Unter den Gelehrten schloß sich ihm in naher Freundschaft Loebell an, der neben seinen Fachstudien an den Geschicken der deutschen Literatur und Tieck’s Einwirkung auf dieselbe lebhaften Antheil nahm. Auch mit Ottfried Müller war er in nähere Verbindung getreten, dessen Liebenswürdigkeit und geistvolle Gelehrsamkeit gleich sehr fesselte. Er stand mit Thorbecke, Hormayr, A. Wendt, Adolf Wagner im Briefwechsel; gelegentlich auch mit A. von Humboldt, Schleiermacher, Neander. Herbart, Ranke und andere Gelehrte sah er in seinem Hause. Als er 1828 Teplitz mit Baden-Baden vertauschte, lernte er auf der Reise durch das Würtembergische Wolfgang Menzel kennen, der mehr als einmal seine Vertheidigung gegen ungerechte Angriffe übernahm; dann Kerner und Eschenmaier, welche ihm die Seherin von Prevorst nicht erließen. Durch die Schweiz über Strasburg ging er nach Bonn, um nach langer Zeit seinen alten Freund Schlegel zu besuchen. Hier hielt er sich vierzehn Tage auf, und obgleich ihm die indische Gelehrsamkeit durchaus fern lag, verständigten sie sich doch bald. Schlegel misbilligte die mystische Richtung seines Bruders in so harten Ausdrücken, daß Tieck mäßigen mußte.
Auf der Rückreise, es war in den ersten Tagen des October, berührte er Weimar. Zehn Jahre waren verflossen, seit er Goethe nicht gesehen hatte. In dieser Zeit waren ihre Berührungen nur vorübergehender Natur gewesen. Als Goethe Tieck’s Novelle, „Die Verlobung“, gelesen hatte, dankte er ihm schriftlich dafür, und öffentlich sprach er seine Anerkennung aus. Jetzt war Tieck mit seiner Familie einen Mittag bei Goethe, den Dorothea durch eine gelungene Recitation eines Theiles der „Iphigenia“ aus dem Gedächtnisse überraschte. Am folgenden Abend las Tieck in einem größern Kreise bei Goethe’s Schwiegertochter den „Clavigo“. Goethe selbst erschien nicht; er hatte sich entschuldigen lassen.
Indeß war Tieck auch dem Auslande als Dichter bekannt geworden. Zuerst vielleicht im skandinavischen Norden, wo die nationalverwandten Gemüther für die romantische Poesie große Vorliebe zeigten. Die Einwirkungen von Steffens und Oehlenschläger waren nicht ohne Erfolg geblieben. Selten ging ein namhafter Däne nach Deutschland, ohne Tieck aufzusuchen. Noch 1831 kam Oehlenschläger nach Dresden; zu andern Zeiten Heiberg, Ingemann, Hauch, Herz und Anderssen; später die Schweden Atterbom und Beskow.
Seit die deutsche Literatur in Frankreich Gegenstand eifrigen Studiums geworden war, fehlte es auch an französischen Besuchern nicht. Ampère und Marmier, welche Deutschland in Deutschland kennen lernen wollten, verweilten bei Tieck. Obgleich er sich mit Abscheu von der neufranzösischen Romantik abwandte, die ihm nicht als Poesie, sondern als Krankheit galt, ward der literarische Verkehr doch nicht gestört. Auch brachte die „Revue des deux Mondes“ einen eingehenden und anerkennenden Artikel über seine dichterische Entwickelung. Später kamen Barante, Montalembert, der Marquis Cubières, der, wie Marmier, ihn in französischen Versen besang, Carnot, der Schauspieler St.-Aubin und mancher Andere. Mit England blieb er durch Shakspeare in steter Verbindung, durch die Kenner der altenglischen dramatischen Literatur Coleridge, Dyce, Hayward und Colliers. Auch besuchten ihn die Russen Schukowski, Uwarow und Stackelberg. Von Nordamerikanern lernte er den Theologen Robinson und den Literarhistoriker Ticknor kennen.
7. Das alte und das junge Deutschland.
Mit dem Ablauf des dritten Jahrzehends ging dieses gleichmäßige künstlerische Stilleben zu Ende. Neue Ereignisse traten ein, denen Verstimmung und Unruhe, Schmerz und Erschütterung in den engen Grenzen nächster Verhältnisse wie im öffentlichen Leben folgten. Für Tieck wurde dieser Lebensabschnitt durch zwei Todesfälle bezeichnet, die ihn tief ergriffen. Zu Anfang des Jahres 1829 starb Friedrich Schlegel, dann folgte der Tod Goethe’s.
Von dem Wunsche getrieben, den wohlbekannten Boden des nördlichen Deutschland auf längere Zeit wiederzusehen, kam Schlegel im Spätherbste 1828 nach Dresden. Er beabsichtigte in den Wintermonaten eine Reihe von öffentlichen Vorlesungen in alter Weise zu halten. Er wollte darin die Ergebnisse seiner philosophischen und historischen Studien, seine Lebensphilosophie, wie er es nannte, vortragen. Mehr als je erschien er von dunkler Mystik und Prophetik erfüllt. Er sprach mitunter glänzend, es war ein Aufblitzen des alten Talents, öfter sophistisch, unklar und verworren; Paradoxie und Anmaßung waren vorherrschend. Seine neuen Vorlesungen waren bei weitem mehr Gegenstand der Neugier und des Staunens, als der wahren Theilnahme. Für Tieck waren sie ungenießbar. Es gab Augenblicke, in denen er nicht ohne Schrecken die apokalyptischen Verkündigungen seines Freundes anhörte. Fast gespenstisch erschien er ihm. Wie hatte sich dieser reiche Geist aus den weitesten Räumen in die engste Dürftigkeit zusammengezogen! Im Willkürlichen, Abenteuerlichen, Verkehrten fand er Genügen, und gerade jetzt meinte er auf der Höhe der Weisheit angelangt zu sein.
Dem reinsten Aberglauben war er verfallen; jedes Gespräch zeigte nur die immer größer werdende Kluft. Er behauptete wirklich prophetisch in die Zukunft zu blicken, die er aus einzelnen Bibelsprüchen deuten wollte. Diese nahm er aber nur aus der Vulgata. Wenn Tieck sich erlaubte, bescheidene Zweifel zu äußern, wies er ihn pathetisch mit den Worten ab: „Mein Sohn, auf deinem Standpunkte verstehst du das nicht.“ Als ihm Tieck einmal einen phantastischen Traum erzählte, erkannte Schlegel darin einen Wink der heiligen Jungfrau, die es gut mit Tieck meine, und ihn in den Schoos der Kirche zurückführen wolle. Ein anderes Mal kündete er die Nähe des jüngsten Tages an, dann würden die Gestirne des Himmels sich gegeneinander bewegen, und die Gestalt eines Crucifixes bilden. Unwillkürlich brach Tieck bei diesem Orakel in den Ruf aus: „Mensch, sage einmal, glaubst du denn wirklich das Alles?“ Nach solchen Zweifeln sprach dann Schlegel sein tiefes Bedauern aus, daß der Freund, der doch alle Elemente des Glaubens in sich trage, sich zum Glauben selbst nicht erheben könne.