Auch die literarischen Productionen der jüngsten Schule bewegten sich nur auf engem Raume. Es waren lyrische Lieder oder Kritiken, immer wieder Charakteristiken von Personen und Zuständen der Gegenwart, ein unaufhörliches Sprechen über die Literatur. Oder man benutzte die Novelle, weil man hier den ganzen Inhalt politischer und socialer Polemik ausschütten konnte. Die Novelle lernte man von Tieck behandeln und gebrauchen, wie man das literarische Raisonnement von den Schlegel gelernt hatte.

Während die Neuerer Goethe als einen höfischen Dichter anklagten, der des Sinnes für Freiheit und volksthümliche Entwickelung entbehre, machten sie vorzugsweise Schiller, als den Dichter der Sittlichkeit und des Fortschrittes der Menschheit, zu ihrem Helden. Noch heftiger waren die Angriffe auf die romantischen Dichter, die jetzt den vollen Rückschlag ihrer eigenen Einseitigkeit erfuhren. Sie hatten Ritterthum und Mittelalter besungen und oft carikirt, dafür wurden sie als Träger des Servilismus, als Feinde des Volks bezeichnet. Sie galten für Kryptokatholiken, Vertheidiger der geistigen Unfreiheit und Obscuranten. Romantisch hieß alles, was der freien Entwickelung zuwider war, und Romantik war planmäßige Verfinsterung. Diese Anklagen nahmen einen systematischen Charakter an, je mehr sich ihrer die letzten Jünger der Philosophie bemächtigten. Hier sollte der neueste Fortschritt logisch erwiesen und die Nothwendigkeit dargethan werden, daß vorerst unter den alten Größen aufgeräumt werden müsse. Der philosophische und politische Radicalismus trat auf. In voller Stärke erschien er in dem Kriegsmanifest, welches die „Hallischen Jahrbücher“ gegen die Romantik, und Alles was damit zusammenhing, erließen.

Diese Feindseligkeit der jüngern Schriftsteller sammelte sich immer entschiedener auf Tieck. Manche mochten bei ihm Sympathien erwartet haben, eine Voraussetzung, die sich als irrthümlich erweisen mußte. Er hatte das Wort gegen die falsche Frömmigkeit ergriffen, andere Thorheiten der Gegenwart gelegentlich berührt, und von seinen eigenen überfrommen Anhängern sich abgewendet. Noch viel kecker war der Ton seiner Jugenddichtungen. Aber niemals hatte er dem politisch literarischen Radicalismus gehuldigt. Die Ueberzeugung, daß Misbräuche vorhanden seien, welche Abhülfe erforderten, gab noch kein Recht, die Grundlagen des Staats selbst anzutasten. Eben weil der Mensch nur in der geordneten Gesellschaft zum echten Menschen werden kann, ist es nothwendig, ihre Formen mit heiliger Scheu zu behandeln. Wer immer nur das Einzelne tadelte und angriff, bewies, daß er für das Ganze keinen Sinn hatte, und löste auf, ohne etwas besseres dafür geben zu können. Diese Ansichten sprach er wiederholt mündlich und schriftlich aus.

Die jüngern Kritiker behandelten den Glauben an Tieck’s dichterischen Genius als Aberglauben, seinen Einfluß auf die Literatur als ein Unglück, ihn selbst als einen Abtrünnigen, als gewandten aber gesinnungslosen Taschenspieler, der mit seiner Ironie ein kindisches, oder boshaft perfides Spiel treibe. Alle möglichen Schmähungen, aus allen Winkeln hergeholt, wurden auf ihn gehäuft. Er selbst ließ sich durch dieses wüste Geschrei nicht beirren. Er kannte diese Anklagen und Vorwürfe aus alter Zeit, sie erschienen nur mit neuen Stichwörtern ausgerüstet. Die vergessene Aufklärung war diesmal im Bunde mit dem neuen Liberalismus und darum doppelt intolerant. Jede Gelegenheit ward von den Parteiblättern zu Verunglimpfungen oft der niedrigsten Art benutzt. Selbst seine körperliche Gebrechlichkeit wurde nicht geschont.

Dennoch geschah es, daß er die Gegner in seinem Hause sah, um Erfahrungen mit ihnen zu machen, die noch weniger erbaulich waren. Offen und unbefangen, häufig auch unbekannt mit dem augenblicklichen Einflusse der gefürchteten Tagesschriftsteller, nahm er manchen auf, der sich dem berühmten Manne demüthig nahte. Nicht selten las er bald darauf in irgendeinem öffentlichen Blatte das Gespräch, welches er geführt hatte. Man conterfeite ihn und seine Umgebung, man schalt ihn absprechend, hochmüthig, unfähig andere Meinungen zu ertragen, man verdrehte seine Worte, kritisirte sie, oder hatte sie misverstanden. Da alles öffentlich sein sollte, mußte auch das unbefangene Wort, das ein bekannter Mann gesprochen hatte, sogleich in die Oeffentlichkeit kommen. Einst übersandte ihm ein Tagesschriftsteller ein Drama mit der Bitte um ein anerkennendes Urtheil und Darstellung auf der dresdener Bühne. Wirklich äußerte er sich beifällig darüber. Doch bald änderte der Verfasser seine Politik und ließ nun drucken, er selbst sei an seinem Stücke irre geworden, als er gehört habe, es sei von Tieck gelobt worden.

Ein anderes Mal lehnte er den Besuch eines Publicisten den er früher in seinem Hause gesehen, ab, weil er sich, wie oft, in einem leidenden Zustande befand, der die Unterhaltung mit Fremden nicht erlaubte. Sogleich schrieb dieser einen drohenden Brief, mit der Anzeige, er werde dieser Beleidigung zu seiner Zeit eingedenk sein. Ein anderer wollte gar eine Art von Conspiration gegen ihn zu Stande bringen. Er besuchte einen namhaften Mann im südlichen Deutschland, dessen Verbindung mit Tieck er nicht kannte, und trug ihm vor, wie alle literarischen Kräfte sich einigen müßten, um Tieck in der Meinung des Publicums zu stürzen.

Mit nichtachtender Großartigkeit ließ er diese Flut von Verunglimpfungen über sich ergehen. Nur den heitern Gleichmuth und die scherzende Laune der Poesie setzte er ihr entgegen, und auch hier führte er nicht allein seine, sondern auch Goethe’s Vertheidigung. Die nüchternen Philister alten Schlages waren ausgestorben, nun war es nöthig ihn gegen die modernen Philister in Schutz zu nehmen, welche seinen Standpunkt längst überwunden zu haben glaubten. Den Vandalismus der kritischen Bilderstürmer, das Literatenthum, die Einseitigkeit dieser politischen Glaubenssätze, die Intoleranz und dichterische Unfruchtbarkeit, dies Alles stellte er in Andeutungen oder Ausführungen in einigen spätern Novellen dar. Zu diesen gehörten „Der Mondsüchtige“, „Die Reise ins Blaue“, „Die Vogelscheuche“, „Der Wassermensch“, „Liebeswerben“.

So oft behaupteten die neuen Kritiker, daß es mit ihm und seinen Dichtungen vorüber sei. Neben den polemischen bewiesen andere Novellen, daß die Dichterquelle immer noch frisch und reich sprudele. Einen wahrhaft volksthümlichen Dichter verherrlichte er in Camoens, der getragen von einem glänzenden, ritterlichen und ruhmreichen Volksleben, in dessen Mitte verkannt, still und einfach, ja als Bettler lebt, der zufrieden, den Ruhm seines Vaterlandes, das sich nicht dankbar erwies, besungen zu haben, mit dessen Unabhängigkeit stirbt. Die Sehnsucht des Phantasus erkennt man wieder in der „Reise ins Blaue“. Wie die Cevennen, eröffnet „Der Hexensabbath“ die Abgründe religiöser Schwärmerei, und tiefsinnig und versöhnend ist „Der Schutzgeist“.

Daneben vollendete er andere literarische Arbeiten. Er übersetzte die vier altenglischen Schauspiele, welche er gegen die hergebrachte Kritik Shakspeare zuschrieb. Auch war er immer noch bereit, jüngeren Freunden den Eintritt in die Literatur durch ein empfehlendes Wort oder ausgeführtere Einleitungen zu erleichtern. In dieser Zeit gab er Eduard von Bülow’s literarische Sammlungen und Uebersetzungen heraus. Er erneuerte das Andenken seiner im Jahre 1833 gestorbenen Schwester, deren letzten Roman „St.-Evremont“ er veröffentlichte. Endlich empfahl er die ersten novellistischen Versuche eines vielversprechenden jugendlichen Talentes, welches unter dem Namen Franz Berthold auftrat.

8. Anerkennung.