Noch kämpfte der Frühling mit einem rauhen Nachwinter. Man tröstete sich, die warme Sonne werde ihn befreien von dem Drucke, der auf ihm lastete. Das Bedürfniß geistiger Mittheilung erwachte wieder, und er setzte es durch, daß seinen Freunden der Zutritt verstattet wurde. Er hatte sich in diesen Tagen sehr verändert. Die Athemzüge gingen in einen bald röchelnden, bald pfeifenden Ton über, die sonst so klangvolle Stimme war rauh und heiser, das Gesicht kleiner geworden, ein wehmüthig schmerzlicher Zug um den Mund gab ihm einen fremden Ausdruck. Er versuchte die Unterhaltung in gewohnter Weise zu beginnen; es ging nicht mehr. Nach wenigen Minuten mußte er, was er sonst nie that, das Zeichen zum Aufbruch geben. Er sprach über seinen Zustand, und klagte über schweren und doch häufig unterbrochenen Schlaf. In den Stunden unruhigen Wachens hatte er zu den Büchern gegriffen, die ihn zuletzt beschäftigten. Geistig war er klar wie nur sonst, und gern kehrte er zu frühern Gedanken zurück. Von Lessing sagte er: „Welch’ eine Natur! Nie hat einer die Skeptik edler und würdiger verkündet, und doch die Fundamente nicht berührt!“ Seinen oft wiederholten, aus tiefem Herzen kommenden Abschiedsworten: „Leben Sie wohl, leben Sie recht wohl!“ fühlte man die Todesschauer an. In einigen Unterredungen mit Raumer machte er die letzten irdischen Dinge ab. Seinen Diener hatte er schon früher der Gnade des Königs empfohlen.

Am 25. April Vormittags forderte er heftig zu essen, es war ein letztes Aufflammen der Natur. Dann befahl er die Fenstervorhänge zu schließen, weil er schlafen wolle. Am Abend desselben Tages traf seine Tochter aus Schlesien ein, der man von seinem Zustande Nachricht gegeben hatte. In der folgenden Nacht traten Augenblicke der Betäubung ein, die zwar den angewandten Mitteln wich, aber eine noch schlimmere Wendung der Krankheit fürchten ließ. Am 27. April Nachmittags hatte er eine letzte Unterredung mit seiner Tochter. Er hatte mit der Erde abgeschlossen.

Seit dem Eintritt der Nacht sprach er nicht mehr. Die gereichten Medicamente vermochte er nicht mehr zu nehmen; er verfiel in einen dumpfen, betäubenden Schlaf. Gegen Morgen ward der Athem leiser; es war der Todesschlummer. Ein Viertel nach sechs Uhr am 28. April that er den letzten Athemzug. Sein Schmerzenslager war zur stillen Friedensstätte geworden. Das tiefe Auge, die beredte Lippe hatte sich geschlossen, aber auf dem Gesichte ruhte eine sanfte Verklärung. Es waren wieder die wohlbekannten Züge, mild und groß, die reine hohe Stirn. Es war das edelste Haupt!

So war denn der Traum des Lebens ausgeträumt, der dunkle Vorhang gehoben, vor dem er so oft zweifelnd und bangend, hoffend und glaubend gestanden hatte! Das Räthsel war gelöst. Was den Dichter in heiliger Begeisterung durchzuckte, der Glanz, der in einzelnen Strahlen sein geblendetes Auge getroffen hatte, war ihm ein Unvergängliches geworden, das Geheimniß offenbart, die Schauer und Ahnungen Gottes erfüllt.

„Tieck ist gestorben!“ so ging in den nächsten Tagen die Kunde von den Freunden in die weitern Kreise über; sie durchlief die öffentlichen Blätter in Berlin, in allen Gegenden Deutschlands. Lange hatten sie von dem greisen Dichter geschwiegen; sein Tod gab Veranlassung, noch einmal das Wort über ihn zu erheben, der Vergangenheit gehörte er jetzt an. Es war ein Ereigniß in der literarischen Welt, dessen abschließende Bedeutung unverkennbar war. Aus dem Geräusch handwerksmäßiger Tagesarbeit, der Erbitterung religiöser Streitfragen und politischer Kämpfe, und der Besorgniß allgemeiner Krisen wandte sich die Aufmerksamkeit für einen Augenblick zu dem Manne zurück, der in dem Garten der Poesie gelebt hatte. Das Haupt und der Fürst der Romantik, der letzte Dichter aus einer großen Zeit war gestorben! Bei den Aeltern stiegen die vergessenen Erinnerungen einer begeisterten Jugend auf, wo auch sie diesen nun verklungenen Zaubertönen gelauscht hatten!

Am 1. Mai wurde er bestattet. An der Stelle, wo er so oft vor seinem Lesepulte eine lebensvolle Welt geschaffen hatte, stand der einfache Sarg, der die irdischen Reste einschloß. Das grüne, unverwelkliche Lorberreis lag darauf. Er hatte es wohl verdient! Kein prunkendes Leichengefolge hatte sich eingefunden; es handelte sich um keine Kundgebung, keine Parteiansicht. Die Anwesenden hatte Liebe, Freundschaft und Verehrung, oder die Anerkennung des großen Mannes herbeigeführt. In ihrer Mitte stand ein Altersgenosse des Dichters, A. von Humboldt, wie er Zeuge und Mitstreiter im Wettkampfe der größten Geister. Die Vertreter der Wissenschaft und der Künste, der Akademien, der Universität und Gymnasien, des Theaters und der Literatur, und zahlreiche Freunde und Verehrer schlossen den Kreis, in dem sich mancher berühmte Name fand. Der Domchor stimmte den Choral an: „Wenn ich einmal muß scheiden“; der Prediger Sydow sprach in ergreifenden Worten den letzten Scheidegruß, wie sie nur aus dem Verständniß des Geistes und wahrer Verehrung hervorgehen können. Er stellte ihn dar als einen der Hochbegabten und Hervorragenden, die berufen sind, die großen Schlachten des Geistes zu schlagen. Und der Chor sang: „Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit!“ und „Christus ist die Auferstehung und das Leben!“

In langem Zuge bewegte sich das Trauergefolge durch die versammelte Menschenmenge, die Friedrichstraße hinab, dem Halleschen Thore zu. Der Wagen des Königs folgte dem Sarge unmittelbar. Auf dem Friedhofe der Dreifaltigkeitskirche, neben dem Grabe Schleiermacher’s, nicht fern von seinem Freunde Steffens, war auch für Tieck die letzte Ruhestatt bereitet. Nach langen winterlichen Stürmen schien die Sonne zum ersten Male hell und warm. Sie brachte den Frühling, den klaren Himmel, und ihm die Ruhe. Als der Sarg eingesenkt wurde, und die Erdschollen auf die reichen Blumenkränze niederfielen, stieg oben im blauen Raume die Lerche auf; als die Trauernden den Kirchhof verließen, schlug die Nachtigall im jungen Grün. Die Natur blieb ihrem Dichter treu. Der Frühling hatte ihn an der Schwelle des Lebens empfangen, er gab ihm am Ausgange das letzte Geleit. Am 31. Mai 1773 war er geboren, achtzig Jahre später, am 1. Mai 1853, wurde er bestattet.

Da ruht er draußen auf der Anhöhe vor den Thoren seiner Vaterstadt, die ihn nun nicht wieder verlieren wird. Ueber dem Grabhügel rauscht traulich der Fliederbusch und die Pappel, und über Gebüsch und Felder blickst du hinab zur Stadt, die mit ihren Häusern, Straßen und Thürmen sich ausbreitet unten zu seinen Füßen. Da braust der wogende Strom des Lebens fort, auf dem auch er kämpfte, bis er sanft zum Hafen geleitet wurde.

Sein Leben war ein volles menschliches, wie es nur Wenigen vergönnt ist. Gefühl, Phantasie und Dichterkraft trugen ihn empor, Kunst und Wissenschaft nannte er sein, und das Feuer höchster Begeisterung durchglühte ihn. Aber auch Leiden, Schmerz und die Angst der Verzweiflung, die nach dem Göttlichen sucht, waren ihm in hohem Maße zu Theil geworden. War er an Liebe und Freundschaft reich, so ist ihm auch Neid und Misgunst nicht erspart worden. Engherzigkeit und böser Wille haben ihn oft geschmäht, sie riefen ihm zu, daß er schon vergessen sei. Er ist nicht vergessen! Nur was irdisch an ihm war, deckt der Grabeshügel. Er lebt und wird leben im Garten der Poesie mit jenen großen Geistern, die seine entzückte Rede so oft gefeiert hat! Er lebt und wird leben, solange das Gedächtniß deutscher Dichtung lebt!

In den prophetischen und tiefsinnigen Worten seines sterbenden Dichters hat er auch auf sein Denkmal die Inschrift gesetzt: „Das ist eben das Uebermenschliche in den Schicksalen großer Helden und Volkslehrer und Wohlthäter der Menschen, daß man sie vergißt, wol verkennt; und die tiefe Rührung unsers Herzens, das schönste Gefühl unserer Anbetung aus der Ferne nach tausend Jahren noch, diese Huldigung der Urenkel und spätesten Nachkommen, die jedes Gemüth, welches der Erkenntniß des Großen und Schönen fähig ist, opfert; dieses, was nicht Gold, noch Ehre, noch Lob ist, diese stumme Bewunderung, in der die reinste Verehrung und ein heiliges Mitleid sich wundersam vermischen, ist jener Helden schönster Lohn. So sind sie nicht vergessen, nicht verarmt, vertrieben, gestorben; die Geisterwelt ist ihre Heimat, der Palast, den sie bewohnen. Und jede gute That, jede schöne Regung, der Glaube an den Adel der Menschennatur wächst und blüht in diesem geweihten Boden!“