Zu den gelehrten Liebhabereien gehörte vor allen das Ankaufen und Sammeln von Büchern. Schon in Dresden war er im Besitze einer Bibliothek, die mit Recht berühmt genannt werden konnte, und deren Umfang endlich auf 16000 Bände stieg. Für alle Zweige der philologischen, historischen und dichterischen Literatur sammelte er, jedoch für keine mehr als für das Drama, und am liebsten für das altenglische und spanische. Er besaß eine bedeutende Anzahl sehr seltener Drucke Shakspeare’s, Cervantes’, Lope de Vega’s und Calderon’s, und eine fast vollständige Literatur dieser Dichter. Mit den namhaftesten Antiquaren und Buchhändlern stand er in Verbindung, und nie ließ er einen Freund nach Frankreich oder England reisen, ohne ihm Aufträge mitzugeben. Für den alten Druck eines dramatischen Werks war ihm kaum ein Preis zu hoch, und manches Vergessene brachte er durch seine wiederholte Nachfrage wieder in Gang. In früherer Zeit in Dresden besuchte er selbst die Bücherauctionen, die ihm zu einem Glücksspiele wurden, an dem er mit Eifer und Leidenschaft Theil nahm. Schon die Lectüre von Auctionskatalogen gewährte ihm besonderes Behagen. Auf dem Zimmer verfolgte er die Bücherauctionen in Halle oder Leipzig mit dem Katalog in der Hand, indem er sie sich dramatisch ausmalte, und im Stillen mitbot. „Jeder Mensch“, sagte er, „hat seine Narrheit und seinen Wahnsinn; ich bin ein unverbesserlicher Büchernarr.“

Zu seinem Vergnügen gehörte es auch, die Bücher stets nach neuen Gesichtspunkten zu ordnen oder durch seinen Diener ordnen zu lassen. Mehr als einmal drohte ihn die Masse derselben aus der Wohnung zu verdrängen. Im Jahre 1849 ward er ihrer plötzlich überdrüssig. Was er Jahre lang umsichtig und sorgfältig gesammelt hatte, ward ihm zu einer Last, von der er je eher je lieber befreit zu sein wünschte. Ein namhafter Antiquar kaufte die Bibliothek und brachte sie zur Versteigerung. Mit Recht fürchteten seine Freunde, er werde den Eindruck der kahlen Wände nicht ertragen, und seine geliebten Bücher schmerzlich vermissen. Kaum war er die erste Bibliothek los geworden, so begann er eine zweite zu sammeln, die in kurzer Zeit ebenfalls 11000 Bände betrug. Bei dieser Gelegenheit ward ihm ein neuer Beweis königlicher Huld zu Theil. Der König ließ eine bedeutende Anzahl der seltensten alten spanischen Drucke aus der ersten Bibliothek zurückkaufen, und überraschte ihn am nächsten Weihnachtsfeste mit diesem Geschenke.

4. Die letzten Tage.

Seit der schweren Krankheit und lebensgefährlichen Operation, die er 1845 bestanden, hatte die körperliche Schwäche zugenommen. Spaziergänge in freier Luft hatte er schon früher selten gemacht, jetzt gab er sie ganz auf; nur an den heißesten Sommertagen pflegte er auszufahren. Im Jahre 1850 bezog er zum letzten Male seine Wohnung in Potsdam. Hier saß er fast den ganzen Tag auf dem geschützten Balkon in der Sonne. Dieser Luftgenuß gewährte ihm große Stärkung. Der Blick auf den grünen Park von Sanssouci war der letzte in jenes Naturreich, das ihn oft unwiderstehlich an sich gezogen hatte. Er, der einst die Nächte unter freiem Himmel, im Walde durchwachte, war des Waldesrauschens so entwöhnt, daß er freie Luft und Bewegung scherzweise ein Vorurtheil schalt, und über den leisesten Zugwind in heftigen Zorn ausbrach. Damit und seinen übrigen körperlichen Gebrechen hing es zusammen, daß er auf Reisen die Eisenbahnen soviel als möglich vermied. Der schneidende Luftzug, der Kohlenstaub, das Gerassel der Schienen, das Menschengewirr, die Eile, Alles war ihm unerträglich und übertäubte ihn nervös bis zur Krankheit. Ihn verdroß die fabrikmäßige Hast, mit der das Reisen betrieben wurde, der Untergang aller Reisepoesie, in der ihm das Leben stets am glänzendsten erschienen war. Darum blieb er bei dem alten Reisewagen, und der Eisenbahn zum Trotz fuhr er nach Potsdam nie anders als auf der einsamen Poststraße.

Am 7. Januar 1851 las er in einer kleinen Gesellschaft Goethe’s Singspiel: „Scherz, List und Rache.“ Wie öfter in dieser Zeit wurde er von heftigem Husten unterbrochen, der sich krampfhaft steigerte. Verstimmt schlug er nach dem dritten Acte das Buch zu. Es war seine letzte Vorlesung. Zustände nervöser Abspannung, besonders nach lebhafter Unterhaltung, wurden jetzt häufiger. Zugleich war eine Verschleimung der Brust eingetreten, die den Athem versetzte. Im März verfiel er in eine langwierige Krankheit, welche ihn dem Tode nahe brachte. Die Lebensfunctionen schienen aufgehört zu haben. Einmal erwartete man mit Gewißheit vor Anbruch des Morgens seinen Tod. Aber es war die Krisis; auch jetzt noch rang sich die starke Lebenskraft durch. Man bewachte und pflegte ihn mit unermüdlicher Sorgfalt. Der König schickte einen seiner Leibärzte, den Dr. Grimm, durch den er sich über Tieck’s Befinden Bericht abstatten ließ. Sein unermüdlicher Hausarzt war der Regimentsarzt Dr. Hauck. Nach Monate langem Schwanken genas er so weit, als es noch möglich war. Zum Alter gesellte sich die Schwäche der Krankheit; sie war unüberwindlich. Er vermochte ohne Unterstützung nicht mehr zu gehen, und befand sich nur einen Theil des Tages außerhalb des Bettes. Immer später erhob er sich, immer früher verlangte er dahin zurück; zuletzt verließ er es nur in den Mittagsstunden, endlich gar nicht mehr. Sobald er es sich im Bette bequem gemacht hatte, ward er wieder gesprächig und heiter, und leuchtend blitzte die geistige Kraft auf.

Es machte einen trüben Eindruck, den Mann auf den ärmlichsten Raum des Daseins beschränkt und in jeder freien Bewegung schmerzlich gehemmt zu sehen, dem einst das Leben nicht weit genug schien. Doch längst war er im Leiden geübt, und auch mit dieser Weise befreundete er sich. Von der letzten Höhe des Wegs schaute er aus einem andern Gesichtspunkte auf das Leben zurück, das in neuer Beleuchtung wie ein durchmessenes Land, von dem der Wanderer Abschied nimmt, hinter ihm lag. Noch einmal machte er seinen Umkreis durch. Zunächst in der Lectüre; Shakspeare und Ben Jonson, Calderon und Lope, Tasso und Goethe, alle Geister seiner Jugend rief er auf. Er sagte, er habe versuchen wollen, welchen Eindruck das Buch in seiner jetzigen Lage auf ihn machen werde. Auch die Bibel las er von Anfang an durch. Abwechselungen gewährten die neuesten Erscheinungen der Literatur, die er flüchtig durchlief, seine Bücherkataloge und die Zusendungen von Freunden. Auf einem kleinen Tische, neben dem alterthümlichen Himmelbette, an dessen unterm Ende ein Lehnstuhl für den Besuchenden stand, lagen die nächsten Bücher, sein unentbehrlicher Rothstift und das übrige gelehrte Handwerkszeug.

Noch 1850 dictirte er eine freie Uebersetzung von Sheridan’s „Nebenbuhlern“. Dann begann er die Revision der Novellen für die neue Gesammtausgabe, deren erste Lieferungen er noch sah. Sein letzter literarischer Plan war, eine Auswahl seiner Briefe zu geben, die er zu diesem Zwecke nochmals durchging. Das Letzte, was er für den Druck schrieb im Spätherbst 1852, war das kurze Vorwort zu den Märchen von Wahl. Der herzliche Zuruf: „So fahre denn wohl, du liebes Büchelchen!“ war sein Abschiedswort für die Literatur.

Seit er keine geselligen Kreise mehr bildete, ward die Zahl der Freunde, die sich an seinem Bette versammelten, immer geringer. Die Gegenwart von mehr als etwa Dreien konnte er ohnehin nicht ertragen. Dennoch blieb er mit der Außenwelt in Verbindung. Regelmäßig gegen Abend kam früher sein Bruder, der die letzten Stunden des Tages bei ihm zubrachte. Es war interessant zu hören, wie ihre Erinnerungen sie in Scherz und Ernst auf alte Zeiten zurückleiteten. Auch er war geistvoll, in den verschiedensten Zweigen des Wissens reich an Kenntnissen, sicher in seinem Urtheile, mit den ausgezeichnetsten Personen hatte er Umgang gehabt, seine Unterhaltung war beredt und anziehend. Man mußte es tief bedauern, daß Schwäche des Charakters und ungünstige Umstände ein so reiches Talent nicht hatten zur vollen Entwickelung kommen lassen. Nach schwerer Krankheit war er 1851 gestorben. Auch Tieck’s ältester und treuester Freund, F. von Raumer, besuchte ihn täglich. Oft kam er unmittelbar von parlamentarischen oder literarischen Kämpfen, und lebendig und frisch wußte er stets Neues zu berichten, wie es draußen in der Welt hergehe, und manches bewegte Gespräch zu veranlassen. In allen praktischen Dingen war er seit langer Zeit der vertrauteste Rathgeber. Aehnlich stand der Graf York-Wartenburg, ein Freund aus der dresdener Zeit, der in Leben und Dichtung an Allem, was Tieck betraf, den lebhaftesten Antheil nahm; so oft er in Berlin war, besuchte er ihn. Sein Neffe, G. Waagen, Director bei dem Museum, berichtete ihm von Kunstsachen; andere treue Freunde, der Hofrath Teichmann vom Theater, der Professor Werder von Philosophie und Literatur. Auch manche Jüngere fanden sich ein, und Alle brachten herbei, was sie vermochten. So ward er mit Allem, was den Tag beschäftigte, auch mit dessen Launen und Wunderlichkeiten bekannt, und selbst über das eben auftauchende Unwesen des Tischrückens und der Klopfgeister lächelte er noch sarkastisch.

Gern und oft führte er aus, wie er immer reich an Freunden gewesen sei, und wie es zum Wesen der Freundschaft gehöre, mit einem jeden ein besonderes und eigenthümliches Leben zu führen; wie sich das auch auf Gleichgültigeres erstrecke, denn was er dem Einen leicht, fast unwillkürlich mittheile, komme ihm bei der Unterhaltung mit einem Andern nicht in den Sinn. Dann ließ er alle bei sich vorüberziehen, Wackenroder, Novalis, Fr. Schlegel, Solger, und wie er so lange sie alle überlebt habe. In diesem Sinne schrieb er schon 1832 an Raumer: „Ist es nicht die Seligkeit der Freundschaft, daß wir von jedem echten Freunde auf eine ganz eigene, andere Art geliebt werden, wie wir jedem denn auch mit einer eigenthümlichen Liebe entgegenkommen? — — Wie hätte z. B. A. W. Schlegel die Liebe brauchen können, mit welcher ich Novalis zugethan war? Wackenroder hätte mit meinen Solger’schen Geistesergüssen nichts anzufangen gewußt, und Solger hätte sich gewiß zurückgezogen, wäre ihm eine Freundschaft wie zu Wackenroder in mir entgegengetreten. — Je mehr wahre Freunde der Mensch hat, je reicher gestaltet und entwickelt er sich selbst. Nur der selbst reiche Mensch kann auch viele reichbegabte Freunde haben.“