Endlich fiel der lange gefürchtete Schlag. Am 11. Februar 1837 erlag Tieck’s Frau ihrer Krankheit. Für alle war es ein schwerer Verlust. Dorothea fühlte, eine Hälfte des Lebens sei von ihr losgerissen. Sie wußte, was sie ihrem kranken, tiefgebeugten Vater sei, daß sie für ihn leben müsse, daß er sie nicht entbehren könne, dennoch ward es bei ihr zur Ueberzeugung, daß auch ihr Tod nicht mehr fern sei. Ihr Leben war eine fortgesetzte Vorbereitung darauf.

Nicht, daß sie jede Thätigkeit aufgegeben hätte, vielmehr eifriger ward sie als je, jede Minute Zeit kaufte sie aus, aber alle Thätigkeit hatte nur einen Zweck, nur ein Ziel. Ihre literarischen Arbeiten und Studien sah sie als eine ihr auferlegte Pflicht an. Nicht lange vor dem Tode der Mutter hatte sie die Uebersetzung der „Leiden des Persiles und der Sigesmunde“ beendet. Jetzt übernahm sie auf Raumer’s Rath, und unter seiner Leitung, die Bearbeitung von Spark’s „Leben und Briefen Washington’s“. Auch die Beschäftigung mit den alten Sprachen setzte sie fort, aber immer mehr gewann dieses Studium einen religiösen, kirchlichen Charakter. Sie las die Schriften des heiligen Bernhard, der heiligen Therese, dann das neue Testament im Urtexte, endlich lernte sie Hebräisch. Auch ihre Theilnahme an den Künsten, besonders der Musik, hatte diese Richtung. Sie studirte Generalbaß, um die alten kirchlichen Meister zu verstehen. Mit tiefster Erschütterung hörte sie Bach’s Passion; dann glaubte sie, wie sie sagte, am Kreuze Christi selbst zu stehen. Denn was war alles Wissen? Ihr Wahlspruch ward: „Christum lieb haben ist besser denn alles Wissen.“

Eine kirchlich praktische Thätigkeit wollte sie sich schaffen. Mit der Frühmesse begann sie ihren Tag. Die erste im Hause erhob sie sich, und eilte jeden Morgen um sechs Uhr zur katholischen Kirche. Mit der Laterne ging sie im Winter über die dunkeln Plätze und Straßen; die Jahreszeit machte keinen Unterschied, nicht Wind, nicht Wetter scheute sie. Dann erst fing ihr weltlicher Tag an. Sie ward Mitglied eines katholischen Frauenvereins, und übernahm in einer Armenschule den Unterricht in weiblichen Handarbeiten. Hier saß sie oft des Nachmittags in der Mitte verwildeter Mädchen, und suchte sie in den ersten Handgriffen zu unterrichten. Für die Aermsten unter ihnen fertigte sie zu Hause die nothwendigsten Kleidungsstücke an. Sie that abermals einen tiefen Blick in das menschliche Leben. Wie viel leibliches Elend, wie viel geistige Noth und Versunkenheit gab es in diesen dunkeln Regionen. Den Lehren und Heilsmitteln ihrer Kirche gab sie sich ganz hin, Symbole und Cultus umfaßte sie mit vollem Glauben, die Kirche war das Heil und der Trost, sie der Fels, der Rettung verhieß, wenn die Welt um sie her versank.

Während sie so auf den Tod bedacht war, riß er ein anderes volles, blühendes Leben von ihrer Seite. Unerwartet starb am 14. Februar 1839 Adelheid Reinbold. Auch sie trug manchen Kummer im Herzen, aber sie stellte der Noth des Lebens den Kampf entgegen, und suchte die Welt in der Welt zu bezwingen. Obgleich niedergedrückt durch die geringe Anerkennung, welche ihre Dichtungen im Allgemeinen fanden, hoffte sie dennoch, und jetzt mehr als früher. Ihre letzte Novelle in der „Urania“ war beifällig aufgenommen, und die ersten Bogen ihres „König Sebastian“ ihr soeben zugesandt worden. Da nahm ein leichtes und wenig beachtetes Halsübel plötzlich eine lebensgefährliche Wendung. Es ward zur brandigen Bräune; in acht Tagen war sie todt.

Ein jäher Schreck traf alle Freunde. Mitten aus einer vollen, wenn auch oft angestrengten Thätigkeit, in der Blüte der Jahre war sie hingerafft worden. Durch ihre Heiterkeit, ihre lebhafte und geistvolle Unterhaltung, ihre hülfreiche und entgegenkommende Theilnahme bei allen Vorfällen des Lebens hatte sie sich ihren Freunden unentbehrlich gemacht. Eine zweite nicht zu füllende Lücke war entstanden. In Tieck’s geselligen Kreisen begann es stiller zu werden. Ihre Grenzen zogen sich enger zusammen, mehr auf die ältesten und vertrautesten Freunde beschränkte man sich. Das sonst an Abwechselungen reiche Leben nahm eine eintönige und dunkle Farbe an. Todesfälle, steigende Kränklichkeit, das Unbefriedigende der literarischen Verhältnisse vereinten sich, um die trübe Stimmung zur herrschenden zu machen.

Auch das Theater gewährte keine Zerstreuung mehr. Einen Kunstgenuß, selbst ein augenblickliches Vergnügen hatte Tieck seit vielen Jahren dort nicht mehr gesucht, aber immer noch hatte er ihm seine Theilnahme erhalten. Er suchte zu fördern, zu helfen, er wünschte das Gute zu entwickeln, wo es sich noch zeigte, er warnte vor Uebelständen, die der Verderb der Bühne werden mußten. Die glänzenden Gestalten, welche seine Jugenderinnerung bewahrte, waren freilich nicht herzustellen, aber er ward doch nicht müde, darauf hinzuweisen und eine Annäherung zu versuchen. Immer noch sah er in dem Theater eine wichtige, und für das Volk bedeutsame Anstalt, welcher er durch seine Erfahrung und Kenntniß zu nützen dachte. Aber auch dies Interesse erlosch. Er begann sich von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen, er ward gleichgültig und theilnahmlos.

Sonderbares Geschick der größten deutschen Dichter, die in glaubensvoller Begeisterung einen Theil ihres Lebens an dieses Institut setzten, um es zu einer künstlerischen und sittlichen Schule zu machen, und sich dann enttäuscht, verstimmt, voll Entrüstung, ja Verachtung von demselben abwandten! Voll Bitterkeit hatte Lessing über den gutherzigen Einfall gelacht, ein nationales Theater haben zu wollen, da wir Deutsche ja noch keine Nation seien; umsonst hatte Schiller sich gemüht, Goethe hatte die Breter vor einem Hunde räumen müssen, und Immermann gab seine mit jugendlichem Muthe unternommenen Versuche bald wieder auf. Keiner von ihnen hatte an der ausübenden Kunst des Theaters selbst mehr Antheil, Keiner hatte einen größern Glauben gehabt als Tieck, und wie er das Theater ein ganzes Leben hindurch verfolgt; und auch er nahm die Ueberzeugung von der vollständigen Versunkenheit der Bühne mit sich fort. Siebzig Jahre nach Lessing, nach Schiller, nach Goethe und seiner eigenen langen Thätigkeit kam er auf die Grundfrage zurück, ob die Deutschen überhaupt eine dramatische Nation seien. Er war geneigt, diese Frage mit Nein zu beantworten!

Dichter und Schauspieler, Publicum und Kritiker sah er einer gleichen Verwilderung entgegengehen. Wie viel schlimmer war es nicht in den letzten dreißig Jahren seit Müllner geworden! In Müllner erkannte Tieck ein starkes, fast massives und handfestes Talent; um so übler war es, wenn es sich verirrte und das Publicum mit allen Schreckmitteln bearbeitete. Die Flut der Schicksalstragödien brach ein. Auf Müllner folgten Grillparzer und Houwald und andere Nachahmer. In diesen Dramen, wo die sittliche Freiheit aufhörte, sollte das Verbrechen als solches interessiren, es sollte Tragik, Poesie sein! Das Rohe, das Gräßliche verband sich mit dem Abgeschmackten, und sich selbst überschlagend, machte es beinahe eine komische Wirkung. Sonderbar ging die antike Schicksalsidee mit Calderon’s Wunderglauben zusammen, und beides wurde in das alte pedantische Schema der drei Einheiten hineingezwängt.

In grellerm Contraste stand damit die leichte Fabrik- und Dutzendarbeit der französischen Vaudevilles, mit denen der deutsche Markt nicht minder überschwemmt wurde, und die trocken docirenden historischen Trauerspiele der folgenden Jahre. Der Prunk in Oper und Ballet, die Pedanterie des sogenannten historischen Costüms trugen dazu bei, die Phantasie des Zuschauers träger zu machen. Und was sollte Tieck von einem Publicum denken, das Stücke von Calderon und Shakspeare, die er einstudirt hatte, auspochte? Eine armselige Rolle spielte die Kritik. Ueberall Oberflächlichkeit, Halbwisserei, oft Unkenntniß des Ersten und Unerläßlichsten. Um eine Theaterkritik zu schreiben, brachte, wer soeben der Schule entlaufen war, immer noch genug mit. Nirgend galt es der Sache. Schmähungen, durch irgendein Parteiinteresse eingegeben, wechselten mit abgeschmackten Liebeserklärungen, und Klatschgeschichten wurden in den Correspondenzen gelesener Journale und obscurer Winkelblätter breitgetreten. Mit Ueberdruß wandte sich Tieck von diesem Treiben ab.