Schlegel sollte seine Vorlesungen nicht beenden. Es war am 10. Januar, als er noch einmal in heiterer Geselligkeit mit den Freunden vereint war; in der Nacht darauf wurde er vom Schlagfluß getroffen.

Am 22. März 1832 starb Goethe. Die letzte Berührung hatte Tieck mit ihm, als 1829 zur Feier von Goethe’s Geburtstage auf der dresdener Bühne der „Faust“ zur Aufführung gebracht wurde. Er war mit diesem Plane nicht einverstanden, weil er darin eine Beeinträchtigung des Gedichts fand, dennoch schrieb er für die Darstellung einen Prolog. Wenige Tage später erhielt er ein danksagendes Schreiben von Goethe’s Hand.

Jetzt war auch er dahingegangen, der in dem Reiche deutscher Dichtung sechzig Jahre lang als König geherrscht, an dem sich die spätern Geister alle gemessen oder emporgerankt hatten. Es war eine tiefe Lücke im deutschen Leben selbst. An Goethe’s Dichtungen hatte Tieck in kindischem Spiele gelernt, von ihm als Knabe geträumt, für ihn als Jüngling voll Begeisterung gekämpft. Unaufhörlich hatte er seine frühern Werke studirt, in ihnen lebte er. Wie viel hatte er nicht seit dreißig Jahren über Goethe’s dichterischen Genius gedacht, gesprochen und geschrieben! Doch nie war es zu einer dauernden persönlichen Verbindung zwischen ihnen gekommen. Sie standen einander zu nah und doch auch fern. Aber nur um so klarer ward Tieck’s reine und uneigennützige Pietät. Es war ein innerstes Verständniß, welches das Zufällige von dem Unvergänglichen trennte, und deshalb in den hergebrachten Ton der Bewunderung nicht überall einstimmen konnte. Goethe’s Tod wirkte auf ihn mit schmerzlicher Gewalt. Wochen lang war er in schwermüthiger Trauer, und vermochte seiner Rührung nicht Herr zu werden. Familie und Freunde fingen an für seine Gesundheit zu fürchten. Ergreifend sprach er das Gefühl seiner tiefen Wehmuth aus, als er einmal sagte, Goethe sei der Stern gewesen, der seiner Jugend vorgeleuchtet habe; wie Ferdinand für Egmont, habe er für Goethe gefühlt. In dem Epilog zum Andenken Goethe’s, der nach der Darstellung der „Iphigenia“ gesprochen wurde, legte er ein letztes Zeugniß für ihn als Vorbild, Lehrer, Freund und hohen Meister ab, indem er ihn mit Dante und Shakspeare zusammenstellte, und sie als das leuchtende Dreigestirn der Poesie bezeichnete.

Es war, als wenn mit dem Scheiden Goethe’s, des Schöpfers der nationalen Poesie, und Schlegel’s, des Vorkämpfers der Mystik, eine große Zeit hätte abschließen sollen. Denn jetzt drängte gewaltsam ein jüngstes Geschlecht nach, in dessen Augen die alten Lorbern längst vertrocknet waren, welches Talent, geistige Kraft und Bedeutung allein für die Gegenwart und für sich selbst in Anspruch nahm. Die Julirevolution war ausgebrochen, und der Widerhall der heftigen Explosion erschütterte zunächst Deutschland. Eine fieberhafte Bewegung durchzuckte das Leben. Alle Unzufriedenheit, alles gesellschaftliche Misbehagen, dessen Aeußerungen die Restaurationspolizei bisher niedergedrückt hatte, brach hervor, und suchte sich einen politischen Ausweg zu bahnen. Aber seit lange lag es im Charakter des deutschen Geistes, die Schlachten, die er sich selbst liefert, vorzugsweise auf dem Gebiete der Literatur zu schlagen. So geschah es auch jetzt.

Die Jahre der Ruhe gehörten überwiegend den jüngern Romantikern, deren Letzte die Nachzügler Walter Scott’s waren. Sie priesen unaufhörlich die gute alte Zeit, und suchten sie auf allen Wegen. Man war sicher und stolz geworden im Besitze der wiedergewonnenen Güter. Aber die ausschließende Einseitigkeit bereitete sich selbst den Fall. Nicht Alle dachten so, wie die Tonangeber. In der Stille erhoben sich andere Kräfte, deren Erbitterung mit ihrer Unterdrückung wuchs, und die um so begieriger waren, sich hören zu lassen, je weniger man sie zu Worte kommen ließ.

Lord Byron war das Urbild der literarischen Oppositionsmänner neuester Zeit, der Dichter des Schmerzes, der sittlichen Zerfallenheit, der Verzweiflung und auch der Koketterie mit der Verzweiflung. Er war das Ideal der modernen Fauste und himmelstürmenden Titanen, der volle Ausdruck der durchbrechenden Zeitverstimmung, welche die Selbstgenügsamkeit der herrschenden Restauration verspottete, nichts mehr glaubte, an Allem zweifelte, Alles bestritt, und dem Misbehagen der Welt durch eine radicale Umwandlung abhelfen wollte. Vorher war Alles positiv und althistorisch gewesen, jetzt sollte Alles negativ und jung sein. Raum sollte gemacht werden für das Neue. Aber was war das Neue?

Was den deutschen Nachahmern Byron’s an Kraft und Tiefe fehlte, ersetzten sie durch Systematik. In der lyrischen Poesie hatte sich mit Heine’s Liedern ein verneinender Geist in glänzender und populärer Hülle erhoben, deren bestes Theil von Goethe entlehnt war. Der scharfe, fressende Hohn, der Alles, was über dem einzelnen Menschen steht, angriff, das Gefühl verspottete und endlich sich selbst vernichtete, war in diesen leichten Versen durch Deutschland getragen worden. Börne’s Kritiken, die sich mit Zerstörungslust auf alles Deutsche warfen, wurden das Signal zu heftigen und maßlosen Angriffen. Die Literatur schien übersättigt, von Ekel vor sich selbst ergriffen. Solange hatte man gedichtet und Bücher geschrieben, jetzt wollte man Thaten; man hatte Dichter bewundert und gepriesen, jetzt sollte die Zeit gekommen sein, wo man sie hassen und sich selbst verhaßt machen müsse, um zu wirken. Hatte man bisher an Autoritäten geglaubt, so sollte jetzt die Axt an die Götzenbilder gelegt werden. Goethe’s Name war der erste, der fallen mußte. Was man hier verlor, behaupteten die Neuerer durch die Einwirkung auf Volk, Staat und Gesellschaft tausendfach zu ersetzen. Dem Leben sollte im Leben selbst zu seinem Rechte verholfen werden. Das junge Deutschland wollte diese Thaten ausführen. Unter seinen Händen nahm die bisher so harmlose Tagespresse einen andern Charakter an, und bald erscholl in Zeitungen und Journalen in allen Tonarten der Ruf nach Emancipation.

Aber es war keine dichterische Schule, es war eine halb politische, halb literarische Partei, dieses junge Deutschland. Die Freiheit sah sie auch in der Zerstörung dessen, was seit fast einem Jahrhunderte das Eigenthümlichste des deutschen Lebens gewesen war, und die Anerkennung ihrer Gedanken forderte sie mit einem Terrorismus, der alles Frühere überbot. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Lessing und Goethe gegen Gottsched, wo Tieck und die Schlegel gegen Nicolai das junge Deutschland gewesen waren. Sie hatten die Poesie, das Genie für sich, aber niemals war es ihnen eingefallen, sich das junge Deutschland zu nennen. Man war sehr wenig, wenn man nichts weiter war, als jung; es war bedenklich, von dem allgemeinsten und vergänglichsten aller Vorzüge, von der Jugend, das Parteizeichen herzunehmen. Auch Goethe’s und Tieck’s Polemik war eine scharfe gewesen; aber ihre Werke zeigten, daß sie nicht im Zerstören ihre Aufgabe fanden. Goethe’s dichterisches Schaffen war ein urkräftiges Behagen, Tieck erklärte, nur in der Poesie sein höchstes Gesetz zu finden; die neue Partei wollte nicht diese, sondern in ihr Politik und sociale Reform. Dem System der neuen Freiheit, des Staats, der Gesellschaft sollte die Poesie unterthan sein. Diese Politik war keine deutsche, keine volksthümliche, vielmehr bekämpfte sie, was bisher dafür gegolten hatte. Französische Schriftsteller hatten ein allgemeines, patentirtes Schema einer kosmopolitischen, socialen Politik aufgestellt. Die Nationalität war auch nur eine Schranke; der Mensch sollte sich erweitern.

An das eigenthümliche Leben des deutschen Volks hatte Tieck in Kunst und Poesie sich angeschlossen. Niemand studirte auch die Literaturen fremder Völker eifriger als er; er that es um ihres besondern Charakters willen, und diesen achtete er. Aber der Gedanke einer allgemeinen Weltliteratur lag ihm fern. Von einer solchen hatte Goethe in der Zeit seiner letzten allegorisirenden Dichtung öfter gesprochen, und diesen Gedanken griff die neue Partei auf, und beutete ihn aus. Doch das Allgemeinste im Menschen, was jedem verständlich sein mußte, war die sinnliche Kraft, der Naturtrieb; dieser sollte in sein Recht eingesetzt werden. Es war die Emancipation des Fleisches.

Tieck hatte den Freiheitstaumel der französischen Revolution, an seinen eigenen Freunden den älteren Kosmopolitismus erlebt, und wußte welche Emancipationsideen schon damals zu Tage gekommen waren. Die neuen Schriften dieser Art besaßen nicht die Originalität von Schlegel’s „Lucinde“. Nur wer diese vergessen hatte, konnte jene für neu halten. Man wiederholte in tumultuarischer Weise, was in der Sturm- und Drangperiode und später gesagt worden war.