Mit dieser Eigenthümlichkeit hing es zusammen, daß er sich vor jedem unmittelbaren und entscheidenden Handeln scheute. Ebenso wenig liebte er ein abwägendes, verstandesmäßiges Ueberlegen. Selbst in kleinen Dingen vermied er nothwendige Entschlüsse solange als möglich, und endlich im Drange des Augenblicks that er nicht, was er wollte, sondern was er mußte. Selbst das Briefschreiben schob er Monate, in manchen Fällen Jahre lang hinaus, während er sich des Lasters des Aufschiebens unaufhörlich bitter anklagte. Viele Unannehmlichkeiten seines Lebens flossen aus dieser Quelle, und ließen ihn vor der Welt ganz anders erscheinen, als er war, die ihn dafür durch schonungsloses Verurtheilen hart genug strafte.

Am heftigsten zürnten ihm jüngere Dichter und Schriftsteller, welche ihm zwei, drei Manuscripte nacheinander zusandten, und auf keines Antwort erhielten, während sie in verzeihlicher Autorenungeduld brannten, irgendein anerkennendes Wort aus dem Munde des Meisters zu hören. Sie sahen darin Laune, Geringschätzung, oder gar literarische Eifersucht, die unlautersten Beweggründe schoben sie ihm unter, und es war nur der Widerwille, sich seinen Gedanken zu entreißen, die Furcht, einen Brief schreiben zu müssen. Zu diesen Gegnern gehörte auch der unglückliche Skepsgardh, der das Wohlwollen, welches ihm Tieck bewiesen hatte, durch hämische Angriffe und Verdächtigungen in seinem Romane vergalt.

Ueberhaupt beurtheilten Fernstehende ihn oft falsch, und entwarfen sich nach einzelnen Zügen in seinen Schriften ein Bild, das mit der Wahrheit nichts gemein hatte. Man hielt ihn für scharf, absprechend, intolerant, oder auch für böswillig. Man hatte aber, wie er selbst darüber an Solger schrieb, das Unabsichtliche, Arglose, ja Leichtsinnige in den Dichtungen nicht herauserkannt. Es war eben seine volle und reine Unbefangenheit, die man ihm nicht zutraute. Er konnte auch über Freunde scherzen, und Niemand stellte seine wahren Freunde höher als er; nur da könne man wahrhaft lieben, wo man das Menschliche auch in den Schwächen erkenne. Ebenso mit Recht sagte er, daß er die Schriftsteller, welche er früher angriff, niemals gehaßt habe.

Güte, ja Weichheit des Herzens waren Grundzüge seines Wesens. Keiner Bitte, keiner Forderung, die seine Unterstützung in Anspruch nahm, vermochte er zu widerstehen. Ueberall war er bereit, mit Rath, Verwendung oder Geld zu helfen. Er ermüdete nicht, selbst einem häufig wiederkehrenden, und mehr als dreisten Ansinnen zu genügen. Praktische Freunde suchten oft zu seinem Vortheile dieser Wohlthätigkeit ein Ende zu machen. Aber er selbst kannte die kleinlichen und drückenden Verlegenheiten, die das Leben bereitet, aus frühern Zeiten nur zu gut. Geld hatte nur als ein leidiges, aber unentbehrliches Mittel der gegenwärtigen Subsistenz Werth für ihn, darum gab er mit vollen Händen und ohne Berechnung, um der augenblicklichen Noth Anderer abzuhelfen. Es ließ ihm innerlich keine Ruhe, bis er weggegeben hatte, was er selbst irgend entbehren konnte. Manchen alten Schulbekannten, manches darbende Talent befreite er aus der dringendsten Noth, ohne dafür Dank zu ernten oder zu erwarten. Großartig vergaß er, was er gethan hatte. Auch seinen Einfluß machte er zum Vortheile Anderer geltend, während er für sich selbst nichts wünschte.

Gegen äußere Ehren war er gleichgültig. Obgleich Inhaber des bairischen Civilverdienstordens pflegte er doch sarkastisch über Diejenigen zu lächeln, welche von dem persönlichen Adel, der damit verbunden ist, Gebrauch machten. Auf die Frage, welche Orden er habe, wußte er kaum zu antworten.

Bei der praktischen Beurtheilung der Menschen leitete ihn seine Milde in späterer Zeit mitunter irre. Der Herzenskündiger in der Novelle, vor dessen klarem Blicke die feinsten Schattirungen des Charakters und die Beweggründe des Handelns offen dalagen, übersah im Leben die augenscheinlichsten Mängel und Fehler. Unbefangen setzte er überall das Beste voraus; es war daher in gewöhnlichen Dingen leicht, diesen Glauben zu täuschen und zu misbrauchen. Bis auf den letzten Augenblick hielt er an seiner guten Meinung fest, und in den Versuchen der Freunde, ihn aufzuklären, sah er übertriebenen Eifer oder gar Verfolgungssucht.

Wie das dichterische Talent wurzelte in seinem dämonischen Wesen manche andere Eigenthümlichkeit, ja Sonderbarkeit, die den außerordentlichen Menschen verrieth, der die gerade gezogenen Linien des Lebens unbewußt oder mit humoristischer Keckheit überschritt. Aus seiner Wandlungsfähigkeit ergab sich das schauspielerische Talent. Es war nicht allein die mimische, sondern die dichterische Kraft sich in die verschiedenen Stimmungen, Leidenschaften und Charaktere zu versetzen und sie wiederzugeben. Die Größe derselben hat Niemand treffender gewürdigt als Brentano, der in einem Briefe sagt: „Ludwig Tieck ist allein beauftragt, der Mimik ein Licht aufzustecken, da er das größte mimische Talent ist, was jemals die Bühne nicht betreten. Dieser Dichter, der als darstellender Künstler die Bühne zu einer Ehre gebracht haben würde, deren sich wenige diesseit oder jenseit der Lampen träumen, ist kein Schauspieler geworden, worüber Thalia und Melpomene mit inniger Beschämung trauern sollten, denn er hat den innersten Beruf und ein Talent zur Bühne, wie es sich alle Jahrhunderte einmal hinauf verirrt.“

Aus der Zeit des frühern Mannesalters wußten seine Freunde von den Wirkungen dieses Talents Staunenswerthes zu erzählen. Ergötzlich berichtet Steffens, wie er ein höchst drastisches Lustspiel: „Der Affe als Liebhaber“, improvisirt und in allen Rollen allein aufgeführt habe. Auf einem Stuhle sitzend oder liegend parodirte er zu allgemeinstem Jubel der Zuschauer die mimischen Darstellungen der Händel-Schütz als Sphinx oder Ariadne. Es kam vor, daß er in den Kreis wohlbekannter Freunde trat, und in einem angenommenen Charakter längere Zeit sprach, ohne erkannt zu werden, oder daß er in der Menge zudrängender Menschen, etwa im Theater, von ihrer Seite fortgerissen schien, während er nur einen fremden Ausdruck des Gesichts angenommen hatte. Noch aus dem Jahre 1806, wo er durch Krankheit bereits geschwächt war, erzählt er in seinen italienischen Reisegedichten eine ähnliche List. Um in Rom einem lästigen Schwätzer zu entgehen, den er aus der Ferne heraneilen sah, erhob er seine Gestalt und änderte die Züge so vollständig, daß der Herzutretende stutzig ward, den Hut zog und ihn mit der Entschuldigung verließ, daß er sich in der Person geirrt habe.

Die Lust, mimisch zu agiren, zeigte sich auch in der Liebhaberei für Bleisoldaten. An diesem phantastischen Spiele nahm früher Bernhardi, später Dorothea Theil. Durch Kauf und Geschenk kam er in den Besitz eines bleiernen Heeres, für das eigene Kisten und Tische angefertigt werden mußten. Auch das war eine Selbstironie; während ihm im Leben das militärische Wesen zuwider war, unterhielt er sich mit den Abbildern desselben im Spiele. Die letzten Trümmer dieser großen Armee gab er in den Kindergesellschaften preis, welche er noch in Berlin ab und zu veranstaltete. Hier präsidirte er unter großem Freudengeschrei der Theilnehmer, und das Fest endete gewöhnlich damit, daß er „Rothkäppchen“, „Die Elfen“ oder sonst ein Märchen vorlas.

Diesen Eigenthümlichkeiten stand ein anderes Element seines Charakters gegenüber, das er als angeborene Pedanterei und Philisterei bezeichnete. Es war ein heilsames Gegengewicht der dunkeln Naturkräfte, und seinen gelehrten Neigungen und Arbeiten verdankte er oft Zerstreuung und Rettung in innern Kämpfen. Er behauptete, zu Zeiten Tabellen und registrirende Schriften mit dem größten Vergnügen angefertigt zu haben; schon das mechanische Schreiben sei ihm dann angenehm gewesen.