Doch nur zum Theil lag der hohe Reiz dieser Unterhaltungen in dem, was er im Zusammenhange gab, vielmehr darin, wie er die Gedanken des Mitsprechenden aus der Tiefe der Seele hervorzuholen wußte. Kann man von einer Sokratischen Kunst reden, die dunkel geahnten Gedanken Anderer zur Klarheit zu bringen, so besaß er sie, aber nicht als angelernte, sondern als angeborene Kunst. Da war nichts von Ueberhebung, von drückender oder abweisender Vornehmheit, nichts von Bevormundung und gemachter Würde. Mit ungetheilter Aufmerksamkeit folgte er der Gegenrede. Ohne Empfindlichkeit hörte er Ansichten, welche den seinen entschieden widersprachen, ja er forderte dazu heraus. Auf jeden Einwand und leisen Zweifel ging er ein. Er erwog ihn, gewann ihm überraschende Seiten ab, und baute daraus eine Brücke, auf der das Gespräch sich weiter bewegte, und jenseits that sich eine neue, vorher nicht geahnte Gegend auf. Unterredungen, in denen ihm Befangenheit oder Phlegma nur beistimmte, langweilten ihn, machten ihn verlegen, verdrießlich und endlich stumm. Dieselbe Wirkung hatte auch das unruhige Durcheinander der gewöhnlichen Unterhaltung, wo jeder nur spricht um sich selbst zu hören. Manche Besucher glaubten sich vor ihm in die beste geistige Toilette werfen zu müssen, erhitzten sich, wollten genial erscheinen, und überschütteten ihn mit langen Auseinandersetzungen fertiger Gedanken. Nichts brachte ihn sicherer zum Schweigen als das. Sein Gespräch belehrte, hob und befreite unmerklich; in diesen geistigen Regionen fühlte man sich zu eigenem Erstaunen fähiger, klarer, kräftiger.
Es wirkte schon anregend, ihm während er sprach, in das geistvoll bewegte Gesicht zu sehen. Auf dieser hoch gewölbten, glänzenden Stirn sah man die Gedanken aufsteigen; schwarze anliegende Haare bedeckten noch den Hinterkopf bis zum Scheitel. Eine unergründliche Tiefe schien sich in den großen, dunkeln braunen Augen zu öffnen, aus denen bald die Schwermuth, bald die Schalkheit hervorblickte. Hier ruhte der Zauber des Phantasus neben der Ironie der Novelle. Die Nase war edel, etwas langgezogen, der Mund anmuthig, er hatte einen weichen, fast weichlichen Ausdruck. Bei der Beweglichkeit der Züge war das Gesicht der unmittelbare Spiegel jeder Stimmung; sie wechselten mit den Gedanken, die ihn beherrschten. Oft schien es kaum dasselbe Gesicht zu sein. Wenn er das Kinn mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand stützend, unbeweglich saß und sinnend in sich hineinschaute, wurde man unwillkürlich an einen ruhenden alten Löwen erinnert. Dann trat auch die Aehnlichkeit mit den Porträts Napoleon’s aus dessen späterer Zeit, etwa mit denen von Vernet, überraschend hervor. Dagegen ging ein helles Licht über seine Züge, sie nahmen einen schalkhaft graziösen Ausdruck an, wenn er einen ironischen Gedanken verfolgte, oder dessen Eintritt und Wirkung erwartungsvoll vorhersah. Sein Lächeln hatte etwas Glänzendes; er lachte gern, aber nichts verabscheute er mehr als den Ton des rohen Gelächters, das ihm als Zeichen höchster Unbildung galt. Fühlte er sich matt und leidend, so veränderte sich die Scene völlig; wie ein trüber Schleier lag es auf seinem Gesicht, die Züge hängend, der Mund schlaff und heruntergezogen. Doch selbst in der Krankheit reichten wenige Minuten der Unterhaltung, ja ein treffendes Wort hin, ihn zu erwecken; man kannte ihn nicht wieder, sobald er geistig Theil nahm.
Die Umgebung, in welcher man sich bei ihm befand, machte den behaglichsten Eindruck. In den letzten zehn Jahren seines Lebens wohnte er in einem ältern geschlossenen Hause in der Friedrichstraße 208. Auf der Hausflur und der breiten Treppe herrschte noch die bequeme Raumverschwendung früherer Zeiten. Das Geländer der Treppe lief in eine kolossale Lyra aus, auf welche der Blick des Eintretenden zuerst fiel. Seine Wohnung war weitläufig, die ganze Zimmerreihe eines Stockwerkes hatte er inne. Schon seine große Bibliothek erforderte einen bedeutenden Raum; Bücher waren sein Hauptbesitzthum, und ein Hauptschmuck der Zimmer. Bis zur Decke hinan erfüllten sie die Wände. Die seltenern waren in dem eleganten Salon aufgestellt, in welchem er Abends die Vorlesung hielt. Hier war Alles einladend, nichts prahlerisch, oder überladen. Auf Repositorien und freien Postamenten standen die Büsten Holberg’s, F. H. Jacobi’s, Solger’s und seines Bruders Friedrich, über dem Sopha hing sein eigenes lebensgroßes Bild von Stieler. Im Studirzimmer umgaben ihn die Bücher, mit denen er sich vorzugsweise beschäftigte. Alles war auf Bequemlichkeit berechnet; Lehnstühle von verschiedenen Formen und Größen waren hier vertheilt. Ueber dem Schreibtisch hing das jugendliche Gemälde von Novalis, welches E. von Bülow wiederaufgefunden hatte, daneben ein Gypsmedaillon Wackenroder’s, eine der ersten Arbeiten seines Bruders, auf der andern Seite ein Bild seiner Tochter Dorothea. Außerdem sah man einige Kupferstiche nach Rafael und aus der Boisserée’schen Sammlung.
In der Regel fand man ihn im schwarzen Sammetrocke hinter einem niedrigen Tischchen, das mit Papieren bedeckt war, im Lehnstuhl sitzen. Fremde empfing er stehend, und wer ihn nicht kannte, folgte den Bewegungen der gebeugten Gestalt mit Besorgniß; doch diesen Eindruck vergaß man, sobald er im Stuhle aufrecht saß. Für den befreundeten Besucher war schon sein gewöhnlicher Gruß, „Ah, da sind Sie ja, lieber Freund!“ der helle Blick, die Handbewegung, womit er ihn begleitete, erheiternd. Man setzte sich und das Gespräch begann.
Es ist mehr als einmal bemerkt worden, daß in seiner Haltung sich eine ruhige und bequeme Vornehmheit ausgesprochen habe, ein aristokratischer Zug, durch den der Besucher sich bald angezogen, bald abgewiesen fühlte. Es war eine Vornehmheit im edelsten Sinne des Wortes, welche der Ausdruck der wahren Durchbildung und des Seelenadels ist. Eben darum ist sie Vornehmheit, weil sie äußerlich weder angeeignet noch auch verloren werden kann. Daher das wohlthuende Gleichmaß im Thun und Lassen, seine Sicherheit, niemals die Grenzen des Erlaubten und Ziemlichen zu überschreiten. Zeichen der Unbildung und Roheit machten ihn scheu und verstimmt. Zu den ungeselligen und übeln Angewohnheiten rechnete er auch das Tabackrauchen, das er bei Freunden nur widerwillig ertrug. Er schilderte es als ein verderbliches Laster, und kämpfte mit allen ästhetischen und moralischen Gründen dagegen, der unausbleibliche Raucherzug um den Mund gebe jedem Gesichte einen rohen Ausdruck, ihn selbst mache der Rauch krank u. s. w. Wie unzertrennlich die feine Form von seinem Wesen war, spricht er charakteristisch in einem Briefe aus, den er 1825 von Wien nach Hause schrieb: „Vornehm und reich, heißt es hier, können nicht Alle sein, aber was ich begehre, kann auch der Geringste sich verschaffen, die Entfernung alles Widerwärtigen, Gemeinen, was uns das Leben so erbärmlich erscheinen läßt. Noch im Gefängniß und in Ketten wird man den Gentleman vom gemeinen Menschen unterscheiden können. — Ueber jene Bosheit der Menschen und alle Schlechtigkeit will ich bald hinwegkommen, weil es mich nur berührt, soviel ich davon zulassen will; aber jene Kläglichkeit und Gemeinheit, die sich im Sitzen und Stehen, Gähnen und Sprechen, Schweigen und Schwatzen, Essen und Trinken kundgibt, kann mich so elend machen, weil es sich mir immerdar aufdrängt, daß es mein ganzes Leben zerstört. — Gute Erziehung, Feinheit des Betragens ist mir immer das nothwendigste Element gewesen, um nur zum Bewußtsein zu kommen, daß ich eine Seele im Leibe habe.“
Auch wer es aus seinen Dichtungen nicht gewußt hätte, würde aus jeder Unterredung, die über die nächsten Grenzen hinausging, erkannt haben, daß es in ihm eine geheimnißvolle, dem gewöhnlich Verstandesmäßigen abgekehrte Seite gab. In plötzlich aufleuchtenden Geistesblitzen und Anschauungen, in Ahnungen und Träumen, sah er eine höchste, und darum räthselhafte geistige Macht.
Auf Träume gab er viel. Er meinte, statt sie zu verlachen, solle man mehr auf sie achten; in ihnen kämen verborgene Seiten der menschlichen Natur zum Vorschein, die für den nüchternen Verstand des Tages gar nicht da seien. Von sich selbst, der im Leben der Humanste und Gutmüthigste war, behauptete er, in Träumen sei er schadenfroh, ja diabolisch grausam und blutdürstig, sodaß ihn in der Erinnerung daran ein Grauen erfasse. Wirklich waren sie noch in spätern Jahren entsetzlich, und wiederholten sich oft, genau in derselben Gestalt, mehrere Nächte hintereinander. Eine Zeit lang wurde er durch einen kalten Luftzug geweckt, der über die Augen hinstrich. Er blickte auf, sah das Zimmer erhellt und an seinem Bette drei leichenhafte Mönchsgestalten, die soeben dem Grabe entstiegen schienen. Jedes Mal wurde er von Fieberschauern ergriffen. Doch hatten seine Träume auch einen sehr bestimmten geistigen Inhalt. Als er Correggio’s Gemälde kennen lernte, konnte er ihre gepriesene Trefflichkeit nicht einsehen, und mühte sich vielfach um ihre Auffassung. Da träumte er, er sei auf der Galerie, der Meister selbst träte zu ihm, und rede ihn kurzweg mit den Worten an: „Bist du nicht ein dummer Mensch, das Treffliche nicht zu erkennen?“ Darauf habe er ihn vor die Gemälde geführt, und ihm ihre Schönheit eröffnet. Er erwachte, und voll von diesen Gedanken, konnte er die Zeit des Eintritts in die Galerie kaum erwarten. Sogleich eilte er zu Correggio’s Gemälden. Wie ein Blitz leuchteten sie ihm entgegen, die Augen waren ihm aufgegangen, und seit der Zeit war er ihr größter Bewunderer. Auch hier spielte Shakspeare eine große Rolle. Einmal entdeckte er im Traume ein neues, völlig unbekanntes Stück desselben; deutlich bis ins Einzelne hinein lag es vor ihm, es war vortrefflich. Wie verstimmt war er, es beim Erwachen seinen Händen entschwunden zu sehen, und sich keines einzigen Wortes entsinnen zu können. Dann war er gestorben. Die erste Frage in jener Welt war, wo er Shakspeare, den Vielbewunderten, treffe. Man antwortete ihm, der große Geist sei nicht mehr hier, sondern in einer noch höhern Welt zu suchen, er aber werde ihn schwerlich jemals erreichen. So habe er ihn von Stufe zu Stufe vergebens verfolgt.
Dieser mystischen Seite gehörte auch der Zahlenaberglaube an, den er sich öfter scherzend vorwarf. Vor den Zahlen 7 und 9 hatte er eine dunkle Furcht, in deren humoristischer Ausmalung er sich gefiel.
Er lebte in der Welt der Phantasie und Anschauung. Lange konnte er lautlos sitzen, und der Bewegung seiner Gedankenwelt und den auftauchenden Gestalten zuschauen. In solchen Augenblicken war er dichterisch am thätigsten; er producirte innerlich, wenn er äußerlich unthätig schien. Freilich hatte dieses Versinken oft auch andere Ursachen. Fast mit periodischer Regelmäßigkeit kamen Zeiten, in denen die alte Schwermuth ihn immer wieder ergriff, wo ihn Muthlosigkeit, ein Verzweifeln an sich und seinen Kräften, und wahrer Lebensüberdruß überfiel. Er klagte, seine Seelenkräfte seien dann wie erlahmt, die Fäden seines Innern zerrissen. Jede Störung war ihm unbequem, und es war fast unmöglich, ihn diesen Krisen zu entziehen. Er fuhr jähzornig auf. Er schalt sich selbst, daß in jüngern Jahren oft eine blinde Wuth wie eine unwiderstehliche Gewalt über ihn gekommen sei, von der er sich nur mit Mühe, und immer noch nicht ganz frei gemacht habe. Der geheimnißvolle Instinct stand ihm überall obenan, er lauschte auf seine Stimme und wartete darauf, mitunter auch da, wo das Leben zur That drängte.