Auch seine persönliche Wirksamkeit am dresdener Theater erfuhr manche Hemmung. Vieles davon kam auf Rechnung der allgemeinen Stimmung und des Zeitgeschmacks, Anderes lag in Verhältnissen, die sich mit dem besten Willen nicht ändern ließen. Er selbst war nicht immer im Stande, mit gleichmäßiger Kraft einzugreifen. Der Vorwurf ward laut, er erfülle die Erwartungen nicht. Dann stieß er bei Schauspielern und Kritikern auf entschiedenen Widerspruch. Einige schlossen sich ihm freundschaftlich an, Andere zeigten sich reizbar, rechthaberisch und eitel; sie glaubten einer Leitung nicht zu bedürfen, und die Sache mindestens ebenso gut zu verstehen. Sprach er einmal ein entschiedenes Wort, so erhob sich der Ruf, daß er tyrannisch verfolge und unterdrücke, und durch alle Instanzen hindurch, bis hinauf zu den höchsten, verklagte man ihn. So fanden seine Ansichten, sein Vorlesen, sein Einstudiren der Rollen bei denen, auf die er zunächst wirken sollte, vielleicht die geringste Anerkennung. Der Gedanke, sich aus allen diesen Verwickelungen zu befreien, und ein undankbares Geschäft aufzugeben, kam zur Reife.
Unter diesen Verlusten und Widerwärtigkeiten sammelte er dennoch Kräfte zu einem größern Werke. Im Juli 1840 vollendete er die 1836 begonnene „Vittoria Accorombona“. Es war seine letzte Dichtung. Er nannte es nicht Novelle, sondern Roman; es war ein ausgeführtes Zeitbild, das dem historischen Roman nach Walter Scott eine neue Richtung gab. Die volle schöpferische Phantasie trat noch einmal hervor und führte in die Welt verzehrender Leidenschaft und schwarzen Verbrechens ein. Dies Bild Italiens am Ausgange des sechzehnten Jahrhunderts war ein furchtbares Nachtstück, das an manche seiner Jugenddichtungen erinnerte. Auch in dieser letzten seines Alters lag etwas Herbes, Gewaltsames, Dämonisches. Er schilderte einen hohen, starken Charakter, der inmitten einer verderbten und ruchlosen Zeit sich im Bewußtsein der Kraft überhebt, und in den allgemeinen Sturz hinabgezogen wird. Auch hatte dieser Stoff zuerst in der Jugend, vor fast funfzig Jahren, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein altenglisches Drama in Dodsley’s Sammlung hatte ihn 1792 in Göttingen darauf hingeleitet.
Der Eindruck war ein getheilter. Indem man die frische Kraft des Dichters anerkannte, wurde Einzelnes sittlich anstößig, das Ganze im Geschmacke der sogenannten französischen Romantik gefunden. Die strengsten Kritiker sahen ihn auf dem Wege, zu den Feinden überzugehen, zu den Schriftstellern der Emancipation und des gesellschaftlichen Radicalismus. Von Allem, was die Anklage so zuversichtlich gegen ihn aussprach, wußte er sich frei, nichts davon hatte er gewollt oder beabsichtigt.
Auch das Jahr 1840 war durch einen Todesfall bezeichnet. Immermann, der fast dreißig Jahre jüngere Freund, starb in einem Augenblicke, wo er zum ersten Male allgemeine Anerkennung fand. In seinem letzten Briefe hatte er Tieck mitgetheilt, daß er mit der Erneuerung von „Tristan und Isolde“ beschäftigt sei. Es war ihm nicht vergönnt, dieses Werk zu vollenden.
Endlich erfüllte sich auch die Todesahnung, welche sich bei Dorothea Tieck zur festen Ueberzeugung gesteigert hatte. Die Studien, die häuslichen Beschäftigungen, ihre Wohlthätigkeit hatte sie ununterbrochen fortgesetzt. Weder innere Bewegungen noch wankende Gesundheit konnte sie bestimmen, von dem streng geregelten Gange ihrer Zeiteintheilung abzuweichen. Im Anfange des Februar 1841 erkrankte sie an den Masern. Als dies überwunden schien, trat plötzlich ein Nervenfieber hinzu. Sie starb am 21. Februar, vierzehn Tage nach der Erkrankung. Es waren dieselben Wochen, in denen vor zwei Jahren Adelheid Reinbold, vor vier Jahren die Mutter gestorben war.
Vom ersten Augenblicke hatte Tieck das Schlimmste gefürchtet. Eine tödtliche Angst und Unruhe quälte ihn. Mit diesem Leben wurde Vieles von ihm losgerissen, sein eigenes wankte. Wie nimmer war seine Natur in ihren Grundlagen angegriffen worden, es faßte ihn ein krampfhaftes, zusammenpressendes Schmerzgefühl, das vergebens nach einem Ausdrucke rang. Kalt, starr, thränenlos, ohne ein Wort oder irgendeinen Laut zu finden, verbarg er sich in dem entlegensten Zimmer. Keinen Menschen wollte er sehen, keinen Zuspruch hören; die Stunden, Tag und Nacht gingen gleichgültig und unbemerkt an ihm vorüber. Für seine Umgebung hatte dieses stumpfe Hinstarren etwas Schreckenerregendes. Am Tage der Beerdigung übersandte die Königin einen reichen Blumenkranz. Als man ihm davon Nachricht gab, fand er die ersten Thränen.
Tief bewegt waren seine zahlreichen Freunde, und die wenigen, welche die schweren Kämpfe der Hingeschiedenen gekannt hatten. Wer wußte, was sie dem Vater gewesen war, konnte zweifeln, ob er diesen Schlag verschmerzen, und im Stande sein werde, das Leben noch fernerhin zu tragen. Wie ihre Gesichtszüge ein Abbild der seinen waren, so besaß sie einen Theil seines reichen Geistes; seine Liebe für Dichtung, Sprachen und Literatur, die Beweglichkeit des Talents, die tiefe Empfindung, den sinnenden Ernst und die dunkle Schwermuth, die ihm so oft das Leben verhüllte. Sie hatte ihm zur Seite gestanden, sie theilte seine Arbeiten und Studien und den dichterischen Ruhm. Konnte er auch die Abgeschlossenheit ihres kirchlichen Glaubens weder annehmen noch überall billigen, so war dieser Gegensatz doch nur selten hervorgetreten, da sie bei aller Stärke der Ueberzeugung von Unduldsamkeit fern war.
Seine Kränklichkeit nahm zu, das Alter war da, die besten Kräfte dahingeschwunden; seine Arbeiten widerstanden ihm, das Leben ward ihm zur Last. War es möglich, es noch lange in dieser Weise zu tragen?
Aber noch war das Ende nicht da. Noch ein letzter Act sollte beginnen. Wenige Tage nach dem Tode der Tochter traf ein Brief aus Berlin ein. Er brachte eine königliche Einladung, den Sommer in Potsdam zu wohnen. Tieck’s Entschluß war gefaßt; er folgte diesem Rufe. Er wurde Berlin, seiner Vaterstadt, wiedergegeben.