Den Stoff zu Novellen gaben auch Anekdoten, welche Freunde ihm erzählt hatten, so zum „Wassermensch“, „Eigensinn und Laune“, „Die Klausenburg“, „Der Weihnachtsabend“; die Veranlassung zum „Funfzehnten November“ ein Kupferstich in einem holländischen Buche, der eine Ueberschwemmung darstellte.

Ueberall, was man auch berühren möge, treten eigene Erlebnisse und Erfahrungen entgegen. Der Stoff aus dem Leben drängte sich ihm von allen Seiten herzu, niemals war er darum verlegen, eher war es ihm zu viel, was er Alles noch aussprechen und darstellen wollte. War er im Zuge der Arbeit, so reichten Zeit und Kraft kaum hin. Er arbeitete unendlich rasch und leicht, namentlich in seiner Jugend, wo er oft mit kühner Sorglosigkeit die Dinge unter der Feder entstehen ließ. Alles Verbessern, Feilen und Putzen im Einzelnen war ihm verdrießlich. Selten corrigirte er, noch seltener entwarf er Concepte. Alles, was er schrieb, war aus einem Gusse; wie er es vorher innerlich bei sich festgestellt hatte, so sprach er es aus. Diesen Charakter des Flüssigen und Fertigen tragen auch seine Manuscripte. Zu dem, was einmal fertig war, kehrte er ungern zurück.

Man kann darum nicht sagen, daß er übereilt gearbeitet habe; die Vorbereitungen währten vielmehr oft sehr lange. Er kannte keine abgemessene Methode des Arbeitens; thatsächlich aber lag sie in einem steten Wechsel von träumerischem Nachdenken und Versinken und dem angestrengtesten mechanischen Schreiben. Hatte er sich unter vielen Plänen und Gestalten, die ihm vorschwebten, endlich für einen entschieden, so fing er an den Stoff innerlich zu durcharbeiten und zu bilden, indem er scheinbar müßig und versunken seine Umgebung völlig vergaß. In solchen Zeiten ward Alles lebendig vor seiner Seele bis in das Einzelne hinein; er machte es, wie er zu sagen pflegte, im Kopfe fertig. Endlich kamen die Massen in Fluß, der Durchbruch trat ein. Hier entschieden nicht selten äußere Veranlassungen, eine bevorstehende Reise, das Drängen der Buchhändler, die sich um seine Novellen für ihre Taschenbücher bewarben. Nun begann er zu schreiben, ohne einen Freund zu sehen und zu sprechen, ohne sich vom Stuhle zu erheben; kaum daß er sich Zeit zum Essen ließ. So schrieb er in wenigen Tagen Novellen von vielen Bogen nieder. Mit unglaublicher Eile flog die Feder über das Papier hin.

Bei dieser zuströmenden Fülle konnte er sich nie zum dictiren bequemen; bei der Ungeduld, mit welcher er schrieb, war ihm der Umweg durch die Feder eines Dritten viel zu lang. Nur wenn er selbst dazu griff, fand er das rechte Wort. Die Stenographie, welche ihm in Berlin empfohlen wurde, wies er mistrauisch ab, und erst in den letzten Jahren, als er an das Bett gefesselt war, entschloß er sich zu dictiren, doch beschränkte er sich meist nur auf Briefe.

Tieck’s Methode zu arbeiten hing mit seinem Wesen genau zusammen, nur eine bedeutende Kraft konnte so arbeiten; doch fühlte er die Nachtheile, welche damit verbunden waren, sehr wohl. Wie er sich des Aufschiebens anklagte, so in vertrauten Briefen, auch seiner Art zu arbeiten; er könne seinen Stimmungen nicht gebieten, er versinke in Träumerei und arbeite dann wieder zu viel und zu rasch; nur Weniges von dem sei geschehen, was seine jugendliche Phantasie ihm als möglich gezeigt habe, das Beste sei unterblieben aus Uebermuth im Projectiren; der Mensch sei unersättlich in Plänen. Es fehlte an einem gewissen Gleichgewichte zwischen Ausführung und Entwurf; das Durcharbeiten desselben in der Phantasie verzehrte einen Theil der Kraft, und begünstigte am liebsten immer die neuesten Pläne und Stoffe.

In gelegentlichen mündlichen und schriftlichen Aeußerungen, in Briefen oder auch öffentlich, entwickelte er daher einen unendlichen Reichthum von Plänen. In solchen Andeutungen nahm er dann die Freude, welche er sich von ihrer Ausführung versprach, vorweg. Was er wollte stand klar und fest ausgeprägt vor seiner Seele, er sah das noch nicht Gewordene, und die Lebhaftigkeit der Phantasie ließ ihn die Linie übersehen, welche Gedanken und Ausführung trennte.

Von den Ausführungen solcher Entwürfe ist wenig vorhanden, denn nur in seltenen Fällen kam er bis zum Anfange derselben. Ein Plan, der neben dem Sternbald entstand, war, in einem Romane „Alma“, den er ein Buch der Liebe nannte, ein Gegenstück zu jenem zu geben. Seit 1797 trug er sich mit diesem Gedanken, seine theilweise Ausführung ist jedoch später und fällt in die Jahre 1803–6. Er klagte oft, daß diese Papiere verloren gegangen seien. Erhalten sind die unter dem Namen „Alma“ in die Gedichtsammlung aufgenommenen Sonette und Liebesgedichte. Die religiösen Fragen wollte er 1802 in einem andern Roman erörtern, dessen Skizze er in der Novelle „Die Sommerreise“ aufbewahrt hat. Lyrische Abschnitte aus einer dramatischen Bearbeitung der „Magelone“ finden sich unter seinen Gedichten. Einen Faust begann er in der ziebinger Periode zu dichten, der sich ebenfalls nicht erhalten hat. Einige andere Bruchstücke gibt der literarische Nachlaß. Doch sind davon nur der „Anti-Faust“, die dramatisirte „Melusine“ und ein Ansatz zu einer „Märchennovelle“ aus der spätesten Zeit erwähnenswerth. Wirklich angefangene und nicht vollendete Dichtungen hat er daher sicher nicht mehr hinterlassen als andere unserer Dichter, als Lessing, Schiller, Goethe.

Dennoch hat eine scharfe Kritik gerade bei ihm einen bedeutenden Nachdruck darauf gelegt; sie hat seinen Genius nicht nach dem gemessen, was er wirklich gethan und vollendet hat, vielmehr nach dem, was er thun wollte, was er unvollendet zurückgelassen hat. Es gibt kein ungerechteres Verfahren, als einem großen Dichter danach seine Stelle in der Literatur anweisen zu wollen. Diese Kritik glaubt erwiesen zu haben, daß Tieck’s Dichtungen seinem eigenen Wesen nach nur Fragmente sein konnten. Werfen wir solchen Behauptungen gegenüber einen Blick auf das Thatsächliche.

Tieck hat nach Ausweis des angehängten Verzeichnisses seiner Werke 23 vollendete dramatische Dichtungen hinterlassen, von denen fünf zuerst durch den Nachlaß bekannt geworden, und drei vollständig mitgetheilt worden sind. Zwei von jenen 23 Dramen bestehen jedes aus zwei fünfactigen Theilen nebst einem Vorspiel, „Octavian“ und „Fortunat“, eines, „Herr von Fuchs“, ist eine freie Bearbeitung nach Ben Jonson; alle Uebersetzungen sind von dieser Zählung ausgeschlossen. Auf so viel abgeschlossene und zum Theil sehr umfassende Dichtungen kommen vier nicht vollendete; der „Anti-Faust“, „Magelone“, „Melusine“ und das „Donauweib“.

Der erzählenden Poesie im weitesten Sinne gehören 75 vollendete Dichtungen an, davon kommen 38 auf die spätere Novelle, 37 auf die ältere Erzählung und den Roman, mit Einschluß der „Vittoria Accorombona“. Diesen stehen nur drei Fragmente gegenüber, der Roman „Sternbald“, die „Cevennen“ und das im Nachlaß mitgetheilte Bruchstück „Hüttenmeister“. Daß die Anlage des Phantasus nicht zur Ausführung gelangte, wird nicht in Betracht kommen, denn es ist ein Sammelwerk, das jeden Augenblick abgebrochen werden konnte, und die einfassende Gesprächsnovelle ist wesentlich abgeschlossen.