Die angenehmste Unterhaltung, vielleicht der letzte Genuß, der ihm geblieben, waren im vertrauten Gespräche seine Erinnerungen. Das ganze Leben rollte sich vor dem Blicke auf, und in der Erzählung jugendlicher Kämpfe und Abenteuer, von seinem ersten Dichten und Ahnen ward er wieder jung. Jene ältern Männer, die er damals gesehen und gekannt hatte, standen in seiner Phantasie als Greise da; er war der Jüngling, er war kühn, unternehmend und hoffnungsvoll. Die Zeiten verschwanden in dieser Entzückung, seine Umgebung vergaß er, und übertrug die Bezeichnung „der alte Herr“ auf lebende Personen, welche jünger waren als er. Neben den Freuden der Jugend durchlebte er auch alle Schmerzen und Verluste, die er erlitten, jeden Kummer, den er an und mit Freunden und Verwandten erfahren hatte, und alte Wunden brachen auf. Dann vergrub er sich in verzehrenden Gram und Schwermuth. Indem er der Geschlechter gedachte, welche an ihm vorübergegangen waren, sagte er: „Ich fühle, was die Schrift sagen will, wenn sie die Patriarchen alt und lebenssatt nennt. Man hat endlich auch des Lebens genug. Welche Augenblicke kommen nicht in einsamen und schlaflosen Nächten, wo alle Erfahrungen und Verluste an uns vorübergehen! Ich habe meine nächsten Angehörigen und Freunde verloren. Alles, was ich mit ihnen erlebt habe, wie ihr Verlust, ist mir wie gestern. Man kann wol zu Zeiten heiter sein, aber dergleichen verschmerzt sich nicht.“
Diese gramvollen Erinnerungen, die ihn Tage und Nächte lang beschäftigten, führten ihn wieder auf wohlbekannte allgemeine Betrachtungen. Wie räthselhaft waren nicht Talent, Glück und Unglück im Leben vertheilt! Was wollte das Uebel, das Böse in der Welt, was war Gottes Rathschluß mit ihr? Es waren dieselben Fragen, vor denen er als Jüngling gestanden hatte. Doch zwischen jetzt und damals lag ein langes Leben, sein Ergebniß war eine fromme und demüthige Weisheit. Stets schloß er mit dem Gedanken hingebender Resignation ab. Wohin immer Zweifel und Forschung führen, was er auch erlebt habe, oder die Zukunft ihm bringen möge, er stehe in der Macht und Hand Gottes, was sein unendlicher Rathschluß ihm zutheile, sei das Beste. Seit er diese Hingebung an einen heiligen Willen gewonnen, könne er die ruhige und versöhnte Stimmung nie ganz verlieren, auch wenn sie von Zweifeln angefochten werde, sie sei der Anfang der wahren Weisheit. In diesem Glauben söhnte er sich mit allen Schmerzen aus, die ihm so reichlich zu Theil geworden waren. Es war dieselbe Ansicht, die er 1832 in einem Briefe an Raumer aussprach: „Und warum sollen wir denn unsere Schmerzen nicht ausdulden, sind sie nicht unser kostbarstes Gut? Ohne die echten wäre ja unser Leben nur ein Spiel und die Freude nüchtern.“
Blickte er auf die hellen Seiten des Lebens, auf das, was ihm vor vielen Andern geworden war, wog er Schmerz und Freude, Verlust und Besitz gegeneinander ab, so schloß die Rechnung mit tiefster Demuth und der frommsten Dankbarkeit gegen Gott. Was hatte er gethan, um diese reichen Talente, diese Entzückungen zu verdienen? Warum war es gerade ihm gegeben? „Alles ist Wohlthat und unverdiente Gnade“, sagte er.
Diese Frömmigkeit war stets eine Grundstimmung seines Herzens, aber niemals hatte er sie auf der Zunge getragen, sondern als sein Heiligstes, was er nur den vertrautesten Freunden zeigte, in sich verschlossen. Nach der Feier seines sechzigsten Geburtstags schrieb er an Raumer: „Wesentlich ist mein Leben ein glückliches gewesen. Diese tödtlichen Krankheiten habe ich überstanden, und bin gesunder und kräftiger als Viele meines Alters. Mir ward es vergönnt, das Schöne und Große zu sehen und zu erkennen. Der Enthusiasmus, der mich auf meine Bahn getrieben hat, war kein vorübergehender Jugendrausch, die Vorzeit ist mir verständlich geworden, die Natur mir befreundet, und viele große Geister der Weltgeschichte und Kunst sind mir kein stummes Räthsel. Meine Arbeiten haben auf meine Zeit und edle Gemüther eingewirkt.“ Im Jahre 1831 schrieb er an denselben Freund: „So viele Menschen wissen ihres Jammers und der Anklage kein Ende, und ich weiß in Dankbarkeit gegen Gott keine Ausdrücke zu finden, über so unermeßliches Glück, dessen er mich gewürdigt hat; — daß weder Andacht, noch Idee, noch Kunstverständniß, ohne Gnade, ohne jene unmittelbare Vereinigung mit dem Göttlichen, zu dem mein Ich nichts thun kann, in mir aufgeht, und daß ich doch täglich so in verschiedener Gestaltung, die Ewigkeit in dem Unnennbaren in meinem Innern fühle. Wodurch habe ich es verdient, daß die Gnade mich so vor Tausenden, vor Millionen ausgewählt hat? Dies Geheimniß bleibt unerforschlich. Der also, der so viel für mich unwidersprechlich gethan hat, wird mich nicht fallen lassen, wenn ich seine Gnade nicht sündlich misbrauche. Das Innerste, der Geist dessen, was ich gedacht, gearbeitet, geschaut, jede Begeisterung und Entzückung folgt mir nach, oder vielmehr, ich finde sie da wieder, von wo sie mir auf Augenblicke in meine Seele herabstieg.“
Wenn er in den letzten Tagen in einem ähnlichen erhabenen Tone sprach, schien eine höhere Weihe und Entzückung auf ihm zu ruhen; er hatte mit der Erde abgeschlossen. Diese tiefe Ruhe theilte sich allmächtig mit, und wer an seinem Bette saß, fühlte sich auf einer geistigen Höhe, zu der das verworrene Geschrei des gewöhnlichen Lebens nicht mehr hinaufreichte.
In solchen Gesprächen kam er häufig auf die Lehren des Christenthums. Er beugte sich vor ihrer Heiligkeit und Einfachheit, ihrem Tiefsinn und ihrer reinigenden Kraft; sie waren ihm das Höchste, was die Welt gesehen. Wenn er am Gemeindeleben keinen Antheil nahm, so hatte das den nächsten Grund in seiner Kränklichkeit. Die dröhnenden Töne der Orgel übten einen Druck auf die Nerven aus, dem er nicht widerstehen konnte. Auch manche Predigt fand er trivial und gewöhnlich. Sein Standpunkt konnte kein anderer sein, als der evangelischer Freiheit, darum erhob er sich über den confessionellen Kampf. Allein aus einer echt protestantischen Ueberzeugung ging früher seine Anerkennung des Katholicismus hervor, welche ihm so oft die Anklage, daß er ein heimlicher Katholik sei, zugezogen hatte. Nichts war unwahrer. Geistige Freiheit und Selbstbestimmung vertheidigte er zu allen Zeiten, und vor allem im Heiligthum religiöser Ueberzeugung und des Glaubens. Die Herrschaft und amtliche Bevormundung durch Priester, die Verketzerung und Verfolgungssucht war ihm als beschränkt und unchristlich in allen Gestalten zuwider. Das Höchste sah er in der christlichen Milde und Duldung, welche allein den Zwiespalt des Lebens thatsächlich auszugleichen vermag.
Im März 1853 besuchte ihn der Prediger Sydow, den er von Potsdam her kannte. Tieck hatte manche persönliche Berührung mit ihm gehabt, und ihm bei seiner Reise nach England Empfehlungen an einige Würdenträger der dortigen Kirche mitgegeben. Die theologische Richtung desselben war ihm bekannt; er wußte, daß er der Schule Schleiermacher’s angehöre. Das Gespräch, welches jetzt geführt wurde, faßte er im Hinblick auf sein vielleicht nahe bevorstehendes Ende auf. „Ich wünsche“, sagte er, „daß Sie an meinem Grabe sprechen, und nicht etwa einer von den Zeloten.“ Nachdem ihm die Zusicherung des letzten Dienstes geworden, sprach er bald darauf denselben Wunsch gegen Raumer aus, den er als nächsten Freund verpflichtete, für die Vollziehung seines Willens Sorge zu tragen. Das letzte Wort, das über ihn als Mensch gesagt wurde, sollte ein Wort der Versöhnung sein.
Immer näher rückte der Augenblick des Scheidens, auf den er sich innerlich seit Jahren vorbereitet hatte. War doch sein Leben seit lange nur ein Abschied vom Leben gewesen! Oft wenn er den Freunden die Hand drückte, war es ihm, als sei es zum letzten Male geschehen. Und jetzt schlug die Stunde. In den Wintermonaten hatten die körperlichen Kräfte abgenommen. Die gewohnten Nahrungs- und Stärkungsmittel widerstanden ihm, oder versagten ihre Dienste. Der Austern und Spargel, die er leidenschaftlich gern gegessen hatte, ward er überdrüssig; der leichte Frankenwein, den er zu trinken pflegte, erhitzte und machte ihm Beschwerde. Seit der letzten Krankheit war das, was er zu sich nahm, auf das geringste Maß herabgesunken, und die Appetitlosigkeit stieg bis zum Widerwillen gegen das Essen überhaupt. Da häufig dabei ein Verschlucken, dann lang anhaltender und heftiger Krampfhusten eintrat, war es ihm zur Pein und ein Gegenstand ängstlicher Besorgniß geworden. Den Mangel der Nahrungsmittel ersetzte noch ein gesunder und regelmäßiger Schlaf; nach einer ruhigen Nacht fühlte er sich immer zu heiterm Gespräch aufgelegt.
Es war in der Osterwoche, als sich ähnliche Anzeichen, wie sie der letzten schweren Krankheit vorangegangen waren, einstellten; Beklemmungen, starke Schleimansammlung auf der Brust, Luftlosigkeit, Beschwerde beim Sprechen und steigende Schwäche. Aber das Leben siegte noch für einen Augenblick. Am 29. März dictirte er einen Brief, in dem er die Hoffnung auf literarische Arbeiten aussprach. „Diese Krankheitsstimmung wird vorübergehen“, sagte er darin. Schon am folgenden Tage kehrte sie mit verdoppelter Gewalt zurück. Die krankhaften Beklemmungen stiegen bis zur Gefahr des Erstickens, die Schwäche ging in Ohnmacht über, eine tödtliche Erstarrung trat ein. Als der herbeieilende Arzt einen Aderlaß verordnete, floß das Blut erst nach wiederholten Versuchen an beiden Armen. Mehrere Stunden währte die Todesgefahr. Endlich trat eine Gegenwirkung ein; die sinkenden Kräfte sammelten sich, aber die Hoffnung, das fliehende Leben festzuhalten, war gering.