen Stoffen bildete sich die dialektische Entwickelung und sinnlich gegenständliche Darstellung zur Meisterschaft. Wo hätte man ausgeprägtere mannichfaltigere Charaktere gefunden? Es war eine Galerie der eigenthümlichsten Menschen, die aufgestellt wurde. Aber es waren keine Bilder, sondern Menschen von Fleisch und Blut. Man sieht sie sinnlich, handgreiflich vor sich, in ihrem Thun und Lassen, in allen ihren Bewegungen. Selten hatte sich das große Talent der Menschendarstellung glänzender bewährt. Wie behaglich in ihrer Selbstzufriedenheit trat nicht die Thorheit auf, und hier wie überall zeigt sich die ungetrübte Komik, die von jeder böswilligen Absicht fern, sich nur um ihrer selbst willen gibt, und so zu reiner Wirkung gelangt. Und wie schwebte über Allem, was scharfe Beobachtung des Lebens, reife und allseitige Erfahrung gesammelt hatte, die versöhnende Milde des Urtheils, der Tiefsinn, die verklärende Kraft der Dichtung. Freilich war es eine andere Strahlenbrechung der Poesie als in der „Genoveva“, im „Octavian“ und „Phantasus“, aber es war Poesie hier wie dort; und wo das reichere Licht sei, darüber konnte man kaum zweifelhaft sein.
Konnte man die ältesten Erzählungen in den „Straußfedern“ grobe aber charakteristisch derbe Holzschnitte nennen, die Märchen im „Phantasus“ schaurige Nachbtilder, so waren die Novellen vollendete Gemälde, auf denen das helle Tageslicht des Kunstwerkes ruhte. Muster und Vorbilder waren ihm Boccaz und Cervantes, dann Goethe, der in der deutschen Literatur die ersten Beispiele reiner novellistischer Kunstform gab. Durch Tieck kam sie jetzt zum Abschlusse, und den ältern Meistern der Novelle gesellte er sich als der jüngste zu. Diese Gattung der Erzählung, die bisher schwankend und zweideutig gewesen war, ward nun fast die populärste. Die Idee der Novelle bildete sich schärfer und klarer aus.