5. Tieck’s Werke.
Des Dichters Werke sind sein Leben. Jede seiner Schöpfungen ist eine That seines Geistes, in der er die höchsten Kräfte sammelte, ein Zeichen, an dem die Abschnitte des Weges gemessen werden, den er zurücklegte. Seine Werke sind das Erbe, welches er der Nachwelt hinterläßt; wer sie kennt, kennt den Dichter. Aber weil sein Leben in seinen Werken liegt, darum muß man jenes kennen, um diese zu verstehen. Nur aus der Erkenntniß des Wechselverhältnisses zwischen Leben und Dichtung, zwischen Mensch und Dichter ergibt sich ein klarer Einblick in sein Wesen, eine gerechte Würdigung seiner Stellung. Alles Sammeln zur Lebensgeschichte der Dichter, alles Erklären ihrer Werke beruht darauf.
Auch die Erinnerungen aus Tieck’s Leben sind eine historische Erläuterung seiner Werke; sie weisen deren Entstehung als Thaten seines Geistes nach. Von einem andern Standpunkte aus über sie zu sprechen, ist nicht die Absicht, obgleich es nicht an Stoff gebräche, schon darum nicht, weil so Vieles über sie gesprochen worden ist. Doch soll zum Schlusse noch einmal davon die Rede sein, wie er sich menschlich und schriftstellerisch im Einzelnen zu ihnen verhielt.
„Man muß es erlebt haben!“ war sein Losungswort. Er hatte erlebt, was er dichtete. Seine Dichtungen waren der reine Ausdruck seines innern Lebens; sie waren etwas durchaus Persönliches, ein Theil seines Wesens. Darin liegt ihre Bedeutung, die Tiefe ihrer Gedanken, die Kraft, die Lebendigkeit, die Anschaulichkeit der Darstellung.
Aber auch Vieles von dem, was er äußerlich erlebte und erfuhr, hat er darin niedergelegt. Für die Novellen hat man das immer anerkannt, nur aus der Fülle der Erfahrungen und Beobachtungen konnten sie hervorgehen. Wenn es sich bei ihm mehr als bei tausend Andern bestätigt, daß es darauf ankomme, wie man die Dinge erlebe, so war er doch in dem, was er erlebte, nicht minder bevorzugt. Freilich waren Leiden kein geringer Theil davon. Wer sein Leben kannte, wußte, daß auch in den frühern Dichtungen Vieles der Art zerstreut sei. Mit historischer Treue hat er es in der Regel gegeben, höchstens, daß er etwa einen Namen verschwieg, oder einen erfundenen an dessen Stelle setzte. Er hatte keine Veranlassung, zu ändern und umzugestalten. Die historische Wahrheit des Thatsächlichen verband sich ungesucht mit der dichterischen Wahrheit. Das ist kein geringes Zeugniß für seine Dichtungen überhaupt.
In solchen vereinzelten Darstellungen aus seinem Leben hat er Bruchstücke der Denkwürdigkeiten gegeben, die er nicht geschrieben hat. Aber man könnte sie daraus herstellen. Gesammelt ergeben diese zerstreuten Züge sein Lebensbild, nicht wie er es im Ganzen entworfen hat, aber wie es ihm aus dem Standpunkte des Augenblicks, von einer Seite her betrachtet erschien. Die folgenden Nachweisungen machen den Versuch, eine solche Zusammenstellung einzelner Lebensmomente nach ihrer Zeitfolge zu geben.
Erinnerungen aus der Kindheit und dem Knabenleben finden sich in dem „Jungen Tischlermeister“; seines Vaters Erzählungen von dem Magister Kindleben sind bei der Schilderung des alten Magisters benutzt. Die jugendliche Begeisterung des Tischlers für den „Götz“ ist seine eigene. Züge aus dem Jugendleben enthalten ferner: „Der Weihnachtsabend“ die Schilderung des berliner Weihnachtsmarkts; die Gespräche im „Phantasus“ die Geschichte des magischen Theaterbillets; „Musikalische Leiden und Freuden“ seine jugendlichen Versuche in der Musik; „Der junge Tischlermeister“ seine Schülerfahrten nach Jessen und Wittenberg; die Geschichte „Peter Leberecht’s“ eine Charakteristik seines Jugendfreundes Piesker unter dem Namen Liesker; die Novelle „Das Zauberschloß“ die Schilderung eines andern Schulgenossen Namens Schwieger. Den Mann mit dem rothen Rocke, der die fixe Idee hat, die Pygmäen mit seiner Peitsche verfolgen zu müssen, der in den „Reisenden“ erscheint, hatte er als Schüler auf einer Hochzeit in einem berliner Bürgerhause gesehen. Die Erinnerungen an Franken und seine Irrfahrten im Fichtelgebirge mit Wackenroder hat er im „Jungen Tischler“ niedergelegt; der Mondsüchtige, der jene mondbeglänzte Zaubernacht im Fichtelgebirge schildert, ist er. Die Eindrücke, welche er in Nürnberg empfing, liegen dem „Sternbald“ zu Grunde; sein Abenteuer im Lager der Reichstruppen bei Fürth erzählt er in den Gesprächen im „Phantasus“. Die muthwillige Täuschung Wackenroder’s, daß der Hund lesen gelernt habe, läßt er dem alten Labitte im „Hexensabbath“ widerfahren. Die Nachtscene, die er in Göttingen beim Lesen des „Macbeth“ erlebte, schildert er im „Lovell“; von seinen Studien des Spanischen in dieser Zeit spricht er im „Zauberschloß“. Die Abenteuer mit jener Ophelia und dem Irrsinnigen, der sich für einen Sohn Friedrich’s des Großen hielt, erzählt er in den „Reisenden“ und im „Jungen Tischler“; die Geschichte mit dem Bergmann im „Alten vom Berge“, der nie ein Kornfeld gesehen hatte, erlebte er in Andreasberg am Harz.
Einzelne Erlebnisse aus der spätern Zeit bis zur Uebersiedelung nach Dresden gibt er an folgenden Stellen: In den „Abendgesprächen“ die Vision von 1798, als er seiner Braut bis Tegel entgegenging; in der „Gelehrten Gesellschaft“ eine Schilderung seines literarischen Lebens mit Wackenroder, Bernhardi und Andern; in der Novelle „Waldeinsamkeit“ spricht er von der Entstehung des „Blonden Ekbert“; ebenda finden sich Erinnerungen an Jena. Die satirisch-phantastischen Lustspiele schildern sein Verhältniß zur damaligen literarischen Welt; seine Liebhaberei für Bleisoldaten übertrug er auf den alten König im „Zerbino“; in den „Briefen über Shakspeare“ und den Gesprächen im „Phantasus“ berichtet er von seiner Theaterleidenschaft. Von dem Eindrucke, den Jakob Böhme’s Schriften auf ihn machten, erzählt er in der Person des Pfarrers Watelet in den „Cevennen“, dessen religiöse Ansichten die seinen sind. Seine Reise durch Deutschland im Jahre 1803 mit Burgsdorff, seine damaligen Verhältnisse und Stimmungen stellt er in der „Sommerreise“ dar und im „Jungen Tischler“; das musikalische Leben in der Familie des Grafen Finkenstein in den „Musikalischen Leiden und Freuden“. Reichardt’s Buch „Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate“ gab Veranlassung zu der Novelle „Der Geheimnißvolle“. Ein dichterisches Tagebuch seiner italienischen Reise enthalten die „Reisegedichte eines Kranken“; den Eindruck der Musik in der päpstlichen Kapelle gibt er in den „Musikalischen Leiden und Freuden“, Erinnerungen an das deutsche Liebhabertheater in Rom im „Jungen Tischler“, an seinen Aufenthalt in Florenz im „Pokal“. Krankheit und Leben in München wird geschildert in den Gesprächen im „Phantasus“ und im „Liebeszauber“. Die Scenerie für die Gesellschaft im „Phantasus“ ist aus dem Leben in Ziebingen entnommen; der blödsinnige Theophilus ist eine Gestalt, der er dort begegnete. Der Held der „Zopfnovelle“, der sich für einen Ziethen’schen Husaren hält, ohne jemals Soldat gewesen zu sein, ist eine historische Person. Er war Verwalter in Ziebingen, und wirklich stellte man zu seiner Beruhigung Nachforschungen in Berlin an, in Folge deren seine wunderliche Selbsttäuschung entdeckt wurde. Anekdoten aus dem Leben Fichte’s und Oehlenschläger’s, deren Zeuge er selbst war, gibt er in den „Uebereilungen“, seine Erfahrungen vom Somnambulismus erzählt er in den „Wundersüchtigen“.
Endlich haben die dresdener Verhältnisse den Stoff für die „Vogelscheuche“ geliefert, in der mehrere literarische Persönlichkeiten jener Zeit auftreten; ebendaher ist die Dichterin im „Zauberschloß“. Von seinen Besuchen in Sesenheim, Stratford und bei Ulrich Hegner erzählt er im „Mondsüchtigen“. „Dichterleben“ und der „Tod des Dichters“ enthalten eine Reihe von Selbstbekenntnissen und Schilderungen im Munde Shakspeare’s und Camoens’. Die Ansichten über die altenglische Bühne entwickelt er als Professor im „Jungen Tischler“, den er auch sonst mit manchen seiner Eigenthümlichkeiten ausgestattet hat. Seinen prosaischen Jugendfreund Piesker, wie er ihn später in Dresden wiedersah, schildert er als Beskow in der „Reise ins Blaue“; seine Stellung zum Jungen Deutschland bespricht er ebenda, und im „Wassermensch“, „Eigensinn und Laune“, „Vogelscheuche“ und „Liebeswerben“.