Eigenthümlich entwickelte sich die ältere Tochter Dorothea. Sie war ein so bestimmtes geistiges Element in diesem Verkehre, daß sie bald nicht allein den Freunden und Verehrern des Vaters eine merkwürdige und anziehende Erscheinung war. Bei der Uebersiedelung nach Dresden war sie etwa zwanzig Jahre alt gewesen. Schon früh zeigte sie reiche Fülle des Talentes und eine Kraft, die ihren eigenen Weg gehen wollte. An den Dichtungen des Vaters bildete sie sich heran und wußte deren besondern Charakter aufzufassen. Mit reger Theilnahme verfolgte sie seine Thätigkeit, und ward die Genossin seiner Studien. Unter seiner Anleitung lernte sie die neuern Sprachen kennen und ihre Dichter lieben. Schon vor dem zwanzigsten Lebensjahre war sie mit Shakspeare und Calderon vertraut.

Kaum bedurfte es der Anregung durch solche Geister, um sie in die Tiefen des Lebens blicken zu lassen. Früh genug waren schmerzliche Gefühle in ihr erwacht. Nicht allein ein Theil des Talentes und der schnellen Auffassungskraft des Vaters war auf sie übergegangen, sie war auch Erbin seines Tiefsinns und seiner Schwermuth. Wie reich ihr Leben nach einer Seite hin ausgestattet war, immer vermochte sie es nur mit dem Blicke des Ernstes zu betrachten. Und dieser Blick war schärfer für die schneidenden Contraste, welche das Auge verwunden, als für die hellern wohlthuenden Farben. Dieselben Zweifel, mit denen Tieck so oft gekämpft hatte, wiederholten sich bei ihr, und warfen früh einen dunkeln Schatten auf ihr Leben.

Aber das war es nicht allein. Die geistigen Schwingungen, welche die Romantik hervorgerufen hatte, setzten sich hier in einer spätern Generation fort. Die dichterische Stimmung, welche die Legende wiederbelebte und sich zum Glauben des katholischen Mittelalters neigte, war bei ihr zur Ueberzeugung geworden und in das Leben übergegangen. Das sehnsüchtige Bedürfniß der Religion fand nur in diesen Formen Ruhe und Frieden. Schon als Kind war sie mit ihrer Mutter zur katholischen Kirche übergetreten. Doch was ihr Frieden gab, war von manchen Gegensätzen unzertrennlich. Tieck’s eigene religiöse Ueberzeugung war wesentlich protestantisch, das sprachen alle seine neuern Dichtungen aus. So kamen Augenblicke, wo sie sich von den Nächststehenden nicht verstanden glaubte, und bei der kindlichsten Liebe zu ihren Aeltern sich dennoch einsam fühlte. War es doch als wenn gerade aus dem Verkehre mit den Menschen, mit welchen man am innigsten verbunden ist, die man am meisten liebe, auch die reichsten Schmerzen erwachsen müßten. Und was wollte dieses Leben überhaupt, in dem Freude wie Schmerz, wenn sie vorübergegangen waren, nur wie ein dunkler und fernliegender Traum erschienen? Wie bunt trieb alles durcheinander! Mit welchem Eifer jagten die Menschen dem Geringfügigen, Vergänglichen nach! In solchen Augenblicken konnte sie alles für ein leeres Spiel halten. Aber dennoch machte die Gegenwart immer wieder ihre Ansprüche geltend. Hatte man denn kein Recht auf Glück? War es wirklich ein leerer Traum, wenn die Kindheit sich ein solches Bild ausmalte? Von einer tiefen und mit den Jahren steigenden Sehnsucht nach innerer Ruhe wurde sie ergriffen, in der sie diese verwirrenden Netze von sich abstreifen und den Gedanken, die einander anklagen und freisprechen, auf immer entfliehen könne. Nur die Einsamkeit eines Klosters erschien als ein Hafen der geängstigten Seele, als letzte Lösung aller Fragen der Tod.

Doch sie fühlte, diese Seelenstimmung bedürfe eines Gegengewichts, wenn sie nicht zu Grunde gehen wolle. In diesem einsamen Zurückziehen auf sich selbst schien ein geistiger Egoismus zu liegen. Auch bot ihr das Leben manches Mittel der Entwickelung mehr als Andern. Mit aller Kraft begann sie dann gegen die Schwermuth zu kämpfen; ruhiger wollte sie werden. So gewann sie sich Zeiten gleichmäßiger Stimmung ab, in denen sie mittheilend, selbst heiter erschien. Sie unternahm geregelte Studien und literarische Arbeiten, die ihr Zerstreuung und geistige Sammlung gewährten. Von den neuern Sprachen ging sie auf die alten zurück, und gewann einen reichen Schatz von Kenntnissen, die man Gelehrsamkeit nennen konnte. Die Homerischen Gedichte und den Virgil, die griechischen Tragiker und den Horaz, den Herodot und den Livius las sie, und nicht ein Mal, sondern zu wiederholten Malen. Es war keine Neugier, kein gewöhnlicher Dilettantismus; eine Zeit lang lebte sie in diesen Schriftstellern, und suchte sich mit dem antiken Charakter vertraut zu machen. Aber sorgfältig verbarg sie diese Studien, kein Fremder hätte eine Ahnung davon haben dürfen; sie waren ihr Sache des Herzens wie ihre innern Kämpfe. Darum war sie fern von der kokettirenden Vielwisserei gelehrter Frauen. Alles Prunken mit Kenntnissen, alles was als moderne Emancipation hätte gedeutet werden können, haßte sie in tiefster Seele. Nur die vertrautesten Freunde wußten darum, allen Andern wollte sie eine Frau sein, die sich durch nichts über das hergebrachte weibliche Dasein erhebe. Mit demselben Eifer unterzog sie sich daher auch den kleinen weiblichen Arbeiten.

Dennoch konnte sich eine so eigenthümliche Erscheinung nicht verleugnen, selbst wenn sie es wollte. Die Art ihres Seins war nicht die gewöhnliche. Jedes Urtheil, jede Meinung trug das Gepräge ihrer ernsten Stimmung. Wer so Vieles in sich selbst durchgearbeitet hatte, konnte Menschen und Verhältnisse nicht in gewöhnlicher Weise ansehen. Die Wahrheit war ihr Bedürfniß; alles gemachte, alles falsche Scheinwesen haßte sie, aber sie sprach die Wahrheit nicht ohne Schärfe aus, und erschien Fremden oft streng, herb, ja schroff. Auch das gehörte zu den Prüfungen ihres Lebens. Alle diese Gegensätze waren schwerer zu überwinden für die Frau, welcher eine große praktische Einwirkung auf die Welt versagt war. Auch war ihr literarisches Talent ein receptives; wol zum Nachbilden, nicht zu eigenen dichterischen Hervorbringungen fühlte sie sich befähigt. Vielleicht waren ihre Empfindungen zu tief und verzehrend, um sie schöpferisch zu gestalten. So blieb ihr Wesen räthselhaft, unverstanden, aber eigenthümlich und anziehend.

Bald nach dem Jahre 1820 begann die Tochter an der literarischen Thätigkeit des Vaters Theil zu nehmen. Sie übersetzte die Sonette Shakspeare’s und die altenglischen Stücke des ersten Bandes der „Vorschule Shakspeare’s“, mit Ausnahme der „Hexen von Lancashire“. Im Publicum schrieb man diese Arbeiten längere Zeit Tieck selbst zu. Als er die Fortsetzung des Schlegel’schen Shakspeare übernahm, führte sie einen großen Theil derselben aus, während ein jüngerer Freund das Werk nicht minder eifrig förderte. Der Graf W. Baudissin hatte sich seit 1827 in Dresden niedergelassen, und theilte bald Tieck’s Studien des englischen Theaters. Dieser selbst hatte schon früher manches aus den von Schlegel zurückgelassenen Dramen nach Stimmung und Laune übersetzt. Einzelne Bruchstücke des „Macbeth“, „Othello“ und des Lustspiels „Der Liebe Müh umsonst“, waren da. Jetzt vollendete seine Tochter das erste dieser Stücke, und übersetzte den „Coriolan“, „Cymbeline“, „Timon von Athen“, „Die beiden Veroneser“ und „Das Wintermärchen“ vollständig. An einigen andern hatte sie keinen unwesentlichen Antheil. Ueberhaupt sah man diese Arbeit als eine gemeinschaftliche an. Die Uebersetzungen wurden vorgelesen, mit dem Originale verglichen, geprüft und verbessert. Schwierige Stellen besprach man gründlich, und bisweilen nahm die endgültige Feststellung weniger Verse einen ganzen Vormittag ein.

Ein zweiter Kreis theilnehmender und mitstrebender Freunde war in dieser Zeit entstanden. Denn schon hatte der erste sich aufgelöst. Nach einem bewegten Leben war Burgsdorff, der dem Freunde nach Dresden gefolgt war, 1822 gestorben. In ihm verlor Tieck einen der ältesten Jugendgenossen, der bei aller Verschiedenheit des Charakters ihm stets treu ergeben gewesen war. Zwei Jahre später wurde Malsburg daheim auf seinem Gute Escheberg vom Nervenfieber unerwartet fortgerafft. Im Jahre 1825 erlag Loeben langen und schweren Leiden; einige Jahre später folgte ihnen Wilhelm Müller. Keiner dieser jüngern Dichter erreichte das vierzigste Lebensjahr.

Dem neuen Kreise gehörte Rehberg an, der in Staatsgeschäften alt geworden war, und noch spät eine aufrichtige Freundschaft mit Tieck schloß. Er kam 1823 nach Dresden, nachdem er der öffentlichen Thätigkeit entsagt hatte. Bekannt als einer der ersten und geistreichsten Gegner der französischen Revolution, faßte er die Dinge überall scharf mit eindringendem Blicke auf. Der Verschiedenheit der Stellungen, und zum Theil auch der Ansichten, ungeachtet, einigte sich Tieck in den Hauptsachen dennoch mit dem realistischen Staatsmanne. So gingen z. B. ihre Urtheile über Goethe weit auseinander; Tieck hatte aber vor dem Scharfblick Rehberg’s eine so hohe Achtung, daß er einem Briefe, den dieser, angeregt durch die Einleitung zu Lenz’ Schriften, über Goethe an ihn geschrieben hatte, eine Stelle in derselben einräumte. Immer sah er es als ein freudiges Ereigniß an, noch in spätern Jahren einen wahren Freund gewonnen zu haben. Zu den heimischen Freunden Tieck’s gehörten K. M. Weber, der Hofmarschall von Lüttichau, Carus, Quandt, der Kunstkenner, Ungern-Sternberg, Karl Förster, Graf Baudissin, die Maler Dahl und Vogel. Eine Zeit lang versammelte man sich regelmäßig zu literarischen Mittheilungen und Vorlesungen.

Eine reiche geistige Anregung gewährten die literarischen Cirkel, welche der Prinz Johann um sich versammelte. Es war die sogenannte Dante-Gesellschaft, in der die Kenner der italienischen Literatur, Förster, Tieck, Carus und Baudissin, sich unter dem Vorsitze des Prinzen zur Lectüre und Erklärung des Dichters in Dresden oder Pillnitz vereinten. In der Regel ließ der Prinz die einzelnen Abschnitte seiner Uebersetzung des Dante von Tieck vorlesen. Ueberall zeigte er ein tiefes Verständniß des Dichters und eine seltene Gelehrsamkeit in der scholastischen Philosophie. Mit Unbefangenheit und Freimuth besprach man den Gegenstand allseitig, eine vollkommene Debatte entspann sich. Ganz als Gelehrter, dem es allein um die Sache zu thun ist, erschien der Prinz; er nahm Kritik an, wie er sie ausübte, und ließ das Uebergewicht, welches ihm seine Stellung gab, vollständig vergessen. Frei und ungezwungen bewegte man sich. Heimische und fremde, alte und neue Literatur, Kunst und Wissenschaft boten einen unerschöpflichen Inhalt, an dem man Geist und Kenntnisse förderte.

Es war ein behagliches, heiteres Leben damals in Dresden. Es gibt Zeiten der Ruhe, wo Noth und Mühsal vergessen scheinen, und die geistige Entwickelung, die oft nur im heißen Kampfe zu gewinnen ist, zum befriedigenden Genusse wird. Dresden konnte an das reiche Leben in Weimar und in jenen italienischen Städten erinnern, welche sprüchwörtlich geworden sind. Da eilen die Maler, Kenner und Kunstfreunde des Morgens nach den Galerien. Vor der Sixtinischen Madonna oder den Gemälden Correggio’s sind sie versammelt; mit Eifer tragen sie ihre Ansichten vor, sie vertheidigen ihre Lieblinge, und suchen einander zu überzeugen. Dann hält der alte Böttiger im Antikencabinet eine Vorlesung über Pallas oder Artemis, man geht in die Werkstätte eines befreundeten Malers, um irgendein eben vollendetes Gemälde zu betrachten, oder man sitzt im Laden des Italieners beim Glase Wein und unterhält sich tiefsinnig, oder schwatzt gemüthlich über Kunst, Welt und Leben. Am Abende wird es im Theater ein neues Trauerspiel oder eine neue Oper geben, das beschäftigt die Gemüther und hält sie in Spannung. Tieck wird vor auswärtigen Gästen ein Drama von Shakspeare, eine Dichtung aus seiner ältern Zeit, oder im Kreise der vertrautesten Freunde eine neue Novelle aus dem Manuscript lesen. Dann gibt es irgendein Fest zu feiern, ein Liederfest, ein Künstlerfest, den Geburtstag des Dichters. Man besingt und bekränzt ihn, man stellt in scenischen Versuchen Einzelnes aus seinen Dichtungen dar, und versammelt sich abermals an seinem Sessel, oder macht am Frühlingsabende eine Fahrt in das Elbthal. Man wird nicht müde zu sprechen von Poesie und Malerei, von Drama und Novelle, von Shakspeare und Goethe.