Dann kommen auf längere oder kürzere Zeit auch auswärtige Freunde. Schon früher hatte Uechtritz seine ersten dramatischen Arbeiten dem Urtheile Tieck’s unterworfen, und 1827 gab dieser das Trauerspiel „Alexander und Darius“ mit einer Vorrede heraus.

Auch Eduard von Schenk hatte durch seine liebenswürdige Persönlichkeit Tieck schon während des Aufenthalts in München für sich eingenommen. Als Dichter wünschte er seine Kritik, und als Staatsmann suchte er für ihn zu wirken. Bei der Begründung der neuen Universität in München zählte König Ludwig auch Tieck zu den Autoritäten, die gewonnen werden sollten. Dieses Mal wiederholte sich die Zumuthung, das Katheder zu besteigen, unter glänzenden Bedingungen. Man bot ihm eine Professur der neuern Literatur mit einem Gehalte von 2500 Gulden. In der Wahl und Anordnung der Vorlesungen sollte er die vollste Freiheit behalten, und in seinen literarischen Arbeiten in keiner Weise gestört werden. Doch dieses Anerbieten lehnte er ab; er war in Dresden heimisch geworden, und fühlte sich nicht geneigt, nachdem er das funfzigste Lebensjahr überschritten, eine neue Laufbahn zu beginnen. Auch war seinen körperlichen Leiden das wechselnde Klima von München nicht zuträglich, das ihn zwei Mal an den Rand des Grabes gebracht hatte.

Außer diesen jüngern Freunden besuchten ihn in regelmäßiger Wiederkehr auch manche der ältern. Einen lebhaften Briefwechsel unterhielt er mit F. von Raumer, der an Allem, was Tieck berührte, den wärmsten Antheil nahm, und im Frühjahr und Herbst einige Wochen bei ihm zu wohnen pflegte. Mit treuer Freundschaft stand er diesem in den Zeiten heftiger und ungerechter politischer und literarischer Angriffe zur Seite. Auch Steffens kam, der mit seinem vielgelesenen Roman „Walseth und Leith“ Tieck auf das Gebiet der Novellendichtung folgte; nicht minder Tieck’s Bruder und sein Neffe Gustav Waagen. Rumohr schlug zu Zeiten seinen Wohnsitz in Dresden auf. Er war noch der Alte; geistreich, sanguinisch, unruhig und abspringend. Aber immer kehrte er wieder. Heiter und durch ihre eigenthümliche Küche ausgezeichnet waren die Gesellschaften, die er in seinem Gartenhause auf einem Weinberge bei der Stadt gab; obgleich er stets behauptete, in ganz Dresden sei kein Bissen genießbares Essen zu finden. Denn längst hatte er den Geist der Kochkunst praktisch studirt. Später las er die „Deutschen Denkwürdigkeiten“ Tieck vor, und zeigte sich auch hier reizbar und wunderlich. Ein leichter Tadel, den er eines vereinzelten Wortes wegen erfuhr, erregte seinen heftigen Zorn, und lange war er nicht von dem Gedanken abzubringen, Tieck verfolge ihn feindselig, und wolle ihm seine Schriftstellerei verleiden. Dagegen räumte er gutwillig ein, daß seinem Buche der Schluß fehle, und auf Tieck’s Aufforderung fügte er einen vierten Theil hinzu.

In diesen glänzenden und bewegten Kreis älterer und neuerer Freunde trat 1827 als Zeuge einer längst entschwundenen Zeit Tieck’s ältester, fast vergessener Jugendfreund Piesker, jener altkluge Mentor, der unter den Jünglingen die Rolle des strafenden Gewissens zu übernehmen liebte. Seinem verständigen und ehrenfesten Wesen gemäß war er in die Beamtenlaufbahn eingetreten, und war dann nach Polen verschlagen worden; endlich hatte ihn Tieck während seiner Sturm- und Drangperiode ganz aus den Augen verloren. Der dürftige Briefwechsel war eingeschlafen; Tieck wußte nicht einmal, ob der alte Freund noch lebe. Jetzt kündigte er plötzlich nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Besuch in Dresden an, und zwar mit einem Theile seiner ziemlich zahlreichen Familie. Er war unterdeß als arbeitsamer Actenmann Landgerichtsrath in Meseritz geworden. Es war die freudigste Ueberraschung, den ältesten Jugendfreund so unerwartet wiederzusehen, den einzigen von jenen Genossen, der noch lebte. Alte Zeiten wurden in diesem Wiedersehen neu. Doch bald wich die überschwängliche Freude andern Betrachtungen. Der Landgerichtsrath aus Meseritz war ein guter und pflichteifriger Mann, dessen Geist in dem kleinen Beamten- und Stadtleben zusammengeschrumpft war. In der ersten Begeisterung las ihm Tieck Einiges von seinen Dichtungen vor, und führte den wenig Gereisten in Dresden umher. Doch statt aller theilnehmenden Aeußerungen hörte er stets nur die eine Gegenbemerkung, daß, dies und jenes ausgenommen, Alles in Meseritz ebenso sei. Es war vergeblich, aus ihm einen Funken herauszuschlagen, und Tieck konnte schließlich nicht begreifen, wie er in der Jugend im Verein mit diesem gutmüthigen, aber trockenen Gefährten Trauerspiele hatte schreiben wollen.

Einen anziehenden Charakter gewann dieses freundschaftliche und literarische Zusammenleben durch Tieck’s dramatische Vorlesungen. Längst waren sie mehr gewesen als eine anregende Unterhaltung für die Familie und die nächsten Freunde. Sie waren eine Vermittelung für Fernerstehende, ein künstlerisches Vorbild für Schauspieler, Gegenstand der Bewunderung oder Neugier für Fremde, und Mittelpunkt der Geselligkeit. Ihr Ruf ging weit über Dresden hinaus, und Tieck’s Meisterschaft im dramatischen Lesen trug vielleicht ebenso viel dazu bei, ihn zur öffentlichen Person zu machen, als sein dichterischer Ruhm. Seine Vorlesungen wurden zu Dresdens Merkwürdigkeiten gezählt. Bisweilen fragten sogar die Lohnbedienten der Gasthöfe im Namen angekommener Fremden an, ob heute Abend Vorlesung sein werde. Man sprach von ihnen, wie von der Gemäldegalerie, von der Kapelle der katholischen Kirche, oder dem Theater. Wer nach Dresden kam, mußte Tieck besucht, irgendeine seiner Vorlesungen gehört haben, das war unerläßlich. Sie vollendeten den künstlerischen Charakter der Stadt. Wie Goethe zu Weimar, gehörte Tieck zu Dresden.

Dem Huldigungseifer der Fremden kam er mit Unbefangenheit, Gutmüthigkeit und der edelsten Liberalität entgegen. Selten mag eine uneigennützigere Gastfreiheit ausgeübt worden sein. Er empfing seine Gäste wie der feingebildete Mann, der zugleich Dichter ist. Wenn in der deutschen Geselligkeit irgend etwas den vielgerühmten literarischen pariser Salons entsprach, so fand es sich im Hause Tieck’s. Nur mit den mäßigen Mitteln eines deutschen Privatmannes und Gelehrten ausgestattet, sah er dennoch fast an jedem Abende Gäste; außerdem galt der Sonnabend als officieller Empfangstag. Die Versammlung in seinem Lesezimmer war in der Regel sehr zahlreich. Mitunter stellten sich gegen die Sitte des Hauses noch um zehn Uhr Abends Fremde ein. Die verschiedensten Menschen und Gestalten fanden sich zusammen; die nächsten Freunde, Reisende, Bekannte und Unbekannte, Künstler, Schriftsteller und Gelehrte, neben den Deutschen oft Franzosen, Dänen, Engländer, Russen oder auch Nordamerikaner. Es war eine bunte Menge, wie sie Freundschaft, Verehrung, Neugierde oder fremde Empfehlung zusammengeführt hatte. Denn ein Wort, eine Zeile irgendeines Bekannten, eine anspruchslose Selbsteinführung reichte hin, diesen Kreis jedem Gebildeten zu öffnen. Man fühlte nichts von der Herrschaft, welche die geistige Größe auf ihre Umgebung unwillkürlich ausübt. Er dachte nicht daran, daß er der Mittelpunkt sei, und war weit entfernt, das Gespräch an sich zu ziehen.

Die Vorlesung erfüllte ihn jedes Mal ganz; er ging persönlich so vollständig in seinen Dichter auf, daß er der Gesellschaft umher oft entrückt wurde, und nach dem Schlusse nur allmälig zu seiner Umgebung zurückkehrte. Die künstlerische Vollendung, mit der er las, mochte damals den höchsten Punkt erreicht haben. Während man früher Vorlesen für ein Leichtes hielt, was sich von selbst verstehe, zeigte er, auch der Vorleser vermöge ein Kunstwerk zu schaffen, welches die Wirkung der Bühne überbiete. Unter den Stücken, die er zu lesen pflegte, standen die Shakspeare’schen obenan; häufig las er auch Goethe oder Schiller, Calderon oder Holberg, ein älteres deutsches Lustspiel, oder er griff zu einer neuesten dramatischen Dichtung eines jüngern Freundes. In ausgewähltern Kreisen ging er nicht selten auf Sophokles zurück, stets nach Solger’s Uebersetzung. Gern und unter tiefem Eindrucke las er den Euripides, nur vor Männern, in der Regel im Hause eines der Freunde auch den Aristophanes. Diese eigenthümliche Mischung von kühnem Witz und Phantasterei schien ihm besonders zusagend. Die Theilnahme der Zuhörer stieg, wenn er eines seiner eigenen Werke vortrug, und als Dichter und Vorleser zugleich auftrat. Fühlte er sich ganz kräftig, so konnte er wol zwei fünfactige Dramen, eine Tragödie und ein Lustspiel ohne größere Pause oder merkliche Ermattung hintereinander lesen. Die Jahreszeit machte keinen Unterschied; an den Sommerabenden fanden sich die Fremden vielleicht noch zahlreicher ein. Das Lesepult ward aufgestellt, man sammelte sich mit einer gewissen Andacht, und bald nach sechs Uhr begann die Vorlesung.

Manches gleichgültige Gesicht, welches er nie wiedergesehen hat, ging damals an ihm vorüber, und mancher Name wurde ihm genannt, dessen er sich nicht wieder erinnerte. Doch auch die berühmtesten Männer saßen vor seinem Lesepulte. Fast jeder Abend erweiterte den Kreis der persönlich Bekannten. Schon 1820 besuchte ihn Hegel, den er auf der Rückreise von England in Heidelberg kennen gelernt hatte. Dieser hatte seitdem sein System im ganzen Umfange entwickelt, er war eine Autorität geworden, welche die Stimmung der Wissenschaft zu beherrschen anfing. Eine innere Annäherung oder Ausgleichung zwischen beiden war unmöglich. Bei Tieck’s Stellung zur Philosophie konnte er sich am wenigsten mit der Strenge und scharfen Dialektik Hegel’s befreunden, und diesem lag die Plastik antiker Kunst näher, als das moderne Gefühl. Später wurde Tieck durch Hegel’s Kritik über Solger verletzt. Er sah darin ein Verkennen der tiefsten Gedanken seines Freundes, die auch sein eigenes Leben gebildet hatten.

Diesmal kamen Dichter und Philosoph auf dem neutralen Boden dramatischer Vorlesung zusammen. Tieck las im Kreise seiner Freunde den „Othello“. Am Schlusse machte Hegel einige Bemerkungen über den Charakter des Jago; er sah darin einen Beweis des unbefriedigten Gemüths des Dichters selbst. Bei Tieck stand der Gedanke der reinsten künstlerischen Stimmung Shakspeare’s fest. Im Eifer herausfahrend, rief er: „Professor, sind Sie denn des Teufels, so etwas zu behaupten?“ ein Gefühlsausbruch, der auf Hegel keinen günstigen Eindruck machte.

Zu den Vertretern der deutschen Kunst- und Dichterwelt, welche bei Tieck erschienen, und mit denen er zum Theil im brieflichen Verkehr blieb, gehörten Thorwaldsen, Cornelius, Schadow, Jean Paul, Robert, Häring, Holtei, Hauff, Schall, Immermann, Eduard Devrient, die Uebersetzer Gries, Kauffmann und Regis. Ein unbequemer Gast war Müllner. Er war absprechend und hochfahrend, umsomehr, da er Tieck’s Widerwillen gegen seine Trauerspiele kannte, und sich nicht hinreichend geehrt glaubte. Er hielt es überwiegend mit den Gegnern, und ließ es in seinem „Mitternachtsblatte“ an Ausfällen nicht fehlen.