Anders fielen die Versuche aus, welche man mit einigen von Tieck’s ältesten Stücken zu machen wagte. Am 20. April 1844 kam „Der gestiefelte Kater“, am 1. Februar 1846 „Der Blaubart“ zur Darstellung. Nicht auf Tieck’s Wunsch, vielmehr gegen denselben fanden die Aufführungen statt. Er wußte, welche Schwierigkeiten diesen eigensinnigen Dichtungen entgegenstanden, darum hatte er in Dresden, wo es in seiner Macht gewesen wäre, nie daran gedacht sie auf die Bühne zu bringen. Es war eine höchst misliche Aufgabe, ein humoristisches Spiel wie „Der gestiefelte Kater“ aus der Phantasie in die sinnliche Wirklichkeit zu übersetzen. Vollends die der Breter mit ihren Maschinerien war zu eng dafür. Die Phantasie wurde überall auf ein geringeres Maß herabgesetzt. Alles hatte man voller, frischer erwartet und war geneigt die Dichtung entgelten zu lassen, daß man sich getäuscht sah. Aber man bedachte nicht, daß man Ansprüche machte, die sie weder erfüllen wollte noch konnte, daß ihre Darstellung auf der Bühne eine Vergröberung war, bei der sie nothwendig verlieren mußte. Auch war Manches ohne Commentar kaum verständlich, obgleich die historischen Anspielungen für die allgemeine Auffassung nicht die Wichtigkeit besaßen, welche einige Kritiker ihnen beilegten. Doch in Einem behielt der Kater Recht, die Zuschauer von vor funfzig Jahren waren noch ein lebendiges und getreues Abbild des Publicums, welches im Augenblicke vor den Coulissen saß, und sich selber darstellen sah, ohne sich zu verstehen. Man hörte diesseits dieselben Kunsturtheile wie jenseits. Als die Katergeschichte zu Ende war, entfernte sich der größte Theil, ohne den Epilog der Zuschauer abzuwarten.
Auch mit der Darstellung des „Blaubart“ konnte man nicht den Erfolg erreichen, der noch unter Immermann’s Leitung in Düsseldorf möglich gewesen war. Die matte Haltung der meisten Schauspieler, die Gleichgültigkeit des Publicums und die kritische Opposition gegen dergleichen Erneuerungen hemmten auch hier den Erfolg.
Tieck selbst hatte von diesen Versuchen nichts erwartet. Zwar fehlte es ihm nicht an Freunden in der Theaterverwaltung, doch auch Widerspruch und Misverständnisse erhoben sich. Die glänzenden Mittel der berliner Bühne waren nicht im Stande, ihm eine andere Meinung vom Theater überhaupt zu geben; vielmehr traten manche Uebelstände erst hier in ein grelles Licht. Vor der schweren Aufgabe einer durchgreifenden Reform würde selbst eine jüngere Kraft zurückgeschreckt sein, sein Zustand erlaubte ihm solche Anstrengungen nicht mehr, er beschränkte sich daher allmälig nur auf gelegentliche Rathschläge und Gutachten, wenn sie ausdrücklich verlangt wurden.
Diese Theaterversuche waren zugleich für sein Verhältniß zum Publicum wichtig. Freilich war es nur ein einseitiges, soweit die öffentliche Meinung und die, welche in ihrem Namen sprachen, Gelegenheit fanden, über seine Berufung und Wirksamkeit zu urtheilen. Ihm selbst war es durch die Umstände geboten, diesen Aeußerungen gegenüber zu schweigen, die zum Theil ein deutliches Echo jener Ansichten waren, die sich seit 1830 kundgegeben hatten. Sahen Viele in seiner Berufung einen Act königlicher Liberalität, so fragte doch auch manche laute Stimme, was Gegenwart und Zukunft von einem Dichter zu erwarten habe, der an der Grenze des Lebens stehe; seine Dichtungen seien zum größten Theile veraltet und unverständlich, die Zeit sei über ihn und sie hinweggegangen, sie verlange anderes als dichterische Spielerei, romantisches Geflimmer und mittelalterliches Halbdunkel. Ihn und seinen Einfluß machte man für vieles verantwortlich, was ganz außerhalb desselben lag. In der Aufführung seiner Stücke wollte man das Gelüsten romantischer Reaction erkennen; seine Auffassung der englischen Bühne und Shakspeare’s galt für willkürlich, sonderbar und grillenhaft, und erfuhr wie seine dramaturgische Kritik harte Angriffe, in welchen der Meister meistens mit den eigenen Waffen bekämpft wurde.
Andere hatten von Tieck’s Einwirkung auf Theater und Publicum bedeutenderes erwartet, und bestätigten nun jene feindlichen Ansichten. Sie hatten geglaubt, er werde einen Kreis um sich bilden und die geistige Herrschaft, die er in Dresden geübt, fortsetzen. Aber weder das Eine noch das Andere war möglich; sie übersahen, daß in Berlin Alles anders stand als in Dresden.
Ihm selbst war es ein fremder Ort geworden. Nur auf kurze Zeit und als Fremder hatte er es in den verflossenen Jahrzehnden besucht, er mußte auf dem alten und doch neuen Boden erst wieder heimisch werden. Ihm schwebte das Berlin aus dem Anfange des Jahrhunderts vor, welches kaum zur großen Stadt zu werden anfing. Wie sehr war es seitdem räumlich und geistig gewachsen! Zu den Erinnerungen an Friedrich waren die Wirkungen der Freiheitskriege hinzugekommen, die Universität war begründet, auf die Romantiker und Fichte war Hegel, auf Teller und Zöllner Schleiermacher gefolgt, und viele bedeutende Persönlichkeiten herbeigezogen worden. Ueberall war System und Organisation, eine Masse gelehrter Kenntnisse und scharfer Kritik hatte sich angesammelt. Dazu kamen die tausendfach gespaltenen Interessen der großen Haupt- und Residenzstadt, welche die verschiedenartigsten und oft feindlichsten Elemente in sich vereinigt. Trotz aller Centralisation und der augenblicklichen Anstöße, welche die öffentliche Meinung bald nach der einen oder der andern Seite hin trieben, war es doch unmöglich die bedeutendsten Kräfte um einen Mittelpunkt zu sammeln. Es gab hier eine Art von Republikanismus der Geister, der keine Herrschaft eines Geistes anerkannte. In jedem Augenblick war man mit einer schlagfertigen Kritik, mit einem Witzworte bei der Hand, und stets geneigter Fehlendes zu vermissen als Vorhandenes anzuerkennen. Die kritisirenden Gebildeten hatten Alles längst besser gewußt, die Frommen kreuzigten sich vor dem weltlichen Treiben, welches auf Wissenschaft und Kunst einen hohen Werth legte, und die politischen Reformer riefen immer lauter auf, das Spielzeug bei Seite zu werfen, weil man der Männer und Thaten bedürfe. Und in diese Bewegungen hätte ein greiser Dichter mit harmlosen dramatischen Vorlesungen und Kritiken eingreifen sollen?
Auch er war nicht mehr derselbe wie in Dresden; er war alt, von Leiden gebeugt, die letzten Jahre des Lebens setzte er ein. Schon darum konnte er nicht mehr, wie er früher gethan, ein offenes Haus halten. Um so gehässiger war der Vorwurf, daß er sich absichtlich mit kleinen Geistern umgäbe, welche ihm nichts Fremdes und Unbequemes nahe zu bringen vermöchten, und ihm die Mühe jedes Streites und der Vertheidigung seiner Autorität ersparten. Es verrieth sich darin die kleinliche Eitelkeit, die sich zurückgesetzt glaubte und seine einfache Weise nicht kannte. Der Zutritt stand auch jetzt noch einem Jeden offen, und wer sich ihm in unbefangener Weise nahte, konnte der freundlichsten Aufnahme gewiß sein.
Aber er war darum nicht vereinzelt. Immer sammelten sich genug der Geister um ihn, und es waren die bedeutendsten darunter, und die zahlreichen Sendungen, Briefe und Anfragen, die er empfing, bewiesen, daß er noch im Mittelpunkte der literarischen Welt stehe. Sein Verhältniß zum Theater brachte ihn in nähere Berührung mit Felix Mendelssohn, Meyerbeer; er verkehrte mit Rauch und Kaulbach. Mit Wärme hatte A. v. Humboldt das alte freundschaftliche Verhältniß aufgenommen. Auch andere berliner Gelehrte, namentlich v. d. Hagen, standen ihm nahe. Fremde, besonders Engländer, darunter Carlysle und der Negerschauspieler Aldridge, versäumten es nicht ihn aufzusuchen; ebenso viele Schriftsteller und Dichter der jüngern Literatur.
Seine literarische Thätigkeit hatte in dieser Zeit einen sichtenden und sammelnden Charakter. Zunehmende Kränklichkeit, dann wieder nach außen ablenkende Zerstreuungen ließen es zu nichts Anderm kommen. Zwar war er immer noch reich an Plänen und literarischen Stoffen, die er bearbeiten wollte, oft mahnte ihn auch die Fortsetzung der „Cevennen“ als eine Schuld, die abzutragen sei, doch dies Alles trat vor einem andern Gedanken zurück. Er dachte ernstlich daran, die Denkwürdigkeiten seines Lebens zu schreiben. Mehr als funfzig Jahre, voll der gewaltigsten Umwälzungen, überblickte er; so vieles hatte er in sich und mit Andern erlebt und mit bedeutenden Männern in naher Verbindung gestanden. Es war ein Leben, wohl würdig, daß davon ausführlicher gesprochen werde. Schon im Jahre 1838 hatte er diesen Plan. Er hatte es, wie er damals an seinen Bruder schrieb, als eine Pflicht erkannt, in unserer verwirrten Zeit, Umstände und Personen, soweit sie ihn angingen, in das gehörige Licht zu setzen. Zu demselben Zwecke ordnete er mit Hülfe eines jungen Beamten, den der König ihm als Secretär zugegeben hatte, seine umfassende Briefsammlung, die von 1792 bis auf die Gegenwart herabging. Seine literarhistorischen Schriften, die gelegentlich als Vorreden und Einleitungen erschienen waren, gab er gesammelt unter dem Titel „Kritische Schriften“ in zwei Bänden heraus. Eduard Devrient, der sich ihm schon früher in freundschaftlicher Verehrung angeschlossen hatte, fügte ihnen später die „Dramaturgischen Blätter“, durch eine Nachlese vermehrt, als dritten und vierten Band hinzu. Außerdem fand sich öfter Gelegenheit, hier und da ein empfehlendes oder einleitendes Wort öffentlich zu sagen. Er führte ein ehrenvolles und gleichmäßiges literarisches Stillleben. Da kam das Jahr 1848.
Fünfundsiebzig Jahre war er alt geworden, als er diesen jähen politischen Umsturz erlebte. Er erinnerte sich der Aufregungen beim Ausbruch der Französischen Revolution, der Napoleonischen Herrschaft und ihres Falles, der Kämpfe von 1830, aber keine Revolution war unerwarteter und unter drohendern Zeichen hereingebrochen als diese. Am 18. März erbaute man Barrikaden und schoß und schlug sich unter seinen Fenstern. Mit seinen Büchern beschäftigt blieb er die Nacht über aus dem Bette. Für das Dasein irgendeiner staatlichen Ordnung wurde in den nächsten Monaten gestritten, und alles was die Gemüther vorher harmlos beschäftigt hatte, war von einer vernichtenden Flut fortgerissen. Wen kümmerten jetzt noch die Streitfragen der Romantik!