Zu diesen Anerkennungen gesellten sich andere. Die königliche Familie zeichnete ihn durch Aufmerksamkeiten in mancher Weise aus. Auch am Hofe schätzte man die Kunst des Vorlesers, und es geschah wol, daß er vor dem Könige Friedrich August oder auch bei der Anwesenheit fremder Fürsten las. Auch in weitern Kreisen besaß er immer noch Freunde, welche trotz aller Angriffe jüngerer Kritiker in ihm das Haupt der deutschen Dichtung ehrten. Ein Jahr nach dem Tode Goethe’s, am 31. Mai 1833, wurde in Berlin eine öffentliche Feier seines Geburtstages veranstaltet. Er war jetzt sechzig Jahre alt. Mehrere Hundert seiner Freunde und Verehrer hatten sich zu diesem Acte der Huldigung versammelt. An ihrer Spitze standen Raumer, Rauch, Häring und Holtei; den Haupttoast brachte Steffens aus und begleitete ihn mit einer längern Rede, in welcher er Tieck’s Einfluß auf die deutsche Dichtung entwickelte. Der Mittelpunkt der Feier war die Recitation des Vorspieles zum „Octavian“, zu der sich die bedeutendsten Schauspieler der beiden berliner Bühnen vereint hatten. Der Dichter, der so oft die Romanze besungen hatte, wurde jetzt von ihr gefeiert.

Ein Jahr später, abermals an seinem Geburtstage, ließ ihm der König von Baiern durch seinen Geschäftsträger den Civil-Verdienstorden mit einem eigenhändigen Schreiben, König Ludwig dem Meister Ludwig, überreichen. Später folgten andere Orden, Patente und Ehrendiplome. Es waren reiche äußerliche Ehren, die ihm bewiesen, daß er nicht vergessen sei. Diese Auszeichnungen deuteten auf ein Leben voll reicher Wirksamkeit, aber sie wiesen auch darauf zurück als auf ein vergangenes, hinter ihm liegendes. Wenn er alle diese zusammentreffenden Anerkennungen überblickte, so schien es ihm, als wenn sie ihn an den Abschluß mahnen sollten, und der Kreislauf sich erfüllt habe.

9. Auflösung.

Eine trübe Stimmung beherrschte ihn, als er sich im Sommer 1836 zur Reise nach Baden-Baden anschickte, das er schon 1830 und 1834 besucht hatte. Bei seiner stets regen Reiselust, war es ihm nie widerfahren, daß er unter so ängstigender Beklemmung gegangen wäre, als damals. In bedenklichem Krankheitszustande ließ er seine Frau zurück. Er glaubte sie nicht wiederzusehen, denn er schied fast mit der stillen Ueberzeugung, daß er selbst von dieser Reise nicht zurückkehren werde.

Wenig fehlte, so hätte diese Ahnung Recht gehabt. Bei Wiesloch hinter Heidelberg auf dem abschüssigen Straßendamme gingen die Pferde durch, der Wagen wurde gegen eine Mauer geschleudert, und bewußtlos zog man ihn unter den Trümmern desselben hervor. An der rechten Seite der Stirn und im Nacken war er lebensgefährlich verwundet. Man schaffte ihn zunächst nach dem Wirthshause in Wiesloch, wo mit Hülfe des dortigen Arztes der erste Verband angelegt wurde, einen zweiten Arzt holte man aus Heidelberg herbei. Sobald es sein Zustand verstattete, setzte man in Begleitung eines Arztes die Reise fort. In Baden-Baden konnte für alle erforderlichen Hülfsmittel gesorgt werden. Sechs Tage wurden unter Fieber und Schmerzen die Eisumschläge fortgesetzt, denn bei der Stärke des Falles fürchtete man eine Gehirnerschütterung. Auch dieses Mal kämpfte sich seine gute Natur durch, und der Gebrauch der Bäder förderte die Genesung. Doch behielt er ein Wahrzeichen dieses Unglücks. Den Halswirbeln blieb eine Steifigkeit zurück, die eine etwas schräge Stellung des Kopfes verursachte, und zugleich an der Stirn eine Narbe. Es war ein trauriges Wiedersehen, als er im Herbst schwächer, leidender und mit vermehrten Schmerzen zu den Seinen zurückkehrte.

Auch hier fand er Krankheit. Schon seit Jahren hatte sich bei seiner sonst so kräftigen Frau ein Krankheitszustand entwickelt, der mit Wassersucht endete. Mit günstigem Erfolge überstand sie mehrere Operationen, man glaubte auf Besserung hoffen zu dürfen, doch Schwäche und Entkräftung wuchsen, ihr Leben neigte dem Ende zu.

Die langwierige Krankheit der Mutter, das gesteigerte Siechthum des Vaters, der Verlust mancher Freunde, und die wachsenden geistigen Wirren gaben auch dem Ernste, welcher in Dorothea’s Charakter lag, reichen Stoff. Eine dunkle Schwermuth legte sich um ihre Seele. Sie sah in dem Leben eine Schule fortgesetzter Entsagung, und in dem vernichtenden Wechsel alles Irdischen und dem Verluste dessen, was dem Herzen am theuersten ist, fand sie nur einen Trost, der Stand halte, und nur Eines, was noth sei. Denn welche Sicherheit vermochte dieses glänzende, eine Zeit lang blendende Leben zu gewähren? Jugend und Gesundheit, mit ihren reichen Hoffnungen waren dahingeschwunden. Hatten Poesie und Kunst den innern Zwiespalt heben, die Wunden heilen können? Ein herbstlicher Reif war auf den Frühling der Poesie gefallen, und öde, kalt und traurig lagen die einst reichen Blumengefilde da. Und gab es denn überhaupt eine Zukunft auf Erden? Jede Zukunft wird einst Vergangenheit. Nur in Einem heben sich alle Gegensätze auf, nur in Einem hört Freude und Leid auf ein schmerzlicher Wechsel zu sein, im Glauben.

Unermüdlich pflegte sie ihre Mutter; sie stand ihr zur Seite während der schmerzhaften Operationen, sie saß an ihrem Bette, sie umgab sie Tag und Nacht, und freute sich jedes freiern und erträglichern Augenblicks. Er ward ihr stets ein neues göttliches Geschenk, und darum schien es ihr eine Wohlthat, daß es auf Erden keinen dauernden Besitz gebe. Sie sah in den Leiden eine fortwährende Erlösung, und in jedem Schmerze eine tiefere Einführung in die göttlichen Geheimnisse.