Auch zu einer bestimmten Thätigkeit kam es. Es sollte der Versuch gemacht werden, die „Antigone“ durch eine Darstellung dem Verständnisse der Gegenwart näher zu bringen. Nicht das Stück in seiner tragischen Wirkung allein, auf der antiken Bühne sollte es hergestellt werden. Es war eine großartige Studie des Alterthums. Nachdem Tieck die Tragödie mehrere Male nach der Uebersetzung von Donner vorgelesen hatte, begannen mit den dazu auserlesenen Schauspielern Einstudirung und Proben. Felix Mendelssohn hatte die Chöre componirt, die Herstellung der Bühne war nach den Angaben von Böckh versucht worden. Am 28. October fand die Aufführung im Neuen Palais zu Potsdam in einem Kreise eingeladener Zuschauer statt. Sie gelang über Erwarten gut; die Wirkung war eine so großartige, so unbedingt für sich selbst sprechende, daß man es später unternehmen konnte, die Tragödie vor dem großen Publicum zu wiederholen. Auch hier bewährte sich die Gewalt des antiken Dichters.

Tieck’s nächste Aufgabe war jetzt erfüllt. Mit dem Beginn des Winters kehrte er nach Dresden zurück. Zugleich aber zeigte sich, es war nicht möglich, dieses doppelte Verhältniß zu Dresden und Berlin dauernd aufrechtzuerhalten, sich zwischen beide zu theilen und Pflichten und Rücksichten gegen zwei Höfe zu erfüllen. Tieck’s Natur war auf nichts weniger als auf einen Hofmann angelegt. Schon seine Gesundheit, sein Alter, geistige und körperliche Lebensweise machten es unmöglich. Er fühlte jetzt erst, wie viel ihn an Dresden fessele. Es war die Gewohnheit von fast einem Vierteljahrhundert; die reichsten und ruhigsten Jahre des Lebens hatte er hier zugebracht. Die freundschaftlichen und künstlerischen Verbindungen, selbst die Erinnerung waren Mächte, die ihn hätten halten können. Auf der andern Seite bot sich die Aussicht auf ein zwar ungewohntes, aber inhaltvolles und durchaus sorgenfreies Leben dar, vielleicht auf eine nochmalige bedeutende Wirksamkeit. Endlich war es seine Vaterstadt, in der ihm dies geboten wurde, wo er seinen Bruder, Raumer und noch manchen Freund wiederfand. Nach vierzigjähriger Abwesenheit in Folge des ehrenvollsten Rufes zurückzukehren, hier wieder heimisch zu werden, nachdem er so lange ein Fremdling gewesen war, darin lag eine innere Ausgleichung und Gerechtigkeit, ein künstlerischer Abschluß seines Lebens. Auch das war von Bedeutung und der Berücksichtigung wol werth.

Im April 1842 erfolgte eine zweite Einladung zum Besuche in Sanssouci, welche einer förmlichen Berufung gleichkam. Ein bedeutendes Jahrgehalt wurde verheißen, und nur im Allgemeinen der Wunsch ausgesprochen, Tieck möge sich des Theaters annehmen, und in Verbindung mit dem Intendanten der königlichen Schauspiele Mittel und Wege berathen, wie der gesunkenen Bühne aufzuhelfen sei. Für gewisse Stücke, namentlich Shakspeare’s, sollte er völlig freie Hand behalten, sie sollten ganz nach seinen Anordnungen dargestellt werden. Er beschloß dem ehrenvollen Rufe zu folgen, und ging für den Sommer nach Sanssouci. Hier wurden ihm neue Anerkennungen zu Theil. Schon früher hatte ihm der König den Rothen Adlerorden dritter Classe und den Titel eines Geheimen Hofraths verliehen. Um diese Zeit war der neue Orden für Verdienst in Wissenschaft und Kunst gestiftet worden, dessen geschlossene Mitgliederzahl nur die hervorragendsten Notabilitäten umfassen sollte. Am 31. Mai, dem Geburtstage Tieck’s, überreichte ihm der König persönlich in einer Versammlung im Neuen Palais die Decoration dieses Ordens. Ein Jahr früher hatte ihm Guizot das Kreuz der Ehrenlegion übersandt.

Im September kehrte er zum letzten Male nach Dresden zurück, um Abschied zu nehmen und sein Hauswesen aufzulösen. Der große Umfang seiner Bibliothek erschwerte die Uebersiedelung nicht wenig. Endlich war man so weit. Aber den Eintritt in das neue Leben mußte er mit Krankheit erkaufen. Auf der Reise wurde er von einem Schlaganfalle getroffen. Noch erreichte er Potsdam, aber sein Zustand schien lebensgefährlich. Die Sprache versagte ihm und die rechte Seite war gelähmt. Ein langwieriges Krankenlager folgte. Erst in den nächsten Monaten wurde er hergestellt, doch blieb eine Schwäche in der Hand zurück, die zu Zeiten das Schreiben erschwerte. Vor Ablauf des Jahres 1842 konnte er indeß die Winterwohnung in Berlin beziehen.

In der Folge wurde ihm auf Befehl des Königs eine eigene Wohnung in Potsdam eingerichtet. Sie war in einem Hause vor dem Brandenburger Thore, das unmittelbar an der Hinterseite des Parks von Sanssouci und nicht fern vom Schlosse lag. Ueber der Thür war die Gestalt einer Muse nach einem Modell von F. Tieck angebracht. Hier erholte er sich vollständig. Es war für ihn eine schöne Zeit; Poesie, Natur, und dieses Mal auch die weltliche Ehre, nahten ihm vereint. Der Schein eines glänzenden Abendroths ging über sein Leben dahin. Berathungen über künstlerische Fragen, Vorlesungen der Lieblingsdichter wechselten mit Gespräch und Geselligkeit. Auch an den Lustpartien des Königs in der Umgegend Potsdams und auf der Havel nahm er Theil. Er erfuhr die mannichfachsten Beweise königlicher Huld. Bis auf den Stuhl, auf dem er saß, und den Mantel, den er trug, erstreckte sich die vorsorgliche Rücksicht auf sein Alter und seine Gesundheit. War er unwohl, so geschah es, daß der König selbst ihn in seiner Wohnung besuchte. Da auch ein Wagen zu seiner Verfügung stand, so lernte er jetzt die anmuthigen Havelufer nach langer Entfremdung von neuem kennen.

Hier traten die Bilder der frühesten Jugend wieder hervor. In den Havelgegenden lebten die Verwandten seiner Mutter, und länger als funfzig Jahre war es her, daß er als wandernder Schüler in diesen Waldungen und Hügeln umhergestreift war. Er erinnerte sich jener verklungenen Gefühle und Rührungen, die ihn damals erfüllten, und der Menschen, welche sie mit ihm getheilt hatten. Zu diesen gehörte ein Freund, wie er ihn zu jener Zeit nannte, der Sohn des Schulmeisters in Lehnin, den er als Knabe häufig besuchte. Später heirathete dieser eine Tochter von Tieck’s mütterlichem Oheim, aber nie hatte er von ihm etwas gehört; er wußte nicht, ob er noch am Leben sei. Jetzt erfuhr er, der Jugendgenosse lebe noch, und sei ebenfalls Schulmeister in Lehnin. Er beschloß ihn aufzusuchen.

Es erregte nicht wenig Aufsehen, als der königliche Wagen erschien, und die darin Sitzenden nach dem Cantor Hinneberg fragten. Bei dem Superintendenten stieg Tieck ab, und durch diesen wurde der alte Schulmeister citirt. Voll Erwartung, was eine so außerordentliche Vorladung zu bedeuten habe, kam er. Welch ein Wiedersehen war es! Es war ein alter, stumpf gewordener Mann, der bei der Verwunderung stehen blieb, daß der Herr Superintendent ihn habe rufen lassen. Es überraschte ihn nicht, unvermuthet einen Jugendfreund zu finden, obgleich er nie wieder von ihm gehört hatte; er wußte nichts von seinen Dichtungen, nichts von seinem Ruhme, nichts von der Rückkehr nach Potsdam. Als er von Tieck’s Stellung beim Könige hörte, und daß er ihm vorläse, erregte es nur sein Staunen, daß Tieck bei so vorgerücktem Alter feinen Druck zu lesen im Stande sei; er selbst habe das längst aufgegeben und beschränke sich nur noch aufs Grobe. Im engsten Raume war sein Leben verflossen, für Alles, was darüber hinauslag, hatte er Sinn und Kraft verloren, oder nie besessen.

Aehnliche Gefühle bewegten Tieck, als um dieselbe Zeit auch die Erinnerung an seinen ältesten Jugendfreund Piesker wieder auftauchte. Auf jenes erste Wiedersehen in Dresden war eine lange Pause gefolgt. Dann hörte er einmal, der Freund sei gestorben. Jetzt brachte ihm ein Mitglied von Piesker’s Familie die Nachricht, er lebe noch, habe aber seinen Abschied genommen. Mehrere Briefe von ihm selbst bestätigten es gleich darauf. Zum zweiten Male war es eine erschütternde Freude, welche ihn bei dieser Auferstehung, wie er es nannte, erfüllte. Da er gerade damit umging, für seine Denkwürdigkeiten zu sammeln, so forderte er den Freund auf, ihm Alles zu schreiben, was er von ihrem jugendlichen Zusammenleben noch wisse. Doch lächeln mußte er, als jener ihm nicht nur mancherlei Notizen schickte, sondern auch den gutgemeinten Vorschlag machte, da sie jetzt beide Zeit genug hätten, die vor mehr als funfzig Jahren begonnenen Tragödien gemeinschaftlich zu beenden. Es war in der That eine Rückkehr in die Kindheit, welche das ganze dazwischenliegende Leben und die Kluft vergaß, welche das Talent des Dichters von dem engen Sinne des Kleinbürgers trennte. Wohl mochte Tieck sein Geschick trotz aller Leiden preisen, welches ihn über die staubigen Heerstraßen auf die freien Höhen des Lebens gehoben hatte.

2. Theater, Literatur, Politik.

Eine nicht unwichtige Frage war, ob es in Berlin, selbst bei den reichsten Mitteln und einem entgegenkommenden Willen, möglich sein würde auf das Theater einzuwirken. Zunächst fuhr man mit der Herstellung der antiken Tragödie fort. Am 7. August 1843 wurde Euripides’ „Medea“ mit der Musik von Taubert, am 1. November 1845 „Oedipus? in Kolonos“ mit der Musik von Mendelssohn im Schlosse zu Potsdam aufgeführt. An der Einstudirung beider hatte Tieck Antheil. Aber schon blieb der allgemeine Eindruck hinter dem der „Antigone“ zurück. Manches lag in diesen Stücken der Gegenwart ferner, und konnte für das moderne größere Publicum nicht ansprechend sein. Glücklicher war der Erfolg des „Sommernachtstraums“, der zuerst am 14. October 1843 mit Mendelssohn’s Composition aufgeführt wurde. Man hatte Shakspeare’s Bühne zum Theil hergestellt; Alles griff wohl ineinander, und auch dieses Drama des großen Dichters wurde dadurch dem Theater dauernd gewonnen.