Der regelmäßige Besuch des Hofes ward unmöglich, obgleich Tieck, um den fortwährenden Unruhen zu entgehen, die Sommerwohnung in Potsdam frühzeitig bezogen hatte. Mit tiefer Empörung betrachtete er diese Ereignisse. Verhaßter, widerwärtiger war ihm nichts als ein anarchisches Straßenregiment, in dessen wilden Strudeln Staat und politische Vernunft, Sitte und Ordnung, Dichtung und Wissenschaft gleichmäßig unterzugehen drohten. Herangewachsen im Zeitalter Friedrich’s des Großen hatte er, wenn sonst auch nichts, doch Eines aus demselben mit herübergenommen, die Ueberzeugung eines strengen Monarchismus. Dennoch hatte er bei Gelegenheit des „Gestiefelten Katers“ von übereifrigen Royalisten den Vorwurf gehört, durch jenen marionettenhaften König das Königthum erniedrigt zu haben. Was er dagegen in dem kurzen Bericht über die Aufführung des Lustspiels sagte, war seine vollste Ueberzeugung: „Ich behaupte, daß die Macht des Königs die natürlichste, begründetste und wohlthätigste von allen politischen Einrichtungen ist. Dem Poeten ist nun vollends die Erscheinung eines Königs groß und bedeutend; er wird seinen poetischen Standpunkt völlig einbüßen, wenn ihm diese natürlichste Würde und Hoheit nicht mehr mit Glanz entgegentreten sollte. Die Republik ist der Prosaismus, und wenn sie auch große Erscheinungen bietet, wie es im Alterthum der Fall war, so kann sie sich poetisch nicht mit dem Königthum messen.“
So war ihm Alles zuwider, was in jenen Tagen geschah. Vom Liberalismus erwartete er nichts, den Kosmopolitismus in seiner nebelhaften Allgemeinheit verachtete er, die rohen Ausbrüche der Tagesdemokratie haßte er. Es war ihm höchst zweifelhaft, ob die Kammern mit ihren Debatten und oft schwierigen Beschlüssen das Wohl des Landes zu fördern vermöchten. Er sah in ihnen kein Gegengewicht monarchischer Allgewalt. Ueberall wollte er strenge, feste Ordnung. Für das bürgerliche Kleinleben, und auch das war eine jugendliche Erinnerung, liebte er die Zünfte. Ein fester, vernünftiger Wille sollte die Dinge entscheiden. Nächst den wohlbegründeten Ordnungen der Verwaltung fand er nur in dem offenen, wohlmeinenden und unerschütterlichen Freimuth der Räthe und guten Patrioten eine politische Schranke. Auch hier war ihm die tüchtige, durchgebildete Persönlichkeit Alles.
Obgleich er nichts mehr floh als politischen Streit, so war es doch bei der herrschenden Aufregung unmöglich, ihm selbst in engern Kreisen zu entgehen. Ward er durch heftigen Widerspruch, oder unverständige und übertriebene Aeußerungen allzu sehr gereizt, so schlug sein gewöhnlicher Gleichmuth in heftigen Zorn um. Alter und Lage würden ihn völlig entschuldigt haben, wenn er sich von allen öffentlichen Handlungen ferngehalten hätte. Dennoch konnte er sich nicht versagen für die gute Sache seine Stimme als Urwähler abzugeben. Das war für ihn kein kleines Opfer. Große Versammlungen, lautes und leidenschaftliches Durcheinanderreden, der Aufenthalt in stickiger Luft waren ihm physisch unerträglich. Aber er überwand Alles und hielt mehrere Stunden, eingehüllt von dichten Tabackswolken, in einem Wahllocale aus, bis er seine Stimme abgegeben hatte. Als er an der Treppe seiner Wohnung anlangte, ward er fast ohnmächtig, und erreichte das Zimmer nur mit Mühe.
Auch andere Opfer brachte er bereitwillig. Als nach dem Eintritt des ersten Rückschlags fast alle Häuser mit militärischer Einquartierung belegt wurden, wies man ihm einen jungen Lieutenant zu, der höchlich erfreut war, auf diesem Wege die Bekanntschaft des Dichters zu machen. Mittags aß Tieck mit ihm und lud ihn, so oft es der Dienst erlaubte, auch Abends zu den Vorlesungen ein.
Obgleich entschieden monarchisch gesinnt, sah er doch die rückwärts drängende Bewegung, welche auf den demokratischen Sturm folgte, nicht ohne Besorgniß. In den Uebertreibungen eines einseitigen Parteipatriotismus konnte er das Heil ebenso wenig finden, als in der formalen Strenge der Kirchlichkeit. Indeß nur selten sprach er seine abweichenden Ansichten aus, aber stets ebenso entschieden und freimüthig als maßvoll und würdig, nie im Tone der politischen Partei, die für ihn überhaupt keine Bedeutung hatte.
3. Lebensweise und Eigenthümlichkeiten.
Die Katastrophe von 1848 machte einen Abschnitt in seinen letzten Lebensjahren. Die Verhältnisse und Kreise, in denen er zuerst gestanden hatte, waren dadurch zum großen Theil aufgelöst worden. Anderes, was ihn persönlich berührte, war hinzugekommen. Schon 1843 hatte sich seine zweite Tochter nach Schlesien verheirathet, 1847 war die langjährige Freundin seines Hauses, die Gräfin Finkenstein, gestorben. Er, für den Gespräch und geistiger Verkehr eine Nothwendigkeit geworden, war jetzt allein, und saß manche Stunde einsam unter seinen Büchern. Die Pflege und Hülfe, deren er in jedem Augenblick bedurfte, übernahm nun eine treue Haushälterin, welche seit mehr als fünfundzwanzig Jahren seinem Hause angehörte.
Je weniger es die oft lang anhaltende körperliche Abspannung erlaubte, seine Freunde aufzusuchen, um so lieber versammelte er sie in jedem günstigen Augenblicke um sich. Häufig geschah es Mittags, und wenn seine Stimmung irgend heiter war, so belebte er durch anmuthigen Witz und manche Mittheilungen aus seinem Leben die Unterhaltung. Die vieljährigen Leiden und das Alter hatten seine innerste Kraft angegriffen, aber nicht vernichtet. Das bewiesen die dramatischen Vorlesungen, die er auch jetzt noch fortsetzte. Sie waren ihm geistiges, fast auch körperliches Bedürfniß geworden. Er konnte die lange Gewohnheit nicht missen, und die Anstrengung eines drei- bis vierstündigen lauten und affectvollen Vorlesens vertrat zuletzt die Stelle körperlicher Bewegung, welche er ganz aufgegeben hatte. Freilich mußte er sich engere Grenzen ziehen als früher. Der Kreis der Zuhörer war kleiner geworden; selten waren es mehr als zehn oder zwölf Personen, meistens nähere Freunde, von denen manche wie sein Bruder stehende Gäste waren. Doch fanden sich auch Fremde ein, und oft waren es die berühmtesten Männer. In der Wahl des Stückes richtete er sich häufig nach den Wünschen der Anwesenden. Nur eines verweigerte er entschieden, Tragisches oder Shakspeare zu lesen; dazu reiche seine Kraft nicht mehr aus, auch greife es ihn innerlich zu sehr an. Er beschränkte sich daher auf Komisches; die Lustspiele von Schröder und Holberg, Goethe’s kleinere Singspiele und seine eigenen satirischen Dramen lagen ihm zunächst. Bisweilen zog er auch eine Novelle oder seine Briefe vor. Noch las er mit alter Meisterschaft; an diesem kräftigen, vollen Tone hätte Niemand den siebenundsiebzigjährigen Mann erkannt. Wer ihn wenige Male auch nur diese leichtern Stücke lesen hörte, wie er beinahe alle mimische Mittel, die der gewandte Vorleser zu brauchen pflegt, verschmähte, mußte bald erkennen, daß das Geheimniß seines Lesens auf einer ganz andern Stelle zu suchen sei. Der Dichter that mehr als der Vorleser, den oft verblaßten Gestalten hauchte er Leben ein, und indem er las, schaffte er dichterisch von neuem; wie die einzelnen Charaktere ward das Ganze in ihm lebendig. Es gab eine einfache Probe. Wer später im Buche nachlas, was er zuerst aus seinem Munde gehört hatte, erkannte es nicht wieder, und fand nur todte und langweilige Buchstaben, wo er vorher Leben und Bewegung gesehen und gehört hatte.
Nichts war ihm lieber als mit zwei oder drei Freunden allein zu sein. Das unbefangene, ruhige, eindringende Gespräch zog er jeder bewegtern Unterhaltung vor. Den wahren Austausch der Gedanken, die Wechselwirkung der Geister wollte er. Kaum mag es je einen größern und zugleich liebenswürdigern Meister des Gespräches gegeben haben. Es war ihm ein Zauber eigen, dem auch entschiedene Gegner selten zu widerstehen vermochten, wenn sie in seine Nähe kamen. Alle seine Freunde, in welchen Lebensperioden sie auch mit ihm verbunden sein mochten, haben diese Gewalt kennen gelernt. Es war nicht das lebendige, leicht und anmuthig fließende Wort allein, welches diesen Eindruck machte, es war sein bald tiefsinniger, bald humoristischer Inhalt, diese geistige Durchsichtigkeit, die Bewegung, welche man überall fühlte und die sich dem Zuhörer mittheilte. Was er erzählte, auch das Kleinste, gestaltete sich zum anschaulichen Bilde, zu einer mündlichen Novelle.