Auch seine Theorie derselben enthielt nichts Anderes, als was er zu allen Zeiten in den Dichtungen darstellen wollte. Eine hervortretende Spitze, einen Brennpunkt sollte die Novelle haben, in welchem ein bestimmtes Ereigniß in das hellste und schärfste Licht gesetzt wird. Dieses Ereigniß mag alltäglicher, ja scheinbar geringfügiger Natur sein, und dennoch ist es wunderbar, ja vielleicht einzig, weil es nur unter diesen Umständen geschehen, und nur diesen Personen widerfahren kann. Es erscheint somit das Wunder in unserer gewöhnlichen Umgebung, und doch in der eigenthümlichsten und überraschendsten Weise ausgeprägt. Von nicht minder wunderbarer Einwirkung ist es auf die Welt der Geister. Es bildet den dialektischen Wendepunkt der Handlung, und um ihn sammelt sich die gespannteste Theilnahme des Lesers. Die Novelle, welche das Wunder im täglichen Laufe der Dinge zu enthüllen sucht, ist mehr auf die Stoffe der Gegenwart, als der Vergangenheit angewiesen. Daraus folgte der Uebergang von den Legenden und Sagen der Vorzeit zu den Problemen des Tages.

Er, der einst das romantische Land eröffnete, wollte nun zeigen, die wahre Poesie sei frei und unbedingt; daß sie den romantischen Glanz wol annehmen könne, aber zu ihrem Wesen seiner nicht nothwendig bedürfe. Die Verhältnisse und Eigenthümlichkeiten der neuen Zeit erschließen sich dem klaren dichterischen Auge nicht minder als die Vergangenheit; ward doch auch für Cervantes seine Zeit zum Stoffe reicher und tiefsinniger Darstellung. Nicht allein die Lebensfülle der Gegenwart in ihren besondern Gestalten und Charakteren war darzustellen, auch die großen Fragen, welche die Parteien in Staat, Kirche und Literatur beschäftigten, die oft in Familien und häusliche Verhältnisse zerstörend eingriffen, gerade sie vorzugsweise mußten zur Sprache kommen. Die Gegensätze der Geister, die scharfen und schneidenden Contraste der Ansichten konnten sich in der Handlung bis zur Wirkung der Tragödie erheben; aber sie ließen sich auch zum Gegenstande der ruhigen Erörterung und des Dialogs machen. In diesen Gesprächen, welche tiefsinnig ernst, oder leichtscherzend und humoristisch große Stoffe behandelten, bewährte sich die Meisterschaft künstlerischer Dialektik. Es war eine bestimmte, aber doch höchst dehnbare Form der Erzählung gewonnen, die jeder Erweiterung fähig war, und jedem Gegenstande sich anschmiegte. Immer aber sollte die Novelle den höchsten Standpunkt des Dichters festhalten, sie sollte die Welt nicht allein abspiegeln, sondern die Widersprüche des Lebens, die Wirren und Kämpfe der Leidenschaft auflösen und zur versöhnenden Auffassung erheben.

In derselben Zeit entwickelte Tieck auch als literarischer Sammler und Forscher eine ungemeine Thätigkeit. Es hatte sich ihm eine Reihe von Aufgaben gebildet, welche er allmälig zu lösen hoffte. Immer noch stand hier sein Shakspeare voran; was er für diesen that, galt ihm nur für eine Vorbereitung, für einen Abschlag auf das Hauptwerk, dessen Gedanke der Mittelpunkt aller seiner Studien war. Unterstützt durch das Talent jüngerer Freunde, gab er seit 1823 eine Reihe altenglischer Stücke, unter dem Titel „Shakspeare’s Vorschule“ heraus, und begleitete sie mit einer historisch-kritischen Einleitung. Da Schlegel von der Uebersetzung des Shakspeare sich vollständig zurückgezogen hatte, übernahm er es sie zu vollenden. Diese neue Ausgabe des sogenannten Schlegel-Tieck’schen Shakspeare erschien seit 1825; die einzelnen Stücke begleitete er mit kritischen Anmerkungen und Excursen. 1827 gab er die Uebersetzung von Espinel’s „Leben des Marcos Obregon“ heraus, und führte in der umfassenden Vorrede in die gleichzeitige spanische Literatur ein.

Ebenso thätig war er für die deutsche Literatur, wo er durch Sammlung und Herausgabe anderer Dichter und Schriftsteller eine persönliche Schuld abtragen, eine Pflicht der Pietät erfüllen wollte. Von dem hohen Talente H. v. Kleist’s überzeugt, von seinem tragischen Geschicke tief erschüttert, sah er in der Erhaltung des Andenkens des halbvergessenen Dichters eine unerläßliche Pflicht. Er wollte die Nachwelt zu der Anerkennung nöthigen, welche die Mitwelt verweigert hatte. Ihm verdankt man die Erhaltung von Kleist’s bestem Werke, des „Prinzen von Homburg“. Er erinnerte an das einzige noch vorhandene Manuscript, welches unter den Papieren einer hohen Person, die sich einst dafür interessirt hatte, vergessen worden war. Schon 1821 gab er Kleist’s hinterlassene Schriften, 1826 die gesammelten Werke heraus, und in demselben Jahre vereint mit Raumer, Solger’s Nachlaß und Briefwechsel. Auch Lenz war damals ein verschollener Dichter. Er zog ihn aus der Vergessenheit hervor und sammelte seine Dramen, für deren derbe Natürlichkeit er seit der Jugend eine große Vorliebe hatte, aufs neue. Die Einleitung dazu gestaltete sich zu einer literarhistorischen Darstellung der Epoche, in welcher Goethe zuerst auftrat. Auch schrieb er manche Kritik oder Vorrede, oft auf Bitten der befreundeten Verfasser, und seine dramatischen Recensionen in der „Abendzeitung“ gab er 1826 unter dem Titel „Dramaturgische Blätter“ gesammelt heraus.

Endlich legte er Hand an die erste Gesammtausgabe seiner Schriften. Sie sollte zugleich der Weiterverbreitung der verschiedenen unrechtmäßigen Ausgaben (eine solche war zuletzt in Wien erschienen) entgegentreten. Die erste Lieferung von fünf Bänden wurde 1828 ausgegeben. Ihr, wie den beiden folgenden, ging ein ausführliches Vorwort voran. Hier erläuterte er Veranlassung und Entstehung seiner ältern Werke, die schon in den Hintergrund getreten waren. Es waren zugleich die ersten Ansätze, die er zu einer Geschichte seines Lebens- und Bildungsganges machte. Leider sind es die einzigen geblieben.

6. Das Haus des Dichters.

Vielleicht niemals war Tieck’s Leben in sich befriedigter gewesen und gleichmäßiger verflossen als in dem Jahrzehend von 1820 bis 1830. Die Schwermuth, welche ihn früher oft lange niederdrückte, hatte sich gemildert, er war zu einer abgeschlossenern und zugleich heiterern Auffassung des Lebens gekommen. Die aufsteigenden Zweifel fanden ein siegreiches Gegengewicht in der stillen Resignation, die immer mehr der Mittelpunkt seiner Gedanken ward. In dieser Seelenruhe öffneten sich die Quellen der Dichtung von neuem, und in der raschen Production der Novellen schienen ihm die Jugendkräfte wiedergekehrt. Nicht mit Unrecht mochten Freunde und Fernerstehende über diese zweite, fast reichere Ernte staunen, welche nach längerer Ruhe eingetreten war. Es war eine späte und glänzende Verjüngung des Dichterruhms, den er zuerst vor einem Menschenalter gewonnen hatte.

Auch die Krankheit hatte mit ihrer Dauer an Kraft verloren, und es war möglich, ihr zeitweise den Stachel abzubrechen. Anderes, was ihn früher bedrängte, war ausgeglichen, seine äußere Stellung gesichert, bedeutende Verhältnisse nach allen Seiten hin angeknüpft, und sein Haus der Sammelplatz eines reichen literarischen und künstlerischen Lebens und edelster Geselligkeit.

Der Kreis der nächsten Angehörigen und Freunde trug wesentlich dazu bei, seinem Hause den für alle geistigen Kräfte so anziehenden Charakter zu geben. Neben Tieck’s Frau standen seine beiden Töchter, und die Gräfin Finkenstein, eine alte Freundin des Hauses, war der Familie nach Dresden gefolgt. Frau von Lüttichau und die Witwe seines Freundes Solger hatten sich ihnen in treuer Ergebenheit angeschlossen.